Es wird niemand einfach so zum Musikliebhaber. Meistens beginnt das schon ganz früh, man ist geprägt durch Eltern, Geschwister, sein Umfeld. Wieso sich aber derart starke Bezüge zu Bands, Stilen und so weiter entwickeln, ist nicht klar. Die Wissenschaft setzte sich bisher in einigen wenigen Studien mit der Wirkung und dem Einfluss von Musik auseinander. Warum aber jemand süchtig nach immer neuen Kombinationen der wenigen Tonfolgen wird, wurde meines Wissens bisher nie untersicht. Der bekannte englische Radio-DJ John Peel (1939 – 2004) lieferte eine wunderbare Erklärung: «Als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal, ohne jede Vorwarnung, Little Richard schreien hörte, klang das so wild, so exzessiv, dass ich echte Angst hatte, auf der Stelle wahnsinnig zu werden. Im Grunde ist es diese Erfahrung, auf die ich noch heute jede Mal hoffe, wenn ich eine Platte auflege.»
Nicht weniger schön sind die Geschichten von Hannes Hug, Daniela Mitidieri, Eliane Müller und Joël Bisang. Die Gespräche mit ihnen habe ich aufgezeichnet und zu einem Dialog verwoben. Angefanngen haben alle Diskussionen mit der Frage: «Was bedeutet dir Musik?»
Hannes Hug: Musik ist – erinnerst du dich an die «Liebe ist...»-Stickers aus den 1970er Jahren – also Musik ist in ihrer Bedeutung ähnlich schwer zu beschreiben wie die Liebe. Tja, Musik ist mein Adlerhorst, mein Zufluchtsort, mein Seelentrost, mein Energizer, eine mitunter vulgäre Freundin und ein lallender Freund. Musik darf den falschen Ton treffen, sie muss mich verzaubern um meine Musik zu sein und sie bedient meinen Sammlertrieb. Sie ist Liebe, sie ist Tod, sie ist Sex und mehr als nur ein Mehrwert. Sie ist ein charmantes Zuviel, opulente Dekadenz, dekadente Opulenz. Musik ist Magie und Müll, Tränen und Trümmer, Blitz und Donner. Musik ist, frei nach John Miles, meine erste Liebe und wird meine letzte Liebe sein.
Daniela Mitidieri: Auch wenns jetzt furchtbar kitschig klingt, sage ich: Musik ist der Soundtrack meines Lebens.
Eliane Müller: Musik ist für mich so wichtig wie Essen, Trinken und Schlafen. War es anfangs noch die Musik in Verbundenheit mit Tanzen, so ist es heute die pure Leidenschaft von Musik.
Joël Bisang: Musik hat einen sehr hohen Stellenwert in meinem Leben. Musik begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich bin mit klassicher Musik aufgewachsen. Im Alter von zehn Jahren habe ich im Zürcher Pfarrhaus die doofe Blockflöte gegen Klaviertasten eingetauscht. Trotz anfänglich konsequenten Nichtübens weckt die etwas spröde Frau Meier schliesslich Interesse für Schubert und Debussy. Mit 14 der Griff zur klassischen Gitarre, später kommt die E-Gitarre hinzu; auch ein Schlagzeug steht für längere Zeit im Keller. Musik ist also immer schon ein Teil meiner Welt. Sie ist aber auch Fluchtmittel und das kann etwas Verkrampftes erhalten. Ich bin eher ein introvertierter Mensch und Musik hilft mir dann mich hinter etwas zu verstecken. Gleichzeitig verkörpert Musik Kultur. Sie bietet ein immens grosses Feld.
Zulu: Musik ist der Mittelpunkt meines Lebens. Sie hat mich dahin getrieben, wo ich jetzt bin und sie wird mich an Orte trieben, von denen ich noch nichts weiss. Sie hat mein Leben in vielen Momenten bestimmt. Musik ist mein Antrieb, meine grosse Liebe. Und angefangen hat es mit dem Rocksong überhaupt – das klingt jetzt verdammt nach Klischee, ist aber genau so passiert: Ich hörte Ian Durys «Sex & Drugs & Rock’n’roll» und es war um mich geschehen. Mit diesem Lied entdeckte ich die fiese, gemeine Seite der Musik. Die Rockrakete wurde gezündet. Der Fanatiker in mir hob ab. Bis heute hat sich mein Verhältnis zur Popwelt nicht gross verändert: Ich will Musik spüren. Sie muss leben, sie muss Schmerz und Lust, Hass und Liebe, Schweiss und Tränen transportieren. Ungeachtet von Stilschubalden oder Aktualität. Musik ist der Spiegel meines Lebens, meine beste Freundin und meine Geschichte. Tat¬sächlich erfüllen zahlreiche Stücke in meiner Sammlung diese Kriterien. Vielleicht könnte ich gar mein Leben mit Songs erzählen: Es gibt so viele Erinnerungen an einzelne Lieder, das müsste aufgehen.
Daniela: Das geht mir auch so. Denn ich behaupte Frauen hören anders Musik als Männer, oder geben zumindest zu, dass sie mit jedem Lied eine Erinnerung verknüpfen. Ich habe zu jedem Lied eine Erinnerung. Jedes Lied erhält so eine Farbe, einen eigenen Geschmack. Gewisse Songs versetzen mich in eine Zeit zurück. Dann rieche ich etwas, fühle etwas. Früher habe ich Tagebuch geschrieben und eigentlich immer Zitate aus Liedern verwendet. Später habe ich dann meine Gedanken in Form von Musik auf Kassetten gebannt. Da steht dann beispielsweise drauf Oktober 05 drauf. Und das ist dann so, wie ich auflege: Wahnsinnig wirr, da kommt auf etwas lustiges, ein trauriger Song. Und wenn ich die Kassette jetzt abspiele, kommen mir all die Dinge aus dieser Zeit wieder in den Sinn.
Hannes: Für mich ist das keine Frage des Geschlechts. Ich habe auch als Mann Erinnerungen an Songs.
