23.5.07

Intro

Der Sound kratzt, zischt und fiept fies. Ganz tief unten knarzt ein kaputter Basslauf, ein Rumpeln mimt die Beatmaschine. Hinter absonderlichen Gerätschaften steht ein gebückter Rotschopf. Er dreht an Knöpfen, drückt auf Tasten, provoziert absichtlich Wackelkontakte, indem er die Kabel halb aus Buchsen zieht – dass es nur so brutzelt und knackt in endlosen Echoschleifen.
Der Musiker nennt sich Sendling. Seine Musik nennt er Maschinenmusik. Der Mann dreht an seinen Geräten. Man sieht nur auf seinen Kopf. Er werkelt im Kabelgewirr an einer Klangwelt, die so gar nichts mit herkömmlicher Musik zu tun haben will. Dankbar wippt der Fuss der Zuhörer bei erkennbaren, sich wiederholenden Rhytmusfragmenten mit. Nur ganz wenige Menschen haben sich an das Konzert verirrt. Es ist ein grauer Dienstagabend. Das Konzert ist einer Bar mitten in Zürich. Es gibt zahllose solche Abende an ganz vielen Orten dieser Welt. Und dennoch ist dies ein einzigartiger Moment. Was da aus den Lautsprechern brutzelt und brüllt, passiert hier und jetzt. Mich packen diese Klänge, die so gar nicht zu meinen sonstigen Hörgewohnheiten passt. Der Sound hüllt mich ein und entführt mich für zwei Stunden in eine andere Welt: Die Droge Musik funktioniert ganz ohne Betäubungsmittel. Sie berauscht auch so.
Sendling liebt Musik. Schöne ganz und gar normale Musik. Solche spielt er, der eigentlich Robert Alexander heisst, auch. Nur seine Stimme und seine Gitarre. Es ist unglaublich feingliedrige, zerbrechliche Musik. Doch Alexander kann auch Berserkern, sich und andere in ungewohnte Klangwelten hineinziehen und verzaubern. Er leidet an der gleichen Sucht, wie viele andere Menschen. Er liebt Musik und lebt sie. Und ich war mir sicher: Auch er kann sich an seine erste Schallplatte erinnern. Auf meine Frage, musste er nicht lange überlegen: «Meine erste Schallplatte hiess «High Energy», irgendeine Compilation, circa 1982, mit Sachen wie Gary Numan, Devo, Amanda Lear etc. Ein bisschen wavig, ein bisschen schwul-poppig. Na ja, meine erste eben.» Robert Alexander kauft nicht viele Schallplatten: Er macht seine Musik lieber selbst oder lässt sich von Internet-Radios beschallen. Er braucht Musik nicht zu besitzen um sie zu mögen. Oder um darüber zu reden und sich eine Meinung zu bilden.
Musik ist eben mehr als bloss Unterhaltung. Mit jedem Song verbindet sich ein Stück ganz persönliche Erinnerung. Die eigene Lebensgeschichte ist hörbar. Okay, bei einigen Menschen mag das Echo aus den alten Tagen zwar längst verklungen sein. Sie machen sich nicht viel aus Musik. Für sie ist das bloss Klangkulisse. Ab und zu tanzen sie vielleicht. Und glaubt man den Umfragen einschlägiger Lifestylepostillen, dann haben auch sie schon mal zu Lionel Richies Schmusesound Sex gehabt.
Aber für andere Menschen ist Musik wichtiger als Sex. Es ist für sie existenziell: «Ich hätte nie gedacht, dass Musik für mich mal so wichtig wird, wie Essen, Trinken und Schlafen», beschreibt beispielsweise die Baslerin Eliane Müller ihre Beziehung zur populärsten Kunstform. Sie verlor ihr Herz an den ganz harten Rock’n’roll. Schon vor Jahren. Ihre Geschichte begann wie die vieler Musikmenschen mit vergnügten Stunden vor dem Radio – mit dem Aufnehmen von Kassetten. Das ist musikalische Früherziehung.
Eigentlich illegal, aber als Kind der einzige Weg alles aus der grossen, bunten Popwelt aufzusaugen. Später machte Eliane die Kassetten nicht mehr nur für sich selbst. Sie produzierte Mix-Tapes. Ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zum Musikmenschen. DJ’ette Diva D, wie sich Daniela Mitidieri nennt, wenn sie hinter den Plattentellern steht, fing so an. Auch der Medienschaffende Hannes Hug blickt auf die solche Geschichten zurück. Oder der Musiker und Journalist Joël Bisang. Ihre Erzählungen waren mir bestens bekannt. Die Gespräche mit diesen mehr oder weniger zufällig ausgewählten Hörern habe ich aufgezeichnet und zu einem Dialog zusammen geschnitten.

Seit mehreren Jahren unterhalte ich mich intensiv mit sehr vielen Menschen über ihre Beziehung zu Musik. Dabei geht es mir nicht primär um das Imponiergehabe des Sammlers und Kenners, sondern darum, was der ganze Popkram den Menschen bedeutet. Wie sie damit in Berühurng gekommen sind, was sie damit tun. Die Geschichten sind spannend, sie gleichen sich, sie geben immer wieder zu langen, lustigen und freundlichen Gesprächen Anlass. Interessanterweise bin ich immer wieder auf Parallelen zu meiner eigenen Musikgeschichte gestossen. Dabei ist der soziale Hintergrund der Gesprächspartner egal. Auch ihr Alter ist sekundär. Die Erinnerungen an die ersten Berührungen mit Rock oder Pop sind auffallend ähnlich. Es ist ein Suchen und Finden. Es ist der Soundtrack der Entwicklung: Irgendwann wird man vom Musikvirus befallen. Es beginnt mit dem Sammeln von Eindrücken und dem Suchen nach «seiner» Musik. Mangels Geld und Auswahl bediente man sich zuerst der billigen Kompaktkassette um sich Jahre später mit mehreren hundert LPs, CDs und Kassetten seinen Lebensraum zu teilen. Das wird die Musikindustrie gar nicht gerne hören. Doch selbst der deutsche Chef des BMG-Musik¬verlags, Hartwig Masuch, hat 2001 ein¬geräumt: «Kopiert wurde schon immer. Früher auf Kassetten, heute auf Festplatte.» Er selbst habe viel Musik auf Kassetten aufgenommen. Das schade nicht der Musikindustrie, das fördere das Interesse an Musik. Ins gleiche Horn stösst Steve Albini, Produzent und Musiker: «Jede Band sollte sich geschmeichelt fühlen, wenn jemand ihre Musik hören will.» Filesharing sei nur die Erweiterung der Mix-Tapes, er fühle sich dadurch nicht betrogen, sagte Albini der «Fabrikzeitung» . «Ich glaube sogar, dadurch werden mehr Leute zu Musikfans.»
In den Augen der Musikindustrie ist dieses Treiben Diebstahl. «Hometaping Is Killing Music» heisst ein alter Slogan gegen Piraterie. Es hat nicht viel genützt und eigentlich wusste auch die Branche, dass aus den Kassettenfreaks später die besten Kunden wurden. Dennoch ist die Jagd nach Musikpiraten bis heute im Gang. Mit immensem Aufwand versuchen Unterhaltungskonzerne den Kampf gegen illegale Downloads zu gewinnen. Dabei geht einmal mehr vergessen, dass die Jagd gegen die bösen Diebe eigentlich auch eine Hetzkampagne gegen die eigene Kundschaft ist. Und das der Kampf aussichtslos ist.