Joël: Das finde ich jetzt schwierig zu sagen. Ich kenne gar nicht viele Frauen, die sich intensiv mit Musik auseinandersetzen. Das kenne ich eigentlich nur von Typen.
Eliane: Ich glaube aber schon an eine unterschiedliche Wahrnehmung von Musik bei Männern und Frauen. Mir fällt das vor allem bei Metal-Gigs auf: Da flippen die Kollegen aus ab dem Gittaristen, Bassisten oder Schlagzeuger und schwärmen: «hast du gehört, wie der gespielt hat». Äh nein, habe ich nicht. Denn ich achte viel weniger auf die einzelnen Instrumente, sondern auf Melodien, oder dann wird vielleicht noch einer der spielenden Jungs angehimmelt! Ich denke, Männer hören anders hin, weil sie selbst in eine Band sind, oder es gerne wären.»
Zulu: Bis zu einem gewissen Punkt kann ich das für mich bestätigen. Mümmelt beispielsweise Brant Bjork dumpf aus den Lautsprechern stell mir schon mal vor, wie ich das spielen würde, auch wenn ich das selbst gar nicht kann. Der schleppende, dunkle Sound lullt mich ein und entführt mich. Dennoch nehme ich die Musik schon fast analytisch wahr: Es ist unverkennbar Blues. Stilpuristen beharren darauf, dass es sich bei dieser Spielweise um Stoner Rock handelt. Stimmt, Bjork war schliesslich Schlagzeuger bei Kyuss, die als Begründer des Stoner Rock gelten. Mir ist das eigentlich egal. Ich mag gute Musik. Nicht einen be¬stimmten Stil, nicht eine bestimmte Band. Es könnten genauso Slayer den Teufel besingen. Hauptsache ist, dass die Musik intensiv ist und nicht aufhört. Trotzdem höre ich Musik in Stilschubladen, in Listen und in technischen Details. Als ausgebildeter Tontechniker meine ich zum Teil sogar technische Details und so Kram zu hören. Dennoch geht es mir in erster Linie um die Musik. Doch den Rest kann ich nicht ausschalten.
Hannes: Das ist eben das typisch männliche. Mein Eindruck ist, dass Frauen keinen Fetisch für Musik haben im Sinn von Sammeln. Details und Daten auswendig lerne, zum Beispiel: In der alten Besetzung ist die Band mit dem Gitarristen und der Bassistin, auf dem Album, das dann produziert wurde von... das machen Frauen weniger.
Daniela. Machen denn das Männer?
Hannes: Männer machen das fast durchs Band.
Daniela: Ich habe immer gefunden ich sei dumm, im Sinn von: Ich liebe Musik, aber ich habe keine Ahnung. Ich kann dir ein Lied singen. Aber ich weiss nicht von wem es ist oder wie es heisst. Geschweige denn sonst was. Wie macht ihr das? Mich fasziniert das. Du behauptest also, Männer sind – vorausgesetzt sie interessieren sich für Musik – so wie Nick Hornbys Romanfigur Jack Black in High Fidelity. Du bist auch so einer. Du kannst sagen, damals als der und der noch in der Band war, hat er diesen Song geschrieben, nachdem ihn seine Freundin mit dem Gitarristen betrogen hatte.
Hannes: So ähnlich. Das ist so empirisches Aneignen von Wissen. Man muss Popmusik insofern adeln, als dass man etwas dazu sagen kann. Es gibt Listen. Man kann Listen erstellen. Das dient dazu, sich Fakten einzuverleiben, damit man die Musik auch versteht. Vielleicht ist das der einzige Beitrag, den man leisten kann, wenn man nicht selber Musik macht.
Zulu: Trotzdem muss ich zugeben: Auch ich habe früher Listen geführt. Heute könnte ich nicht mal schnell meine zehn Lieblingssongs aufzählen, das wechselt ständig. Doch wenn ich mir ein neues Album kaufe, schlage ich im Booklet immer zuerst die letzte Seite auf. Dort steht dann wer mitspielt, wer die Platte aufgenommen hat, wer sie produziert hat. Diese Infos sind zusammen mit dem Label für mich fast so wichtig wie der Künstler selbst. Ein guter Freund von mir macht das genauso. Seine Freundin hingegen, sie hört sehr viel Musik uns ist selbst eine begnadete Musikerin, liest macht dies nicht. Sie behauptet aber, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen im Bezug auf den Konsum von Musik. Eine kleine, völlig zufällige Umfrage unter einigen Bekannten kam diesbezüglich zu keinem eindeutigen Schluss.
Daniela: Ich kann so was lesen und finden: Wow, das ist spannend. Aber ich vergesse das wieder. Ich denke eher in Text und Bild und Männer wohl eher in Excel-Listen.
Joël: Bei Songs oder Künstlern habe ich das nie gemacht. Aber ich habe lange Zeit akribisch über meine Konzertbesuche Buch geführt. Wer, wann, wie und wo. Diese Liste habe ich aber irgendwann nicht mehr fortgeführt. Aber manchmal stelle ich virtuelle DJ-Sets zusammen.
Hannes: Es ist wohl eine Frage, wie man sozialisiert wird und wie man älter wird. Denn es ist eindeutig auch ein Teenagersport. Aber es erschliessen sich dadurch Zusammenhänge und man stellt Bezüge her, zu Sachen, die man schon immer vermutet hatte. Plötzlich merkt man, aha, das ist der, der unter anderem Namen schon das und das gemacht hat.
Daniela: Das ist ja noch das Eine. Aber dann merkt ihr euch auch Daten! Ihr wisst die Jahrgänge der Platten. Ich meine ich sammle auch einzelne Künstler. Zum Beispiel von Lisa Loeb...
Hannes: Das ist die mit der schwarzen Brille.
Daniela: Siehst du, du sagst dann sofort, die mit der Brille. Ich weiss dann eher, das ist das grüne Album mit der Katze drauf. Aber ich könnte dir nie sagen, aus welchem Jahr das ist.
Zulu: Also ich kann in der Regel beides: Das Cover beschreiben und das Erscheinungsjahr nennen.
Hannes: Aber Daniela scheint eher in Bildern und Texten bei Musik zu denken?
Daniela: Genau. Und das wollte ich dich jetzt gerade Fragen: Denken Frauen eher in Bildern und Männer eher in Excel-Listen?
Hannes: Das ist interessant: Ich bin Mitglied eines so genannten Hörtisches. Da trifft man sich alle paar Wochen und jemand stellt ein Album vor. Und dort gibt es eine Frau, die meinte, man müsste doch immer eine Tabelle nachführen, was hat wer wann gespielt. Von daher würde das also nicht stimmen. Vielleicht führt jetzt das auch zu weit, zu sagen, dass Männer und Frauen anders Musikhören. Wobei ich schon ein bisschen das Gefühl habe, Männer und Frauen hören anders oder aus anderen Motiven Popmusik. Die Listen sind aber doch auch eine Mischung zwischen Klatsch und Fachwissen. Das mit dem Listendenken gibt es ja auch bei Filmfreaks. Die könne ja auch sagen, der hat doch auch dort und dort mitgespielt. Das entzieht sich mir total. Aber ich denke es ist dasselbe wie bei der Musik.
Daniela: Ja, aber beim Film ist das doch viel einfacher. Und du kannst auch die verschiedenen Musikstile benennen. Ich kann das nicht.
Hannes: Ja, aber das ist doch auch nur Wichtigtuerei. Wobei man auch sagen muss: Es gibt nur gute und schlechte Musik. Es gibt keine guten und schlechten Stile.
Zulu: Schön gesagt. Musik kann man nicht auf Stile reduzieren. Aber mir sind auch diese Best-of-Listen ein Graus. So im Stil von Fachzeitschriften, die alle paar Jahre die wichtigsten Rockplatten aller Zeiten nennen. Soll mir keiner kommen und sagen ich könne ohne das St. Peppers-Album der Beatles nicht über Musik sprechen. Ich habe auch weder eine Beatles-Platte noch etwas von Jimi Hendrix oder was selbsternannte Musikex¬perten sonst noch als bahnbrechend, wichtig und absolutes Must-Have bezeichnen (Ganz schlimm die Rolling-Stone-Top-100). Es war und ist mir schlicht egal. Ich wurde in dem Jahr ge¬boren, als Sgt. Pepper’s» erschienen ist. Und wenn mir nun gleichaltrige Menschen erklären, dass diese Platte so wahnsinnig wichtig für sie ist, dann reden sie Blödsinn oder sie haben ganz einfach in ihrer Jugend zuviel zurückgeschaut. Ich bin ohne den Pop der vier Liverpooler gross ge¬worden und habe trotzdem einen einigermassen guten und breiten Musikgeschmack. Ich schau und hör mir einfach lieber das Hier und Jetzt an, als die Vergangenheit zu verklären. Wobei mir auch klar ist, dass es auch in der Musik ohne Vergangenheit keine Zukunft gibt. Aber es reicht wenn ich die Sounds von früher kenne, ich muss sie nicht auch noch sammeln.
Hannes: Es gibt noch ein weiteres Phänomen: Viele Frauen hören ein Lied, das ihnen gefällt, solange bis es nicht mehr geht. Und ich kenne quasi keine Männer die das tun.
Daniela: Ich habe mal unter einem Typen gewohnt, der ein ganze Wochenende lang «One More Night» von Phil Collins abgespielt hat. Das war soviel ich weiss, einer der gerade aus einer Anstalt entlassen wurde. Ein Schwererziehbarer.
Zulu: Die Geschlechterfrage habe ich mir so noch gar nie gestellt. Für mich ist Musik irgendwie ein Männerding und ich bin immer angenehm überrascht, wenn ich Frauen wie Eliane oder Daniela treffe, die sich derart intensiv damit auseinandersetzen. Gleichzeitig finde ich gute Musik schon fast erotisch. Also ich meine jetzt das gesamte Klangbild, die Kraft, die aus den Songs hervorgeht. Wie hört ihr denn Musik?
Daniela: Ich bezeichne mich als Text-Fetischistin. Ich habe ganz viele schlechte Lieder, bei denen du die Musik eigentlich nicht hören kannst, aber die Texte sind super. Ich höre immer auf die Texte. Das ist manchmal auch mühsam für meine Mitmenschen. Aber meistens ist es der Text, der mich begeistert, und dann bekomme ich auch die Melodie lieb.
Hannes: Mir ist die Musik zu wichtig, als dass ich wegen dem Text alles andere entschuldigen könnte. In Anbetracht dessen, dass viele Leute – ich auch – die Texte missverstanden haben, scheint es mir lustig, dass du sagst: Zuerst kommt der Text, dann kann ich alles verzeihen.
Zulu: Ich höre nicht mal bei Jan Delay auf die Texte. Obwohl der einen unglaublichen Wortwitz hat und auch etwas zu sagen hat, kommt mir bei ihm eher der Sound in den Sinn, als die Textzeile.
Joël: Durchaus. Ich höre ja viel Hip-Hop und das sind die Texte schon ganz wichtig. Das ist übrigens erstaunlich: Bei dieser Partyreihe «Rap History» im Helsinki , da rappen junge Kids die ganzen Texte der alten Sachen mir. An den Lyrics muss also was dran sein. Hip-Hop interessiert mich auch vom soziologischen Aspekt her. Die jungen Menschen, die das heute hören, die sind so aufgewachsen. Es hat sicher auich ein bisschen was von dieser Punk-Attitude. Aber es hat auch etwas Kapitalistisches, Angepasstes. In den meisten Fällen hat es auch etwas Identitätsstiftendes. Techno geht meiner Meinung nach mehr nach innen. Es hat überhaupt nichts Politisches. Die Leute haben Fun und fertig!