So wird also die schöne Stimmung von der schlingernden Musikindustrie ein bisschen gestört. Sie klagt seit einigen Jahren dauernd. Und sie klagt, weil sie nur noch reagiert, anstatt zu agieren. Sie müllt uns mit unsäglichem Popkram zu und macht aus dem Konsumenten plötzlich den Dieb. Der Fan wird zum Feind. Dabei sind Hörer und Industrie aufeinander angewiesen. Es braucht eine Distribution, es braucht Sender und Empfänger, um es im medienwissenschaftlichen Slang auszudrücken. Deswegen soll und darf die Rolle der mächtigen Unterhaltungsbranche hier nicht ganz ausgelassen werden. Denn in der Musikindustrie läuft einiges falsch.
Im Jahr 2000 startete die deutsche Phonoindustrie eine weitere Offensive im Kampf gegen Raubkopien: «Copy kills Music». Damit sollten vor allem Jugendliche, die CDs brannten, für die Probleme der Industrie sensibilisiert werden. Eine Schlagzeile hiess: «10'000 schwarzgebrannte CDs zerstören eine Nachwuchsband.» Für die Kampagne wurden be¬kannte Stars eingespannt. Etwa Smudo von Fantastischen Vier, der nicht nur als Künstler vom Schwarz¬brennen betroffen ist, sondern auch als Betreiber seines Labels Four Music. In einem Interview mit der deutschen «Zeit» im Februar 2000 sagte Smudo: «Tatsache ist, dass heute weniger CDs verkauft werden, als früher. Und Tatsache ist auch, dass diese Entwicklung mit dem Brennen von CDs zusammenhängt. Da¬durch werden Plattenfirmen investitions¬müder.» Soll dies, lieber Smudo, wirklich eine Ent¬schuldigung sein? Die bösen Kunden klauen, also streiken wir Plattenfirmen, respektive werden investitions¬müder, wie du das so schön formuliert hast. Vielleicht liegt der Grund von Raubkopien auch in dieser Investionsarmut: Es gibt zwar eine Unmenge neuer Produktionen. Aber diese kosten den Kunden viel Geld und oftmals ist das Zeug recht lieblos gemacht – zum Beispiel der Schrott aus all den Casting-Shows. Anderseits ist es für Musikkonsumenten immer unübersichtlicher, was es da alles gibt. Früher beschränkte sich das Angebot auf einige wenige Radiostationen die sich durch einen bestimmten Stil profilierten und den lokalen Fachhändler. Heute kann fast alles fast überall gehört und im besten Fall gekauft oder eben geklaut werden. Vielleicht muss ich hier mal anfügen, dass ich es nicht toll finde, wenn sich Leute gratis im Internet mit Musik bedienen. Wer Kunst mag, mag auch dafür bezahlen. Denn künstlerische Arbeit gehört auf jeden Fall entlöhnt. Trotzdem kann ich es verstehen, dass es gemacht wird. Gründe dafür gibt es viele; ich werde später darauaf zurückkommen. Einer ist sicher der: Die Kids würden auch heute noch vor dem Radio sitzen, Kassetten aufnehmen und sich eine musikalische Identität suchen. Aber das Format hat sich geändert, Kassetten sind nicht mehr verbreitet. Auf 98 Prozent aller empfangbaren Radiostationen läuft der gleiche, von wenigen darauf spezialisierten Firmen zusammengestellte, Einheitsbrei. Und die Musikindustrie hat dies gefördert. Nicht gerade das, was sich ein Heranwachsender zur Abgrenzung und zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit als Soundtrack wünscht.
Zudem kann man sich schnell und sehr bequem dank Computer und Internet ein Soundfile suchen und per Mausklick auf den Rechner oder das Mobiltelefon laden. Zudem schreit die halbe Gesellschaft den Slogan «Geiz ist geil». Nicht erstaunlich, dass sich gerade Teenager dies zu Herzen nehmen und Musik dort holen, wo sie nichts kostet. Dieselben Teenager geben dafür mehrere hundert Franken für Gamekonsolen und Markenklamotten aus. Und viele Hörer, die Musik kopieren oder gratis herunterladen, spielen die Songs auf teuren MP3-Playern oder aufwändigen Stereoanlagen ab. Wenn es den Kunden ihr Geld wert ist, geben sie es auch aus. Bestes Beispiel dafür sind die immer teurer werdenden Live-Konzerte: Auch wenn die Tickets 100 Franken oder mehr kosten, die Shows sind ausverkauft. Die gestiegenen Kosten für Konzerte sind übrigens die Folge der darbenden Musikbranche, Fürher verdienten etablierte Künstler ihr Geld vor allem durch den Verkauf von Tonträgern. Heute werden die rückläufigen Verkaufszahlen mit Einnahmen aus Tourneen und Merchandising kompensiert.

Aber in erster Linie will ich über die Musikmenschwerdung sprechen. Wie wird jemand mehr als blosser Zuhörer, was passierte da in der Vergangenheit?
Einige Antworten gibt das nachfolgende Gespräch von fünf sehr aktiven Hörern. Die Antworten sind sehr persönlich. Trotzdem kann ich aufgrund meiner vielen Gespräche behaupten, dass sie stellvertretend für die grosse Masse von Musikfans stehen. Wenn Daniela Mitidieri sagt: «Ich habe lange gedacht, ich sei eine musikalische Aussenseiterin mit einem recht beschränkten Musikgeschmack», dann spricht sie für viele Popfans. Vor allem, wenn sie anfügt, dass sie sich nur deshalb als Exotin betrachtete, weil sie damals nicht Marillion hörte, sondern die Neue Deutsche Welle geil fand. Daniela füllt übrigens mit ihrer Minidisko derzeit regelmässig ganze Clubs. «Heutzutage ist es ein Glück, dass ich nicht auf dieser Mainstream-Schiene gefahren bin», sagt sie deshalb rückblickend. Auch Eliane Müller suchte sich einen eigenen musikalischen Weg: «In der Realschule erhielt ich von den Jungs Public Enemy oder Run DMC überspielt, andere steckten einem Songs von Bon Jovi zu oder gaben sich den neuen tanzbaren Beats hin wie Technotronic oder Snap mit der dazugehörenden kurzen Acid-House-Phase hin. Komischerweise überraschte mich aber niemand mit Metallica, Slayer oder Sepultura. Dabei waren die doch während der 80er voll angesagt. Entweder waren meine Klassenkameraden alles Warmduscher oder die Zeit für mich noch nicht reif für härtere Klänge. Egal, die Welle brach ja später mehr als genug über mich herein!»

So beginnen die Geschichten der Musikmenschen. Ich selbst bin süchtig nach Musik. Seit langer Zeit. Und ich teile diese Sucht mit meinem Umfeld: Meine besten Freunde und auch viele Kumpels sind allesamt Musikfreaks. Sie haben ähnliche Biografien, sie haben ähnliche Wertvorstellungen. Es ist sicher nicht der Sound allein, der verbindet. Die Sympathien basieren kaum darauf. Doch die speziellen musikalischen Vorlieben sind auffällig. Das geht soweit, dass ich soagr an den Zusammenhang zwischen musikalischen Vorlieben und Charaktereigenschaften glaube. Diese Annahme wird übrigens durch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen bestärkt. Auf diese werde ich noch zu sprechen kommen.

Was ist Musik?

Aber fangen wir mal ganz vorne an: Was ist eigentlich Musik? Technisch betrachtet ist Musik simple Physik: Luftdruckschwankungen verursachen Schwingungen. Diese werden vom Ohr als Schallwellen wahrgenommen. Das Hirn verarbeitet diesen Schall zu Information. Die Geschwindigkeit und die Anordnung der Schallwellen ergibt schliesslich ein Klangbild, das als Musik, Krach, Klang empfunden wird. Der Mensch nimmt übrigens schon vor der Geburt Töne wahr. Erziehung und Sozialisation machen dann wohl den Unterschied, welche Tonfolgen wie empfangen werden. Hinzu kommt der Instinkt, der uns vor gewissen Geräuschen als Gefahrenquellen warnt. Begrenzt man die Wahrnehmung von Klang auf die Musik, kann man auch hier wieder Dutzende feinster Unterscheidungen machen. Vieles hat mit Hörgewohnheiten zu tun. Man kann Hören lernen, wenn man denn will. Das lassen wir an dieser Stelle bleiben. Eine sehr schöne Umschreibung von Musik soll aber hier erwähnt werden: «Anything can be music, but it doesn't become music until someone wills it to be Music, and the audience listening to it decides to perceive it as music» , sagte der geniale Komponist und Musiker Frank Zappa einmal. Er hat Musik als «Verzierung der Zeit» bezeichnet. Lexika definieren es ähnlich: «Musik ist gestaltete Zeit, im Gegensatz zur bildenden Kunst, die Raum gestaltet. Musik kann nur als Ablauf in der Zeit erlebt werden, deswegen setzt Musik eine rhythmische Ordnung voraus», heisst es weiter.