Hannes: Hip-Hop ist da wohl spezieller. Aber Text ist in der Popmusik ja nicht einfach nur Text. Das hat ja auch etwas lautmalerisches, ein Versmass oder so.
Daniela: Mich hat die Aussage von Carla Bruni in einem Interview zu ihrem Album «No Promises» erschüttert. Sie fand, es hört doch kein Mensch auf den Text. Es gehe nicht um den Text, es gehe um Musik, der Inhalt sei zweitrangig. Das hat mich extrem bestürzt, zeigt mir aber, dass es verschiedene Arten gibt, Musik zu konsumieren. Dabei mag ich es besonders Songzitate zu verändern, zu widerlegen. Ich sage zum Beispiel «Non sono solo canzonette», es sind eben nicht nur Liedchen, in Anspielung auf Eduardo Bennatos «Solo sono canzonette».
Zulu: Ein Freund von mir hat mich übrigens mit der Aussage überrascht, dass er beim ersten Anhören immer die Texte mitliest. Sind sie nicht im Booklet schreibt er sie sogar raus oder schaut im Internet nach. Er hat mal für ein Fanzine geschrieben und fragte beim Interview mit Bad Religion nach bestimmten Textstellen, die er nicht begriffen hatte. Es gibt also durchaus auch männliche Textfetischisten.
Hannes: Ich könnte jetzt nicht mal ein Zitat nennen. Ich höre einfach weniger auf die Texte. Mir scheint das mit den Texten auch insofern lustig, als dass man doch auch immer wieder die Texte falsch verstanden hat. Ich habe zum Beispiel bei einem Kiss-Song alles falsch verstanden. Ich habe irgendwann mal gemerkt, es geht bei Rocksongs oft um Liebe, um Eifersucht. Kiss sangen «My Love is Like Dynamite». Und ich habe das so verstanden: «Meine Liebe ist deine Maid». Also der hat jetzt die Maid, also Frau, des anderen. Und solche Dinge gab es ja extrem häufig. Aber das war ja eigentlich egal, denn es ging ja um den Klang insgesamt.
Daniela: Aber man will doch mitsingen. Es gibt Lieder, die sang man einfach mit. Und es gibt gewisse Songs, die singe ich immer noch genau gleich falsch mit.
Hannes: Es gibt doch das Buch mit den bekannten Verhörern: «Der weisse Neger Wumbaba» , dort sind klassische Missverständnisse beschrieben. Und vor diesem Hintergrund, ist es doch lustig, dass du sagst: «Zuerst kommt der Text und dann die Musik.»
Zulu: Ich kenne einen, der bei Dead Kennedys «Viva Las Vegas» immer «People are Changing» verstanden hat. Der politisch korrekte Jello Biafra hat sich seine Zuhörer wohl anders vorgestellt...
Hannes: Da fällt mir gerade ein: Habt ihr jemals erlebt, dass jemand, also eine Frau oder ein Mann in einer Beziehung, an Attraktivität eingebüsst hat, wegen seines Musikgeschmacks?
Joël: Das spielt eigentlich nicht so eine Rolle. Das hat ja auch mehr was Begleitendes. Natürlich ist es schön, wenn man zusammen tanzen gehen kann. Oder wenn sich die Vorlieben nicht ganz fest unterscheiden. Aber es gibt Konzerte, da gehe ich dann ganz bestimmt alleine hin.
Daniela: Ganz früher einmal in der Schule. Da war einer in mich verliebt und der hat bei der Frage «Lieblingsband» Costa Cordalis in ein Poesiealbum geschrieben, das wars dann.
Hannes: Also musikalische Anspruchslosigkeit stelle ich mir jetzt extrem schwierig vor.
Zulu: Mir ist das irgendwie egal. Aber wenn ich so überlege, ist es mir wohl lieber in der Beziehung musikalisch der Chef zu sein, als umgekehrt. Mir wärs vielleicht mit Frauen wie Eliane oder Daniela nicht so wohl. Die wissen so verdammt gut Bescheid. Wobei ich jetzt auch noch nie in eine Frau verliebt war, wo es überhaupt nicht passte. Aber ich glaube eben an die charakterbildenden Eigenschaften von Musik. Wenn ich dorthin ausgehe, wo mir die Musik passt, treffe ich auch kaum doof Menschen. Irgendwie passt das meistens. Und beim Gespräch über Bands und Sounds kann man sich prima abtasten. Doch einmal fiel ich quasi auf eine Frau rein. Die kannte all die geilen Bands, die ich so mag, wie die Butthole Surfers und Melvins. Dabei stellte sich dann später heraus, dass sie das Zeug nur kennt, weil ihr ein Kumpel dauernd solche Kassetten machte. Sie selbst hatte einen sehr normalen Musikgeschmack. Teilweise mit Bands, die ich nicht ausstehen kann.
Daniela: Wie hat denn bei euch das Musikhören angefangen?
Zulu: Bei uns zuhause lief immer Musik. Die Eltern hatten eine grosse Sammlung mit Singles und LPs. So wurde ich von Klein auf zum Zuhörer erzogen. Irgendwann begann ich selbst meine Lieblingssänger aus Vaters Plattenkiste heraus¬zusuchen. Er war schon ein ziemlicher Musik¬freak mit einer Kollektion an frühen Rock-Platten, leider hat sich sein Geschmack weg vom Rock’n’roll – er war glühender Bill-Haley-Fan – hin zu Oberkrainer und Schlagermusik gewandelt. So wurde ich neben «Rock Around the Clock» auch mit Roy Blacks «Schön ist es auf der Welt zu sein» oder Slavko Avseniks Balkanländlern konfrontiert. Zeug das ich dann jeweils auch lautstark mitgekräht habe. Die ganze Beatmusik und natürlich insbesondere die Beatles scheinen meinen Vater dagegen überhaupt nicht interessiert zu haben. Dabei war er zur Blüte¬zeit dieser Bands Mitte zwanzig und somit im perfekten Fan-Alter. Auch meine Mutter konnte nichts mit Rolling Stones und Konsorten anfangen. Das sei Musik aus der Stadt gewesen, auf dem Land hätte man so was nicht gehört, erklärte sie mir einmal. Irgendwann durfte ich mir dann eigene LPs, Singles und Kassetten kaufen. Dazu gehörten vor allem auch Sweet und Nazareth.