Dass alles Musik sein soll, wie Zappa meint, werden viele Menschen bestreiten. Die meisten fühlen sich zu harmonischen Klängen hingezogen, dissonante Töne stossen sie ab. Das hat auch eine Studie des Musiktheoretikers Eugene Narmour ergeben. Er belegt darin, dass der Drang zu harmonischen Tonfolgen das Hörverhalten dominiert, egal aus welchem Kulturkreis jemand stammt, respektive welche Musik diese Kultur prägt. Wobei das Empfinden für Harmonie wohl vor allem von den Hörgewohnheiten abhängt: Nur wer sich bewusst auf Geräusche konzentriert, wird auch in Krach und Kreischen Töne und Rhythmen ausmachen, eben Musik hören können. Die Definition, was Lärm und was Wohl¬klang ist, ist subjektiv. Das monotone Tac-Tac-Tac eines vorbeiratternden Zuges stört, weil das Geräusch als Lärm definiert wird. Wird das gleiche rhythmische Klacken aber als Beat für einen Hit der Black Eyed Peas gesampelt, spricht keiner mehr von Lärm. Aber der Mensch lernt eben schon im Kindesalter zwischen angenehmen und störenden Tönen unterscheiden. Man kann das bei Babys beobachten: Lärm bringt sie zum Weinen, eine Kinderrassel entlockt ihnen ein Lächeln. Bloss: Wo hört Lärm auf, wo beginnt die Musik? Wieso macht Deathmetal viele Leute aggressiv, aber eine schreiend laute Karnevals¬musik stimmt sie fröhlich? Es liegt an der gesellschaftlichen Definition: Das eine wird als böser Krach beschimpft, das andere als lustiger Lärm. Diese begrenzte Aufnahmefähigekeit führt schliesslich zu dem eintönigen Angebot im Rundfunk und zu dem breiten Konsens in Sachen Mainstream. Ich werde solches Denken nie verstehen. Doch genug der Theorie. Lassen wir Musikliebhaber beschreiben, was für sie Musik ist.

Start Me Up

Es wird niemand einfach so zum Musikliebhaber. Meistens beginnt das schon ganz früh, man ist geprägt durch Eltern, Geschwister, sein Umfeld. Wieso sich aber derart starke Bezüge zu Bands, Stilen und so weiter entwickeln, ist nicht klar. Die Wissenschaft setzte sich bisher in einigen wenigen Studien mit der Wirkung und dem Einfluss von Musik auseinander. Warum aber jemand süchtig nach immer neuen Kombinationen der wenigen Tonfolgen wird, wurde meines Wissens bisher nie untersicht. Der bekannte englische Radio-DJ John Peel (1939 – 2004) lieferte eine wunderbare Erklärung: «Als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal, ohne jede Vorwarnung, Little Richard schreien hörte, klang das so wild, so exzessiv, dass ich echte Angst hatte, auf der Stelle wahnsinnig zu werden. Im Grunde ist es diese Erfahrung, auf die ich noch heute jede Mal hoffe, wenn ich eine Platte auflege.»

Nicht weniger schön sind die Geschichten von Hannes Hug, Daniela Mitidieri, Eliane Müller und Joël Bisang. Die Gespräche mit ihnen habe ich aufgezeichnet und zu einem Dialog verwoben. Angefanngen haben alle Diskussionen mit der Frage: «Was bedeutet dir Musik?»

Hannes Hug: Musik ist – erinnerst du dich an die «Liebe ist...»-Stickers aus den 1970er Jahren – also Musik ist in ihrer Bedeutung ähnlich schwer zu beschreiben wie die Liebe. Tja, Musik ist mein Adlerhorst, mein Zufluchtsort, mein Seelentrost, mein Energizer, eine mitunter vulgäre Freundin und ein lallender Freund. Musik darf den falschen Ton treffen, sie muss mich verzaubern um meine Musik zu sein und sie bedient meinen Sammlertrieb. Sie ist Liebe, sie ist Tod, sie ist Sex und mehr als nur ein Mehrwert. Sie ist ein charmantes Zuviel, opulente Dekadenz, dekadente Opulenz. Musik ist Magie und Müll, Tränen und Trümmer, Blitz und Donner. Musik ist, frei nach John Miles, meine erste Liebe und wird meine letzte Liebe sein.
Daniela Mitidieri: Auch wenns jetzt furchtbar kitschig klingt, sage ich: Musik ist der Soundtrack meines Lebens.
Eliane Müller: Musik ist für mich so wichtig wie Essen, Trinken und Schlafen. War es anfangs noch die Musik in Verbundenheit mit Tanzen, so ist es heute die pure Leidenschaft von Musik.
Joël Bisang: Musik hat einen sehr hohen Stellenwert in meinem Leben. Musik begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich bin mit klassicher Musik aufgewachsen. Im Alter von zehn Jahren habe ich im Zürcher Pfarrhaus die doofe Blockflöte gegen Klaviertasten eingetauscht. Trotz anfänglich konsequenten Nichtübens weckt die etwas spröde Frau Meier schliesslich Interesse für Schubert und Debussy. Mit 14 der Griff zur klassischen Gitarre, später kommt die E-Gitarre hinzu; auch ein Schlagzeug steht für längere Zeit im Keller. Musik ist also immer schon ein Teil meiner Welt. Sie ist aber auch Fluchtmittel und das kann etwas Verkrampftes erhalten. Ich bin eher ein introvertierter Mensch und Musik hilft mir dann mich hinter etwas zu verstecken. Gleichzeitig verkörpert Musik Kultur. Sie bietet ein immens grosses Feld.
Zulu: Musik ist der Mittelpunkt meines Lebens. Sie hat mich dahin getrieben, wo ich jetzt bin und sie wird mich an Orte trieben, von denen ich noch nichts weiss. Sie hat mein Leben in vielen Momenten bestimmt. Musik ist mein Antrieb, meine grosse Liebe. Und angefangen hat es mit dem Rocksong überhaupt – das klingt jetzt verdammt nach Klischee, ist aber genau so passiert: Ich hörte Ian Durys «Sex & Drugs & Rock’n’roll» und es war um mich geschehen. Mit diesem Lied entdeckte ich die fiese, gemeine Seite der Musik. Die Rockrakete wurde gezündet. Der Fanatiker in mir hob ab. Bis heute hat sich mein Verhältnis zur Popwelt nicht gross verändert: Ich will Musik spüren. Sie muss leben, sie muss Schmerz und Lust, Hass und Liebe, Schweiss und Tränen transportieren. Ungeachtet von Stilschubalden oder Aktualität. Musik ist der Spiegel meines Lebens, meine beste Freundin und meine Geschichte. Tat¬sächlich erfüllen zahlreiche Stücke in meiner Sammlung diese Kriterien. Vielleicht könnte ich gar mein Leben mit Songs erzählen: Es gibt so viele Erinnerungen an einzelne Lieder, das müsste aufgehen.
Daniela: Das geht mir auch so. Denn ich behaupte Frauen hören anders Musik als Männer, oder geben zumindest zu, dass sie mit jedem Lied eine Erinnerung verknüpfen. Ich habe zu jedem Lied eine Erinnerung. Jedes Lied erhält so eine Farbe, einen eigenen Geschmack. Gewisse Songs versetzen mich in eine Zeit zurück. Dann rieche ich etwas, fühle etwas. Früher habe ich Tagebuch geschrieben und eigentlich immer Zitate aus Liedern verwendet. Später habe ich dann meine Gedanken in Form von Musik auf Kassetten gebannt. Da steht dann beispielsweise drauf Oktober 05 drauf. Und das ist dann so, wie ich auflege: Wahnsinnig wirr, da kommt auf etwas lustiges, ein trauriger Song. Und wenn ich die Kassette jetzt abspiele, kommen mir all die Dinge aus dieser Zeit wieder in den Sinn.
Hannes: Für mich ist das keine Frage des Geschlechts. Ich habe auch als Mann Erinnerungen an Songs.
Joël: Das finde ich jetzt schwierig zu sagen. Ich kenne gar nicht viele Frauen, die sich intensiv mit Musik auseinandersetzen. Das kenne ich eigentlich nur von Typen.
Eliane: Ich glaube aber schon an eine unterschiedliche Wahrnehmung von Musik bei Männern und Frauen. Mir fällt das vor allem bei Metal-Gigs auf: Da flippen die Kollegen aus ab dem Gittaristen, Bassisten oder Schlagzeuger und schwärmen: «hast du gehört, wie der gespielt hat». Äh nein, habe ich nicht. Denn ich achte viel weniger auf die einzelnen Instrumente, sondern auf Melodien, oder dann wird vielleicht noch einer der spielenden Jungs angehimmelt! Ich denke, Männer hören anders hin, weil sie selbst in eine Band sind, oder es gerne wären.»
Zulu: Bis zu einem gewissen Punkt kann ich das für mich bestätigen. Mümmelt beispielsweise Brant Bjork dumpf aus den Lautsprechern stell mir schon mal vor, wie ich das spielen würde, auch wenn ich das selbst gar nicht kann. Der schleppende, dunkle Sound lullt mich ein und entführt mich. Dennoch nehme ich die Musik schon fast analytisch wahr: Es ist unverkennbar Blues. Stilpuristen beharren darauf, dass es sich bei dieser Spielweise um Stoner Rock handelt. Stimmt, Bjork war schliesslich Schlagzeuger bei Kyuss, die als Begründer des Stoner Rock gelten. Mir ist das eigentlich egal. Ich mag gute Musik. Nicht einen be¬stimmten Stil, nicht eine bestimmte Band. Es könnten genauso Slayer den Teufel besingen. Hauptsache ist, dass die Musik intensiv ist und nicht aufhört. Trotzdem höre ich Musik in Stilschubladen, in Listen und in technischen Details. Als ausgebildeter Tontechniker meine ich zum Teil sogar technische Details und so Kram zu hören. Dennoch geht es mir in erster Linie um die Musik. Doch den Rest kann ich nicht ausschalten.
Hannes: Das ist eben das typisch männliche. Mein Eindruck ist, dass Frauen keinen Fetisch für Musik haben im Sinn von Sammeln. Details und Daten auswendig lerne, zum Beispiel: In der alten Besetzung ist die Band mit dem Gitarristen und der Bassistin, auf dem Album, das dann produziert wurde von... das machen Frauen weniger.
Daniela. Machen denn das Männer?
Hannes: Männer machen das fast durchs Band.
Daniela: Ich habe immer gefunden ich sei dumm, im Sinn von: Ich liebe Musik, aber ich habe keine Ahnung. Ich kann dir ein Lied singen. Aber ich weiss nicht von wem es ist oder wie es heisst. Geschweige denn sonst was. Wie macht ihr das? Mich fasziniert das. Du behauptest also, Männer sind – vorausgesetzt sie interessieren sich für Musik – so wie Nick Hornbys Romanfigur Jack Black in High Fidelity. Du bist auch so einer. Du kannst sagen, damals als der und der noch in der Band war, hat er diesen Song geschrieben, nachdem ihn seine Freundin mit dem Gitarristen betrogen hatte.
Hannes: So ähnlich. Das ist so empirisches Aneignen von Wissen. Man muss Popmusik insofern adeln, als dass man etwas dazu sagen kann. Es gibt Listen. Man kann Listen erstellen. Das dient dazu, sich Fakten einzuverleiben, damit man die Musik auch versteht. Vielleicht ist das der einzige Beitrag, den man leisten kann, wenn man nicht selber Musik macht.
Zulu: Trotzdem muss ich zugeben: Auch ich habe früher Listen geführt. Heute könnte ich nicht mal schnell meine zehn Lieblingssongs aufzählen, das wechselt ständig. Doch wenn ich mir ein neues Album kaufe, schlage ich im Booklet immer zuerst die letzte Seite auf. Dort steht dann wer mitspielt, wer die Platte aufgenommen hat, wer sie produziert hat. Diese Infos sind zusammen mit dem Label für mich fast so wichtig wie der Künstler selbst. Ein guter Freund von mir macht das genauso. Seine Freundin hingegen, sie hört sehr viel Musik uns ist selbst eine begnadete Musikerin, liest macht dies nicht. Sie behauptet aber, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen im Bezug auf den Konsum von Musik. Eine kleine, völlig zufällige Umfrage unter einigen Bekannten kam diesbezüglich zu keinem eindeutigen Schluss.
Daniela: Ich kann so was lesen und finden: Wow, das ist spannend. Aber ich vergesse das wieder. Ich denke eher in Text und Bild und Männer wohl eher in Excel-Listen.
Joël: Bei Songs oder Künstlern habe ich das nie gemacht. Aber ich habe lange Zeit akribisch über meine Konzertbesuche Buch geführt. Wer, wann, wie und wo. Diese Liste habe ich aber irgendwann nicht mehr fortgeführt. Aber manchmal stelle ich virtuelle DJ-Sets zusammen.
Hannes: Es ist wohl eine Frage, wie man sozialisiert wird und wie man älter wird. Denn es ist eindeutig auch ein Teenagersport. Aber es erschliessen sich dadurch Zusammenhänge und man stellt Bezüge her, zu Sachen, die man schon immer vermutet hatte. Plötzlich merkt man, aha, das ist der, der unter anderem Namen schon das und das gemacht hat.
Daniela: Das ist ja noch das Eine. Aber dann merkt ihr euch auch Daten! Ihr wisst die Jahrgänge der Platten. Ich meine ich sammle auch einzelne Künstler. Zum Beispiel von Lisa Loeb...
Hannes: Das ist die mit der schwarzen Brille.
Daniela: Siehst du, du sagst dann sofort, die mit der Brille. Ich weiss dann eher, das ist das grüne Album mit der Katze drauf. Aber ich könnte dir nie sagen, aus welchem Jahr das ist.
Zulu: Also ich kann in der Regel beides: Das Cover beschreiben und das Erscheinungsjahr nennen.
Hannes: Aber Daniela scheint eher in Bildern und Texten bei Musik zu denken?
Daniela: Genau. Und das wollte ich dich jetzt gerade Fragen: Denken Frauen eher in Bildern und Männer eher in Excel-Listen?
Hannes: Das ist interessant: Ich bin Mitglied eines so genannten Hörtisches. Da trifft man sich alle paar Wochen und jemand stellt ein Album vor. Und dort gibt es eine Frau, die meinte, man müsste doch immer eine Tabelle nachführen, was hat wer wann gespielt. Von daher würde das also nicht stimmen. Vielleicht führt jetzt das auch zu weit, zu sagen, dass Männer und Frauen anders Musikhören. Wobei ich schon ein bisschen das Gefühl habe, Männer und Frauen hören anders oder aus anderen Motiven Popmusik. Die Listen sind aber doch auch eine Mischung zwischen Klatsch und Fachwissen. Das mit dem Listendenken gibt es ja auch bei Filmfreaks. Die könne ja auch sagen, der hat doch auch dort und dort mitgespielt. Das entzieht sich mir total. Aber ich denke es ist dasselbe wie bei der Musik.
Daniela: Ja, aber beim Film ist das doch viel einfacher. Und du kannst auch die verschiedenen Musikstile benennen. Ich kann das nicht.
Hannes: Ja, aber das ist doch auch nur Wichtigtuerei. Wobei man auch sagen muss: Es gibt nur gute und schlechte Musik. Es gibt keine guten und schlechten Stile.
Zulu: Schön gesagt. Musik kann man nicht auf Stile reduzieren. Aber mir sind auch diese Best-of-Listen ein Graus. So im Stil von Fachzeitschriften, die alle paar Jahre die wichtigsten Rockplatten aller Zeiten nennen. Soll mir keiner kommen und sagen ich könne ohne das St. Peppers-Album der Beatles nicht über Musik sprechen. Ich habe auch weder eine Beatles-Platte noch etwas von Jimi Hendrix oder was selbsternannte Musikex¬perten sonst noch als bahnbrechend, wichtig und absolutes Must-Have bezeichnen (Ganz schlimm die Rolling-Stone-Top-100). Es war und ist mir schlicht egal. Ich wurde in dem Jahr ge¬boren, als Sgt. Pepper’s» erschienen ist. Und wenn mir nun gleichaltrige Menschen erklären, dass diese Platte so wahnsinnig wichtig für sie ist, dann reden sie Blödsinn oder sie haben ganz einfach in ihrer Jugend zuviel zurückgeschaut. Ich bin ohne den Pop der vier Liverpooler gross ge¬worden und habe trotzdem einen einigermassen guten und breiten Musikgeschmack. Ich schau und hör mir einfach lieber das Hier und Jetzt an, als die Vergangenheit zu verklären. Wobei mir auch klar ist, dass es auch in der Musik ohne Vergangenheit keine Zukunft gibt. Aber es reicht wenn ich die Sounds von früher kenne, ich muss sie nicht auch noch sammeln.
Hannes: Es gibt noch ein weiteres Phänomen: Viele Frauen hören ein Lied, das ihnen gefällt, solange bis es nicht mehr geht. Und ich kenne quasi keine Männer die das tun.
Daniela: Ich habe mal unter einem Typen gewohnt, der ein ganze Wochenende lang «One More Night» von Phil Collins abgespielt hat. Das war soviel ich weiss, einer der gerade aus einer Anstalt entlassen wurde. Ein Schwererziehbarer.
Zulu: Die Geschlechterfrage habe ich mir so noch gar nie gestellt. Für mich ist Musik irgendwie ein Männerding und ich bin immer angenehm überrascht, wenn ich Frauen wie Eliane oder Daniela treffe, die sich derart intensiv damit auseinandersetzen. Gleichzeitig finde ich gute Musik schon fast erotisch. Also ich meine jetzt das gesamte Klangbild, die Kraft, die aus den Songs hervorgeht. Wie hört ihr denn Musik?
Daniela: Ich bezeichne mich als Text-Fetischistin. Ich habe ganz viele schlechte Lieder, bei denen du die Musik eigentlich nicht hören kannst, aber die Texte sind super. Ich höre immer auf die Texte. Das ist manchmal auch mühsam für meine Mitmenschen. Aber meistens ist es der Text, der mich begeistert, und dann bekomme ich auch die Melodie lieb.
Hannes: Mir ist die Musik zu wichtig, als dass ich wegen dem Text alles andere entschuldigen könnte. In Anbetracht dessen, dass viele Leute – ich auch – die Texte missverstanden haben, scheint es mir lustig, dass du sagst: Zuerst kommt der Text, dann kann ich alles verzeihen.
Zulu: Ich höre nicht mal bei Jan Delay auf die Texte. Obwohl der einen unglaublichen Wortwitz hat und auch etwas zu sagen hat, kommt mir bei ihm eher der Sound in den Sinn, als die Textzeile.
Joël: Durchaus. Ich höre ja viel Hip-Hop und das sind die Texte schon ganz wichtig. Das ist übrigens erstaunlich: Bei dieser Partyreihe «Rap History» im Helsinki , da rappen junge Kids die ganzen Texte der alten Sachen mir. An den Lyrics muss also was dran sein. Hip-Hop interessiert mich auch vom soziologischen Aspekt her. Die jungen Menschen, die das heute hören, die sind so aufgewachsen. Es hat sicher auich ein bisschen was von dieser Punk-Attitude. Aber es hat auch etwas Kapitalistisches, Angepasstes. In den meisten Fällen hat es auch etwas Identitätsstiftendes. Techno geht meiner Meinung nach mehr nach innen. Es hat überhaupt nichts Politisches. Die Leute haben Fun und fertig!