Eliane: Das fing schon vor der Schule an. Kaum legten meine Eltern eine Platte auf, begann ich zu tanzen. Wobei ihre Musiksammlung mehrheitlich aus James Last, Joan Baez und Klassik bestand, was aber genügte. Mit dem Schuleintritt begann ich mit Ballett und erhielt gleichzeitig meine erste Musikkassette: «The best of ABBA!» Natürlich war es um mich geschehen und es wurde fleissig mitgetanzt und mitgeträllert. Zudem vererbte mir man Boney M mit dem Album «Nightflight to Venus».
Joël: Ich habe erst sehr spät angefangen selbst Schallplatten zu kaufen, als Jugendlicher hatte ich das Geld nicht. Natürlich habe ich auch die Hitparade auf DRS3 aufgenommen oder mir von Kollegen Musik aufnehmen lassen. Eine meiner ersten LP’s war «Headhunter» von Krokus, weil ich das Cover so geil fand. Musiklaisch war ich unbefangen. Ein Song von Iggy Pop gefiel mir übrigens immer besonders gut, das war «Cold Metal» vom «Instinct»-Album. Reggae war auch immer ein Thema. Und das Live-Album «Big Time» von Tom Waits fand ich immer sehr geil.
Dann ging es recht schnell. Auf der Suche nach wilderen Lebensentwürfen stiess ich dann zu Beginn der 1990er-Jahre auf Bands wie Fugazi, Slayer oder Snuff. Natürlich fand ich auch die entsprechenden Freunde. Der langhaarige Skater vom Schulhof mit «Hang the Pope»-T-Shirt von Nuclear Assault zählt heute noch zum engsten Freundeskreis. Das lief dann im Stil von: «Hey, du bist doch der mit den Suicidal-Platten? Kann ich mir die mal ausleihen?» Etwa zur gleichen Zeit habe ich auch festgestellt, dass im HipHop eher Sampler und Drummachine als Instrumente die Türen zu neuen Räumen öffnen. Und «Jazz» war plötzlich nicht nur mehr der Titel eines Stückes von A Tribe Called Quest. Einige der Schulfreunde von damals sind heute gestandene Jazzer.
Daniela: Meine früheste Erinnerung an Popmusik war Nena. Nein, stimmt nicht. Es war Tommy Ohrner.
Hannes: Aber hat der denn gesungen? Der war doch Schauspieler.
Daniela: Ja, ich habe mich in Tommy Ohrner verliebt beim Film Timm Thaler. Und dann hat mir mein Lieblingsonkel im Ex-Libris im Pizol-Park Sargans die Schallplatte von Tommy Ohrner gekauft. Er hat ein einziges Album gemacht, die hiess «Rock’n’roll and Old Blue Jeans». Darin war auch ein Poster von ihm in Latzhosen und vier Klebebildchen.
Hannes: Mein Gott, der war damals doch erst etwa zwölf oder 13 Jahre alt. Weißt du noch wie die Melodie ging von Timm Thaler?
Beide fangen sofort zu singen an.
Hannes: Das ist doch von Frank Duval.
Daniela: Ja, und der andere hiess doch auch Frank. Der böse Baron.
Hannes: Der hiess Lefuet. Rückwärts für Teufel.
Zulu: Ich habe daran überhaupt keine Erinnerung. Bloss die, dass ich den Namen Thomas Ohrner aus der Bravo kenne. Aber ich habe so eine Maxi-Single mit einem Kleber drauf: «Frank Duval, Musik aus der Tatort-Folge soundso». Leider kann ich nicht mehr nachschauen was es war. Die Platte habe ich mal entsorgt.
Hannes: Der Name Lefuet erinnert mich an die Rückwärtsbotschaften in der Rockmusik. Gerade eben habe ich folgendes gelesen: Paul McCartney ist seit 40 Jahren tot. Er wurde durch ein Double ersetzt. Das Cover des St. Peppers-Album liefert zahlreiche Hinweise. Zudem ergibt der Refrain des Songs Revolution N0. 9 rückwärts abgespielt die Worte «Get me out, get me out».
Zulu: Neu ist die Geschichte vom frühen Ableben des Beatles Bassisten nicht. Bereits 1969 setzte ein amerikanischer Radio-DJ das Gerücht in die Welt. Er stützte es auf Songtexte und die Album-Covers ab. Es gibt ja genügend Leute, die fest davon überzeugt sind, dass in der Popmusik versteckte Botschaften enthalten sind. Immerhin waren Judas Priest 1990 sogar deswegen vor Gericht. Angeblich hat sich ein Teenager das Leben genommen, weil er in im Song «Better By You, Better By Me» der Heavy-Metaller explizit dazu aufgefordert wurde. Rückwärts abgespielt sei die Botschaft «Do It» zu hören, klagten die Eltern, was ihren 19-jährigen Sohn dazu gebracht habe, sich zu erschiessen. Sogar die Richter im konservativen US-Bundesstaat Nevada befanden dies als Schwachsinn und sprachen die Band frei.
Die Geschichte mit den Botschaften in der Musik geht noch weiter. Denn Daniela hat ein bestimmtes Ritual, welches ihr durch die Musik bestimmte Dinge voraussagen soll.
Daniela: Ich hatte schon als Kind furchtbare Ticks. Zum Beispiel auf dem Schulweg, das musste ich auf jeden Gullideckel treten, sonst brachte es Unglück. Und wenn ich heute am Morgen aus dem Haus gehe, wähle ich beim iPod den Shuffle-Mode: So wie der Song ist, so wird mein Tag. Mittlerweile habe ich mich allerdings auf drei Songs eingependelt. Denn manchmal passt mir die Vorhersage nicht. Das mache ich beispielsweise auch vor einem Date. Und manchmal passt es sogar. Aber auch, weil ich will, dass ich eine Botschaft darin sehe.»