Hannes: Hip-Hop ist da wohl spezieller. Aber Text ist in der Popmusik ja nicht einfach nur Text. Das hat ja auch etwas lautmalerisches, ein Versmass oder so.
Daniela: Mich hat die Aussage von Carla Bruni in einem Interview zu ihrem Album «No Promises» erschüttert. Sie fand, es hört doch kein Mensch auf den Text. Es gehe nicht um den Text, es gehe um Musik, der Inhalt sei zweitrangig. Das hat mich extrem bestürzt, zeigt mir aber, dass es verschiedene Arten gibt, Musik zu konsumieren. Dabei mag ich es besonders Songzitate zu verändern, zu widerlegen. Ich sage zum Beispiel «Non sono solo canzonette», es sind eben nicht nur Liedchen, in Anspielung auf Eduardo Bennatos «Solo sono canzonette».
Zulu: Ein Freund von mir hat mich übrigens mit der Aussage überrascht, dass er beim ersten Anhören immer die Texte mitliest. Sind sie nicht im Booklet schreibt er sie sogar raus oder schaut im Internet nach. Er hat mal für ein Fanzine geschrieben und fragte beim Interview mit Bad Religion nach bestimmten Textstellen, die er nicht begriffen hatte. Es gibt also durchaus auch männliche Textfetischisten.
Hannes: Ich könnte jetzt nicht mal ein Zitat nennen. Ich höre einfach weniger auf die Texte. Mir scheint das mit den Texten auch insofern lustig, als dass man doch auch immer wieder die Texte falsch verstanden hat. Ich habe zum Beispiel bei einem Kiss-Song alles falsch verstanden. Ich habe irgendwann mal gemerkt, es geht bei Rocksongs oft um Liebe, um Eifersucht. Kiss sangen «My Love is Like Dynamite». Und ich habe das so verstanden: «Meine Liebe ist deine Maid». Also der hat jetzt die Maid, also Frau, des anderen. Und solche Dinge gab es ja extrem häufig. Aber das war ja eigentlich egal, denn es ging ja um den Klang insgesamt.
Daniela: Aber man will doch mitsingen. Es gibt Lieder, die sang man einfach mit. Und es gibt gewisse Songs, die singe ich immer noch genau gleich falsch mit.
Hannes: Es gibt doch das Buch mit den bekannten Verhörern: «Der weisse Neger Wumbaba» , dort sind klassische Missverständnisse beschrieben. Und vor diesem Hintergrund, ist es doch lustig, dass du sagst: «Zuerst kommt der Text und dann die Musik.»
Zulu: Ich kenne einen, der bei Dead Kennedys «Viva Las Vegas» immer «People are Changing» verstanden hat. Der politisch korrekte Jello Biafra hat sich seine Zuhörer wohl anders vorgestellt...
Hannes: Da fällt mir gerade ein: Habt ihr jemals erlebt, dass jemand, also eine Frau oder ein Mann in einer Beziehung, an Attraktivität eingebüsst hat, wegen seines Musikgeschmacks?
Joël: Das spielt eigentlich nicht so eine Rolle. Das hat ja auch mehr was Begleitendes. Natürlich ist es schön, wenn man zusammen tanzen gehen kann. Oder wenn sich die Vorlieben nicht ganz fest unterscheiden. Aber es gibt Konzerte, da gehe ich dann ganz bestimmt alleine hin.
Daniela: Ganz früher einmal in der Schule. Da war einer in mich verliebt und der hat bei der Frage «Lieblingsband» Costa Cordalis in ein Poesiealbum geschrieben, das wars dann.
Hannes: Also musikalische Anspruchslosigkeit stelle ich mir jetzt extrem schwierig vor.
Zulu: Mir ist das irgendwie egal. Aber wenn ich so überlege, ist es mir wohl lieber in der Beziehung musikalisch der Chef zu sein, als umgekehrt. Mir wärs vielleicht mit Frauen wie Eliane oder Daniela nicht so wohl. Die wissen so verdammt gut Bescheid. Wobei ich jetzt auch noch nie in eine Frau verliebt war, wo es überhaupt nicht passte. Aber ich glaube eben an die charakterbildenden Eigenschaften von Musik. Wenn ich dorthin ausgehe, wo mir die Musik passt, treffe ich auch kaum doof Menschen. Irgendwie passt das meistens. Und beim Gespräch über Bands und Sounds kann man sich prima abtasten. Doch einmal fiel ich quasi auf eine Frau rein. Die kannte all die geilen Bands, die ich so mag, wie die Butthole Surfers und Melvins. Dabei stellte sich dann später heraus, dass sie das Zeug nur kennt, weil ihr ein Kumpel dauernd solche Kassetten machte. Sie selbst hatte einen sehr normalen Musikgeschmack. Teilweise mit Bands, die ich nicht ausstehen kann.



Daniela: Wie hat denn bei euch das Musikhören angefangen?
Zulu: Bei uns zuhause lief immer Musik. Die Eltern hatten eine grosse Sammlung mit Singles und LPs. So wurde ich von Klein auf zum Zuhörer erzogen. Irgendwann begann ich selbst meine Lieblingssänger aus Vaters Plattenkiste heraus¬zusuchen. Er war schon ein ziemlicher Musik¬freak mit einer Kollektion an frühen Rock-Platten, leider hat sich sein Geschmack weg vom Rock’n’roll – er war glühender Bill-Haley-Fan – hin zu Oberkrainer und Schlagermusik gewandelt. So wurde ich neben «Rock Around the Clock» auch mit Roy Blacks «Schön ist es auf der Welt zu sein» oder Slavko Avseniks Balkanländlern konfrontiert. Zeug das ich dann jeweils auch lautstark mitgekräht habe. Die ganze Beatmusik und natürlich insbesondere die Beatles scheinen meinen Vater dagegen überhaupt nicht interessiert zu haben. Dabei war er zur Blüte¬zeit dieser Bands Mitte zwanzig und somit im perfekten Fan-Alter. Auch meine Mutter konnte nichts mit Rolling Stones und Konsorten anfangen. Das sei Musik aus der Stadt gewesen, auf dem Land hätte man so was nicht gehört, erklärte sie mir einmal. Irgendwann durfte ich mir dann eigene LPs, Singles und Kassetten kaufen. Dazu gehörten vor allem auch Sweet und Nazareth.
Eliane: Das fing schon vor der Schule an. Kaum legten meine Eltern eine Platte auf, begann ich zu tanzen. Wobei ihre Musiksammlung mehrheitlich aus James Last, Joan Baez und Klassik bestand, was aber genügte. Mit dem Schuleintritt begann ich mit Ballett und erhielt gleichzeitig meine erste Musikkassette: «The best of ABBA!» Natürlich war es um mich geschehen und es wurde fleissig mitgetanzt und mitgeträllert. Zudem vererbte mir man Boney M mit dem Album «Nightflight to Venus».
Joël: Ich habe erst sehr spät angefangen selbst Schallplatten zu kaufen, als Jugendlicher hatte ich das Geld nicht. Natürlich habe ich auch die Hitparade auf DRS3 aufgenommen oder mir von Kollegen Musik aufnehmen lassen. Eine meiner ersten LP’s war «Headhunter» von Krokus, weil ich das Cover so geil fand. Musiklaisch war ich unbefangen. Ein Song von Iggy Pop gefiel mir übrigens immer besonders gut, das war «Cold Metal» vom «Instinct»-Album. Reggae war auch immer ein Thema. Und das Live-Album «Big Time» von Tom Waits fand ich immer sehr geil.
Dann ging es recht schnell. Auf der Suche nach wilderen Lebensentwürfen stiess ich dann zu Beginn der 1990er-Jahre auf Bands wie Fugazi, Slayer oder Snuff. Natürlich fand ich auch die entsprechenden Freunde. Der langhaarige Skater vom Schulhof mit «Hang the Pope»-T-Shirt von Nuclear Assault zählt heute noch zum engsten Freundeskreis. Das lief dann im Stil von: «Hey, du bist doch der mit den Suicidal-Platten? Kann ich mir die mal ausleihen?» Etwa zur gleichen Zeit habe ich auch festgestellt, dass im HipHop eher Sampler und Drummachine als Instrumente die Türen zu neuen Räumen öffnen. Und «Jazz» war plötzlich nicht nur mehr der Titel eines Stückes von A Tribe Called Quest. Einige der Schulfreunde von damals sind heute gestandene Jazzer.
Daniela: Meine früheste Erinnerung an Popmusik war Nena. Nein, stimmt nicht. Es war Tommy Ohrner.
Hannes: Aber hat der denn gesungen? Der war doch Schauspieler.
Daniela: Ja, ich habe mich in Tommy Ohrner verliebt beim Film Timm Thaler. Und dann hat mir mein Lieblingsonkel im Ex-Libris im Pizol-Park Sargans die Schallplatte von Tommy Ohrner gekauft. Er hat ein einziges Album gemacht, die hiess «Rock’n’roll and Old Blue Jeans». Darin war auch ein Poster von ihm in Latzhosen und vier Klebebildchen.
Hannes: Mein Gott, der war damals doch erst etwa zwölf oder 13 Jahre alt. Weißt du noch wie die Melodie ging von Timm Thaler?

Beide fangen sofort zu singen an.

Hannes: Das ist doch von Frank Duval.
Daniela: Ja, und der andere hiess doch auch Frank. Der böse Baron.
Hannes: Der hiess Lefuet. Rückwärts für Teufel.
Zulu: Ich habe daran überhaupt keine Erinnerung. Bloss die, dass ich den Namen Thomas Ohrner aus der Bravo kenne. Aber ich habe so eine Maxi-Single mit einem Kleber drauf: «Frank Duval, Musik aus der Tatort-Folge soundso». Leider kann ich nicht mehr nachschauen was es war. Die Platte habe ich mal entsorgt.
Hannes: Der Name Lefuet erinnert mich an die Rückwärtsbotschaften in der Rockmusik. Gerade eben habe ich folgendes gelesen: Paul McCartney ist seit 40 Jahren tot. Er wurde durch ein Double ersetzt. Das Cover des St. Peppers-Album liefert zahlreiche Hinweise. Zudem ergibt der Refrain des Songs Revolution N0. 9 rückwärts abgespielt die Worte «Get me out, get me out».
Zulu: Neu ist die Geschichte vom frühen Ableben des Beatles Bassisten nicht. Bereits 1969 setzte ein amerikanischer Radio-DJ das Gerücht in die Welt. Er stützte es auf Songtexte und die Album-Covers ab. Es gibt ja genügend Leute, die fest davon überzeugt sind, dass in der Popmusik versteckte Botschaften enthalten sind. Immerhin waren Judas Priest 1990 sogar deswegen vor Gericht. Angeblich hat sich ein Teenager das Leben genommen, weil er in im Song «Better By You, Better By Me» der Heavy-Metaller explizit dazu aufgefordert wurde. Rückwärts abgespielt sei die Botschaft «Do It» zu hören, klagten die Eltern, was ihren 19-jährigen Sohn dazu gebracht habe, sich zu erschiessen. Sogar die Richter im konservativen US-Bundesstaat Nevada befanden dies als Schwachsinn und sprachen die Band frei.