Hannes: Hast du denn nicht das Bedürfnis etwas ganz bestimmtes zu hören, weil du mit einer besonderen Stimmung erwacht bist?
Daniela: Doch, das gibts natürlich auch.
Joël: Ich höre heute meistens bewusst Musik. Früher hörte ich oft Musik beim Lesen. Das mache ich heute nur noch zur Zeitungslektüre. Aber ich spiele Gitarre vor dem Fernseher, der dann natürlich ohne Ton läuft.
Zulu: Am Morgen höre ich am liebsten gar keine Musik. Meist schalte ich schnell den Radio ein um Nachrichten zu hören, da trinke einen Kaffee dazu, dusche mich. Den Radio mache ich spätestens beim ersten Nervsong wieder aus. Und das geht bei DRS3 verdammt schnell. Die Kombination aus DJ Bobo und Oldies-Scheiss mag ich nicht vertragen. Ich kann glaube ich erst Musik hören, wenn ich richtig wach bin. Und dann darfs am frühen Tag nichts sein, das anstrengt. Kein Jazz, kein Hardcore oder Heavy Metal. Aber abends habe ich oft Lust bewusst Musik zu hören. Oftmals brauen sich im Ausgang ganze Songlisten zusammen. Dann kann es sein, dass ich nach Hause komme und mich noch ein, zwei Stunden lang mit Musik zudröhne.
Hannes: Ich stehe am Morgen auf und weiss, welche drei Platten ich hören will. Aber seit ich umgezogen bin, sind die Platten nicht mehr alphabetisch geordnet und viele davon stehen im Keller, weil ich zuwenig Platz habe. Das hätte ich mir auch nie träumen lasse, dass mal ein Teil meiner Sammlung im Keller vor sich hin schimmelt. Ich sage dann zu Gästen: «Darf ich dir einen 86er Dylan aus dem Keller holen?» Wobei ich nicht mal was von Bob Dylan habe, aber es klingt einfach gut.
Durch die Unordnung in meinem Regal habe ich also auch eine Art Zufallsmodus. Und manchmal macht mich das halb wahnsinnig, weil ich nicht finde was ich suche. Doch während der Suche entdecke ich dann andere Platten.
Daniela: Bei mir sind die CDs sogar innerhalb des Alphabets noch alphabetisch eingeordnet.
Zulu: Das finde ich lobenswert. Bei mir hört es zum Beispiel mitten im L auf und dann muss ich drei Meter weiter links in der nächsten Reihe weitersuchen. Das ist mühsam.
Hannes: Das müsste ich auch wieder mal machen. Mich regt diese Unordnung manchmal auch auf. Aber für mich ist es auch eine Emanzipation von etwas. Ich habe ja zwei Jahre lang in einem Schallplattengeschäft gearbeitet. Und in dieser Zeit habe ich enorm viele Platten und Raritäten gekauft. Und dann habe ich mit einem Typen zusammengewohnt, der meine Platten verkaufte, weil er Geld brauchte. Zu dieser Zeit hatte ich ja nicht viele Güter. Als dann einmal ein Versicherungsagent bei uns war, meinte dieser: «Ich versichere doch einfach deine Schallplattensammlung. Das ist ja wohl das wertvollste hier». Und der WG-Kollege meinte noch: «Ja wir haben ja wirklich nicht viel. Aber Musik hat doch einen viel höheren Wert, als bloss den Materiellen.» Und ich sagte, ja es ist extrem viel Seele und Geschichten und so. Und dann hat der Typ immer ein bisschen mehr LPs verkauft, bis ich merkte, dass da eine richtige Lücke in der Sammlung war. Ich konnte dann im Second-Hand-Laden einen Teil meiner Raritäten zurücktauschen.
Daniela: Das tut weh.
Hannes: Das tut ziemlich weh. Aber ich fand auch, dass ich jetzt kuriert bin von meinem Sammeltrieb. Ich muss nicht mehr sammeln. Das hat dann plötzlich aber wieder angefangen. Doch ich habe nicht mehr die gleiche Beziehung zu dieser Menge Tonträgern. Ich hätte mir nie vorstellen können, das die Hälfte meiner LPs seit Jahren im Keller stehen.
Joël: Als ich die Phase hatte, wo ich viel Gitarre spielte, habe ich mal einen ganzen Stapel LPs und CDs weggeschmissen. Also richtig entsorgt, nicht ins Brocki oder so. Einfach weg, vernichtet. Aber ich bin auch nicht unbedingt ein Sammler. Vor kurzen habe ich gerade viel Techno-Platten ausgemistet.
Zulu: Bei einem meiner zahlreichen Umzüge habe ich mal rund vier Papiertaschen mit LPs in die Brockenstube gegeben. Ich meine, ich habe die jahrelang nie mehr angehört und immer nur beim Umziehen in der Hand gehalten. Aber ich bereue es heute extrem. Da fehlen einige Sachen in meiner Sammlung, die zwar nicht meinen Ruf als Musikexperte gefestigt hätten aber die ein Stück Lebensgeschichte sind. Das Schlimmste: Ich sehe zum Teil noch die Hüllen vor mir, kann mir die Musik in Erinnerung rufen. Und wenn ich dann vor dem Regal stehe und danach suche, weiss ich wieder, dass die LPs weg sind. Das nervt mich dann unheimlich.