Die Geschichte mit den Botschaften in der Musik geht noch weiter. Denn Daniela hat ein bestimmtes Ritual, welches ihr durch die Musik bestimmte Dinge voraussagen soll.

Daniela: Ich hatte schon als Kind furchtbare Ticks. Zum Beispiel auf dem Schulweg, das musste ich auf jeden Gullideckel treten, sonst brachte es Unglück. Und wenn ich heute am Morgen aus dem Haus gehe, wähle ich beim iPod den Shuffle-Mode: So wie der Song ist, so wird mein Tag. Mittlerweile habe ich mich allerdings auf drei Songs eingependelt. Denn manchmal passt mir die Vorhersage nicht. Das mache ich beispielsweise auch vor einem Date. Und manchmal passt es sogar. Aber auch, weil ich will, dass ich eine Botschaft darin sehe.»
Hannes: Hast du denn nicht das Bedürfnis etwas ganz bestimmtes zu hören, weil du mit einer besonderen Stimmung erwacht bist?
Daniela: Doch, das gibts natürlich auch.
Joël: Ich höre heute meistens bewusst Musik. Früher hörte ich oft Musik beim Lesen. Das mache ich heute nur noch zur Zeitungslektüre. Aber ich spiele Gitarre vor dem Fernseher, der dann natürlich ohne Ton läuft.
Zulu: Am Morgen höre ich am liebsten gar keine Musik. Meist schalte ich schnell den Radio ein um Nachrichten zu hören, da trinke einen Kaffee dazu, dusche mich. Den Radio mache ich spätestens beim ersten Nervsong wieder aus. Und das geht bei DRS3 verdammt schnell. Die Kombination aus DJ Bobo und Oldies-Scheiss mag ich nicht vertragen. Ich kann glaube ich erst Musik hören, wenn ich richtig wach bin. Und dann darfs am frühen Tag nichts sein, das anstrengt. Kein Jazz, kein Hardcore oder Heavy Metal. Aber abends habe ich oft Lust bewusst Musik zu hören. Oftmals brauen sich im Ausgang ganze Songlisten zusammen. Dann kann es sein, dass ich nach Hause komme und mich noch ein, zwei Stunden lang mit Musik zudröhne.
Hannes: Ich stehe am Morgen auf und weiss, welche drei Platten ich hören will. Aber seit ich umgezogen bin, sind die Platten nicht mehr alphabetisch geordnet und viele davon stehen im Keller, weil ich zuwenig Platz habe. Das hätte ich mir auch nie träumen lasse, dass mal ein Teil meiner Sammlung im Keller vor sich hin schimmelt. Ich sage dann zu Gästen: «Darf ich dir einen 86er Dylan aus dem Keller holen?» Wobei ich nicht mal was von Bob Dylan habe, aber es klingt einfach gut.
Durch die Unordnung in meinem Regal habe ich also auch eine Art Zufallsmodus. Und manchmal macht mich das halb wahnsinnig, weil ich nicht finde was ich suche. Doch während der Suche entdecke ich dann andere Platten.
Daniela: Bei mir sind die CDs sogar innerhalb des Alphabets noch alphabetisch eingeordnet.
Zulu: Das finde ich lobenswert. Bei mir hört es zum Beispiel mitten im L auf und dann muss ich drei Meter weiter links in der nächsten Reihe weitersuchen. Das ist mühsam.
Hannes: Das müsste ich auch wieder mal machen. Mich regt diese Unordnung manchmal auch auf. Aber für mich ist es auch eine Emanzipation von etwas. Ich habe ja zwei Jahre lang in einem Schallplattengeschäft gearbeitet. Und in dieser Zeit habe ich enorm viele Platten und Raritäten gekauft. Und dann habe ich mit einem Typen zusammengewohnt, der meine Platten verkaufte, weil er Geld brauchte. Zu dieser Zeit hatte ich ja nicht viele Güter. Als dann einmal ein Versicherungsagent bei uns war, meinte dieser: «Ich versichere doch einfach deine Schallplattensammlung. Das ist ja wohl das wertvollste hier». Und der WG-Kollege meinte noch: «Ja wir haben ja wirklich nicht viel. Aber Musik hat doch einen viel höheren Wert, als bloss den Materiellen.» Und ich sagte, ja es ist extrem viel Seele und Geschichten und so. Und dann hat der Typ immer ein bisschen mehr LPs verkauft, bis ich merkte, dass da eine richtige Lücke in der Sammlung war. Ich konnte dann im Second-Hand-Laden einen Teil meiner Raritäten zurücktauschen.
Daniela: Das tut weh.
Hannes: Das tut ziemlich weh. Aber ich fand auch, dass ich jetzt kuriert bin von meinem Sammeltrieb. Ich muss nicht mehr sammeln. Das hat dann plötzlich aber wieder angefangen. Doch ich habe nicht mehr die gleiche Beziehung zu dieser Menge Tonträgern. Ich hätte mir nie vorstellen können, das die Hälfte meiner LPs seit Jahren im Keller stehen.
Joël: Als ich die Phase hatte, wo ich viel Gitarre spielte, habe ich mal einen ganzen Stapel LPs und CDs weggeschmissen. Also richtig entsorgt, nicht ins Brocki oder so. Einfach weg, vernichtet. Aber ich bin auch nicht unbedingt ein Sammler. Vor kurzen habe ich gerade viel Techno-Platten ausgemistet.
Zulu: Bei einem meiner zahlreichen Umzüge habe ich mal rund vier Papiertaschen mit LPs in die Brockenstube gegeben. Ich meine, ich habe die jahrelang nie mehr angehört und immer nur beim Umziehen in der Hand gehalten. Aber ich bereue es heute extrem. Da fehlen einige Sachen in meiner Sammlung, die zwar nicht meinen Ruf als Musikexperte gefestigt hätten aber die ein Stück Lebensgeschichte sind. Das Schlimmste: Ich sehe zum Teil noch die Hüllen vor mir, kann mir die Musik in Erinnerung rufen. Und wenn ich dann vor dem Regal stehe und danach suche, weiss ich wieder, dass die LPs weg sind. Das nervt mich dann unheimlich.
Daniela: Ich hätte auch nie gedacht, dass das einen so schmerzt. Aber ich habe nach der letzten Golden-Girls-Party im Mascotte meine Plattentasche im Tram vergessen. Und ich habe zuerst gar nicht gemerkt, dass ich die liegen lassen habe, da ich gerade am Zügeln war. Als es mir klar wurde, rannte ich sofort aufs Fundbüro. Doch dort wurde keine Tasche abgegeben. Das klingt jetzt wahnsinnig blöd, aber ich erwachte eines Morgens und wusste ich muss noch mal aufs Fundbüro: entweder taucht die Tasche heute auf, oder sie ist für immer weg. Und tatsächlich waren meine Platten dort. Ich hätte nie gedacht, dass mir meine Musik soviel bedeutet. Zu Hause habe ich jede Platte rausgenommen und angeschaut. Was mich am meisten geschmerzt hätte, wäre der Verlust von Haysi Fantayzee gewesen. Ich wusste, ich hätte die LP nie mehr gefunden. Und «John Wayne is Big Leggy» war mein Lieblingslied in der 6. Klasse. Damals war gerade Kirmes im Dorf und uns gefiel dieser Typ vom Autoskooter und dazu lief immer dieser Song. Und zu meinem 30. Geburtstag hat mir mein Bruder diese LP geschenkt, die er von einem Bandkollegen erbettelte. Dieser Verlust hätte mich am meisten geschmerzt. Plus die Compiltation «Völlig losgelöst». Das ist so eine Zusammenstellung von Hits aus der Neuen Deutschen Welle von K-Tel. Die habe ich von meiner Patentante zur Erstkommunion erhalten. Ich weiss noch, wie cool ich das fand: Alle anderen erhielten Goldkettchen und so Zeug und ich eine LP und eine Jeanshose erhalten.