Daniela: Ich hätte auch nie gedacht, dass das einen so schmerzt. Aber ich habe nach der letzten Golden-Girls-Party im Mascotte meine Plattentasche im Tram vergessen. Und ich habe zuerst gar nicht gemerkt, dass ich die liegen lassen habe, da ich gerade am Zügeln war. Als es mir klar wurde, rannte ich sofort aufs Fundbüro. Doch dort wurde keine Tasche abgegeben. Das klingt jetzt wahnsinnig blöd, aber ich erwachte eines Morgens und wusste ich muss noch mal aufs Fundbüro: entweder taucht die Tasche heute auf, oder sie ist für immer weg. Und tatsächlich waren meine Platten dort. Ich hätte nie gedacht, dass mir meine Musik soviel bedeutet. Zu Hause habe ich jede Platte rausgenommen und angeschaut. Was mich am meisten geschmerzt hätte, wäre der Verlust von Haysi Fantayzee gewesen. Ich wusste, ich hätte die LP nie mehr gefunden. Und «John Wayne is Big Leggy» war mein Lieblingslied in der 6. Klasse. Damals war gerade Kirmes im Dorf und uns gefiel dieser Typ vom Autoskooter und dazu lief immer dieser Song. Und zu meinem 30. Geburtstag hat mir mein Bruder diese LP geschenkt, die er von einem Bandkollegen erbettelte. Dieser Verlust hätte mich am meisten geschmerzt. Plus die Compiltation «Völlig losgelöst». Das ist so eine Zusammenstellung von Hits aus der Neuen Deutschen Welle von K-Tel. Die habe ich von meiner Patentante zur Erstkommunion erhalten. Ich weiss noch, wie cool ich das fand: Alle anderen erhielten Goldkettchen und so Zeug und ich eine LP und eine Jeanshose erhalten.
Zulu: Jetzt sind wir ziemlich vom Thema abgekommen. Wie war das nochmals mit dem musikalischen Anfängen?
Eliane: Zuerst waren da eben die Kassetten von ABBA und Boney M. Mit dem Eintritt in die Primarschule tat sich dann ein weiteres kleines Türchen auf. Plötzlich konnte man mit anderen Leuten über Musik reden und es wurden die ersten Kassetten ausgetauscht und überspielt. Zu den Top-Favoriten zählten zu jener Zeit Falco, Michael Jackson, George Michael, später dann Sandra, Madonna, Pet Shop Boys und alles was ein junges Pop-Herz so höher schlagen lässt. Zu dieser Zeit war es nicht ganz einfach, Informationen über Bands, Interpreten und neue Alben zu erhalten. Glücklicherweise gab es die Bravo, welche man natürlich nicht kaufen durfte, aber bei der etwas älteren Nachbarin durchblättern konnte.
Daniela: Nena war mein Einstieg in meine kleine Musikwelt.
Hannes: Wer hat dir das denn gezeigt? Hast du das alles selbst herausgefunden?
Daniela: Ja. Ich durfte die Bravo kaufen. Und mein Bruder hat dann für mich jeweils schon die Hitparade herausgeschrieben.
Hannes: Worum ging es dir dann bei der Popmusik, was hat sie dargestellt, was hat sie ausgelöst bei dir?
Daniela: Euphorie und Freiheitsgefühl. Ich meine, ich habe Nena nie in meinen Jugendjahren live gesehen. Aber wenn ich die nur schon im Fernsehen gesehen habe, war ich hin und weg. Ich wollte so sein, wie sie, ging mit einem Bild zum Dorffriseur und wollte so eine Frisur, wollte so einen roten Leder-Mini. Und sie sang so, dass ich es verstand und das habe ich mit Sehnsucht gefühlt.
Hannes: Und die Kolleginnen, haben sie das gut gefunden, das du auf Nena abgefahren bist? Da gib es doch Lager?
Daniela: Ich habe lange gedacht, ich sei eine musikalische Aussenseiterin mit einem recht beschränkten Musikgeschmack. Denn eine gute Freundin stand damals schon auf Marillion. Das war mir zu weit weg, da hatte ich keinen Bezug dazu. Aber ich hatte das Gefühl, die ist extrem weit gefächert. Ich blieb Nena und der ganzen Neuen Deutschen Welle treu. Heutzutage denke ich, es ist ein Glück, dass ich nicht auf dieser Mainstream-Schiene gefahren bin. Aber dazumal dachte ich wirklich, ich bin ein bisschen einfach.
Zulu: An meine erste eigene Langspielplatte kann ich mich noch genau erinnern: Ich sehe noch heute den Warenkorb mit den Aktionen im Supermarkt vor Augen. Es war an einem samstäglichen Shopping¬trip mit den Eltern. Ganz vorne im Regal stand eine Schallplatte mit schwarzer Hülle mit einem coolen Typen drauf, die Typografie und der Titel zogen mich ebenfalls in ihren Bann: «Folsom Prison Blues» von Johnny Cash. Nach ein¬dringlicher Zwängerei im Laden gaben die Eltern nach und ich hatte meine erste eigene LP.
Joël: Da ich vor allem mit klassischer Musik gross geworden bin, habe ich erst spät eigene Platten gekauft. Eine der ersten war wie schon erwähnt «Headhunter» von Krokus.
Hannes: Das erste Album, das ich mir gekauft oder gewünscht habe war entweder Manfred Mans Earth Band oder Supertramp.
Eliane: Bei mir hat es mit Kassetten angefangen. Ende 1985 ergatterte ich mir mit dem Weihnachtsgeld die Langspielplatte von «Ronny’s Popshow» (die TV-Sendung mit dem moderierenden Affen), für welche im Fernsehen kräftig Werbung gemacht wurde. Darauf waren Bands wie Fine Young Cannibals oder Eurythmics, welche beide zu meinen Favoriten zählten. Eurythmics sind für mich bis heute einer der besten Pop-Acts überhaupt. Ich würde sagen, ab 1986 öffnete sich das nächste Musik-Türchen. Das Interesse an Musik begann zu steigen, so wünschte ich mir zum Geburtstag und zu Weihnachten Musikkassetten und ich sparte jeden Rappen für die nächste. Ich entwickelte eine tiefe Liebe zu Sandra und den Pet Shop Boys. Perfekte Musik für die kommende, verwirrende Zeit der Pubertät. Sandra musste herhalten für mit-der-Haarbürste-vor-dem-Spiegel-singen und vom-Schwarm-träumen, während Pet Shop Boys eher in ernsteren oder traurigeren Momenten angehört wurde. Später folgten die Schmalz-Brüder Bros, welche durch die wohl erste richtige Boy-Group, die New Kids on the Block (nicht Take That!) abgelöst wurden.
Zulu: Schämst du dich für deine Boy-Group-Vergangenheit?
Eliane: Hehe, da hat es schon paar Scheiben und Kassetten in meiner Sammlung, für dich ich mich bisschen schäme. Aber nicht so sehr, dass ich sie verstecken oder verleumden würde. Wie wärs beispielsweise mit Rick Astley? Oder eben den New Kids on the Block? Oder der kitschige Sampler mit Weihnachtssongs drauf? Dann hätte ich noch die ersten drei Mix-CDs vom Kaufleuten aus der House-Anfangszeit (die sind aber tipp topp... man darf nur nicht sagen, dass es vom Kaufleuten ist). Was mir sonst noch in den Sinn kommt sind die Bloodhound-Gang-Brüder, die ersten drei Scheiben habe ich von denen, wovon die erste eigentlich am Besten ist. Aber die Typen sind zum Kotzen!
Hannes: Also da gab es schon Irrungen und Verwirrungen. Ich war ja riesiger Level42-Fan!
Zulu: Ich auch, das fand ich super. Ich habe eine Maxi-Single, wo auf der zweiten Seite fast nur ein Bass-Solo drauf ist. Mark King hat geslappt wie ein Irrer. Heute find ich das nur noch peinlich. Level42 war übrigens mein erstes grosses Konzert im Kursaal in Bern.
Hannes: Da war ich auch!
Daniela: Dann gab es Dinge, die ihr gut gefunden habt, aber heute nicht mehr hört?
Hannes: Ja, natürlich. Aus Nostalgiegründen leg ich das manchmal noch auf. Eben Level42 zum Beispiel.
Daniela: «Running in The Family!»
Hannes: Nein, das war ja schon ein Spätwerk, das fand ich schon nicht mehr cool. Das frühere Jazzrock-Zeug fand ich super. Und ich dachte: Das ist es, das ist jetzt also Funk. Bis ich lustigerweise durch Hip-Hop dann gemerkt habe, dass es schon viel früher, viel besseren, richtigen Funk gegeben hat. Aber das hat es gebraucht. Ich war immer so ein Pop-Schwurbel. Ich fand Pop immer super. Auch das Synthiezeug, die 80er-Jahre fand ich toll.
Zulu: Meine ersten Schallplatten wie Johnny Cash und Sex Pistols waren absoluter Zufall. Denn darauf folgte meine Disco- und Pop-Phase mit Michael Jackson, Foreigner und so Zeug.
Joël: Das geile an Musik ist doch, dass man immer wieder Neues entdeckt. Es gibt unglaublich viel Musik, aber manches geht wieder vergessen. Plattenläden bewahren das Gedächtnis der Musik. Die sind enorm wichtig. Bei der Menge die es gibt, ist es wichtig, dass jemand das alles ordnet und rumstehen hat und davon weiss. Veith Stauffer im Rec Rec ist so ein Typ. Das ist einer, der das Wissen konserviert.
Hannes: Jetzt kommt mir noch in den Sinn: Eigentlich ist es ja egal, mit welcher Musik man zum Fan wird. Das ist vielleicht das gute an Sampling, Coverversionen und Remakes. Man merkt: Hey diesen Song hats ja schon mal gegeben. Das ist die grosse Freiheit die Popmusik gegenüber der so genannten E-Musik hat: Alles ist möglich, alles ist erlaubt. Natürlich gibt es Regeln, aber die sind nicht in Stein gemeisselt, die werden immer wieder gebrochen. Sonst könnte man ja nicht nach 50 Jahren mit den gleichen zwölf Oktaven immer noch neue Variationen von dem Thema finden, die eine Begeistern.
Daniela: Ich habe auf deinem Spickzettel gerade das Stichwort Electric Light Orchestra entdeckt.
Hannes: Ja, da gibt es also Leute, die nicht mehr mit mir sprechen, weil ich mal ELO-Fan war. Aber das bombastische, dieses symphonische hat mich gepackt. Und bei dem Doppelalbum «Out of The Blue» gabs einen Bastelbogen, mit dem man so eine Raumschiff bauen konnte. Weißt du, wie das Schloss Chillon auf den Cornflakes-Packungen. Das habe ich dann gebaut und mein Büchergestell mit Alufolie ausgekleidet. Dort stand das ELO-Raumschiff beleuchtet mit einer roten Glühbirne als eine Art Altar. Dazu habe ich dann die Musik gehört und einfach vor mich hin geträumt.
Eliane: Da muss ich gerade an Musik denken, die ich nicht mag. Zum Beispiel Mundart-Rock. Da suchst du vergebens CDs bei mir. Habe zwar schon Schweizer-Interpreten wie Sens Unik, Mich Gerber, Minus 8, Maozhina und diverse Metalbands. Aber die Hauptsache ist, dass sie nicht auf Schweizerdeutsch singen! An einem Festival finde ich ja Patent Ochsner oder Züri West ganz angenehm. Stiller Haas finde ich sogar super, aber nicht daheim. Mit Trance/Rave kann man mich auch nicht locken, das geht mir auf den Geist und für die Leute mit den lustigen Drogen-Augen konnte ich mich noch nie begeistern. Was mich ebenfalls auf die Palme bringen kann, ist R&B, respektive dieser gepimpte Hip Hop. Langweiliges Gedudel, gepaart mit Jammer-Stimme, die rauf und runter geht, schrecklich!
Ansonsten bin ich offen für Country, Klassik, Blues, Jazz und so weiter. Da taste ich mich langsam vor.