Zulu: Jetzt sind wir ziemlich vom Thema abgekommen. Wie war das nochmals mit dem musikalischen Anfängen?
Eliane: Zuerst waren da eben die Kassetten von ABBA und Boney M. Mit dem Eintritt in die Primarschule tat sich dann ein weiteres kleines Türchen auf. Plötzlich konnte man mit anderen Leuten über Musik reden und es wurden die ersten Kassetten ausgetauscht und überspielt. Zu den Top-Favoriten zählten zu jener Zeit Falco, Michael Jackson, George Michael, später dann Sandra, Madonna, Pet Shop Boys und alles was ein junges Pop-Herz so höher schlagen lässt. Zu dieser Zeit war es nicht ganz einfach, Informationen über Bands, Interpreten und neue Alben zu erhalten. Glücklicherweise gab es die Bravo, welche man natürlich nicht kaufen durfte, aber bei der etwas älteren Nachbarin durchblättern konnte.
Daniela: Nena war mein Einstieg in meine kleine Musikwelt.
Hannes: Wer hat dir das denn gezeigt? Hast du das alles selbst herausgefunden?
Daniela: Ja. Ich durfte die Bravo kaufen. Und mein Bruder hat dann für mich jeweils schon die Hitparade herausgeschrieben.
Hannes: Worum ging es dir dann bei der Popmusik, was hat sie dargestellt, was hat sie ausgelöst bei dir?
Daniela: Euphorie und Freiheitsgefühl. Ich meine, ich habe Nena nie in meinen Jugendjahren live gesehen. Aber wenn ich die nur schon im Fernsehen gesehen habe, war ich hin und weg. Ich wollte so sein, wie sie, ging mit einem Bild zum Dorffriseur und wollte so eine Frisur, wollte so einen roten Leder-Mini. Und sie sang so, dass ich es verstand und das habe ich mit Sehnsucht gefühlt.
Hannes: Und die Kolleginnen, haben sie das gut gefunden, das du auf Nena abgefahren bist? Da gib es doch Lager?
Daniela: Ich habe lange gedacht, ich sei eine musikalische Aussenseiterin mit einem recht beschränkten Musikgeschmack. Denn eine gute Freundin stand damals schon auf Marillion. Das war mir zu weit weg, da hatte ich keinen Bezug dazu. Aber ich hatte das Gefühl, die ist extrem weit gefächert. Ich blieb Nena und der ganzen Neuen Deutschen Welle treu. Heutzutage denke ich, es ist ein Glück, dass ich nicht auf dieser Mainstream-Schiene gefahren bin. Aber dazumal dachte ich wirklich, ich bin ein bisschen einfach.
Zulu: An meine erste eigene Langspielplatte kann ich mich noch genau erinnern: Ich sehe noch heute den Warenkorb mit den Aktionen im Supermarkt vor Augen. Es war an einem samstäglichen Shopping¬trip mit den Eltern. Ganz vorne im Regal stand eine Schallplatte mit schwarzer Hülle mit einem coolen Typen drauf, die Typografie und der Titel zogen mich ebenfalls in ihren Bann: «Folsom Prison Blues» von Johnny Cash. Nach ein¬dringlicher Zwängerei im Laden gaben die Eltern nach und ich hatte meine erste eigene LP.
Joël: Da ich vor allem mit klassischer Musik gross geworden bin, habe ich erst spät eigene Platten gekauft. Eine der ersten war wie schon erwähnt «Headhunter» von Krokus.
Hannes: Das erste Album, das ich mir gekauft oder gewünscht habe war entweder Manfred Mans Earth Band oder Supertramp.
Eliane: Bei mir hat es mit Kassetten angefangen. Ende 1985 ergatterte ich mir mit dem Weihnachtsgeld die Langspielplatte von «Ronny’s Popshow» (die TV-Sendung mit dem moderierenden Affen), für welche im Fernsehen kräftig Werbung gemacht wurde. Darauf waren Bands wie Fine Young Cannibals oder Eurythmics, welche beide zu meinen Favoriten zählten. Eurythmics sind für mich bis heute einer der besten Pop-Acts überhaupt. Ich würde sagen, ab 1986 öffnete sich das nächste Musik-Türchen. Das Interesse an Musik begann zu steigen, so wünschte ich mir zum Geburtstag und zu Weihnachten Musikkassetten und ich sparte jeden Rappen für die nächste. Ich entwickelte eine tiefe Liebe zu Sandra und den Pet Shop Boys. Perfekte Musik für die kommende, verwirrende Zeit der Pubertät. Sandra musste herhalten für mit-der-Haarbürste-vor-dem-Spiegel-singen und vom-Schwarm-träumen, während Pet Shop Boys eher in ernsteren oder traurigeren Momenten angehört wurde. Später folgten die Schmalz-Brüder Bros, welche durch die wohl erste richtige Boy-Group, die New Kids on the Block (nicht Take That!) abgelöst wurden.
Zulu: Schämst du dich für deine Boy-Group-Vergangenheit?
Eliane: Hehe, da hat es schon paar Scheiben und Kassetten in meiner Sammlung, für dich ich mich bisschen schäme. Aber nicht so sehr, dass ich sie verstecken oder verleumden würde. Wie wärs beispielsweise mit Rick Astley? Oder eben den New Kids on the Block? Oder der kitschige Sampler mit Weihnachtssongs drauf? Dann hätte ich noch die ersten drei Mix-CDs vom Kaufleuten aus der House-Anfangszeit (die sind aber tipp topp... man darf nur nicht sagen, dass es vom Kaufleuten ist). Was mir sonst noch in den Sinn kommt sind die Bloodhound-Gang-Brüder, die ersten drei Scheiben habe ich von denen, wovon die erste eigentlich am Besten ist. Aber die Typen sind zum Kotzen!
Hannes: Also da gab es schon Irrungen und Verwirrungen. Ich war ja riesiger Level42-Fan!
Zulu: Ich auch, das fand ich super. Ich habe eine Maxi-Single, wo auf der zweiten Seite fast nur ein Bass-Solo drauf ist. Mark King hat geslappt wie ein Irrer. Heute find ich das nur noch peinlich. Level42 war übrigens mein erstes grosses Konzert im Kursaal in Bern.
Hannes: Da war ich auch!
Daniela: Dann gab es Dinge, die ihr gut gefunden habt, aber heute nicht mehr hört?
Hannes: Ja, natürlich. Aus Nostalgiegründen leg ich das manchmal noch auf. Eben Level42 zum Beispiel.
Daniela: «Running in The Family!»
Hannes: Nein, das war ja schon ein Spätwerk, das fand ich schon nicht mehr cool. Das frühere Jazzrock-Zeug fand ich super. Und ich dachte: Das ist es, das ist jetzt also Funk. Bis ich lustigerweise durch Hip-Hop dann gemerkt habe, dass es schon viel früher, viel besseren, richtigen Funk gegeben hat. Aber das hat es gebraucht. Ich war immer so ein Pop-Schwurbel. Ich fand Pop immer super. Auch das Synthiezeug, die 80er-Jahre fand ich toll.
Zulu: Meine ersten Schallplatten wie Johnny Cash und Sex Pistols waren absoluter Zufall. Denn darauf folgte meine Disco- und Pop-Phase mit Michael Jackson, Foreigner und so Zeug.
Joël: Das geile an Musik ist doch, dass man immer wieder Neues entdeckt. Es gibt unglaublich viel Musik, aber manches geht wieder vergessen. Plattenläden bewahren das Gedächtnis der Musik. Die sind enorm wichtig. Bei der Menge die es gibt, ist es wichtig, dass jemand das alles ordnet und rumstehen hat und davon weiss. Veith Stauffer im Rec Rec ist so ein Typ. Das ist einer, der das Wissen konserviert.

Hannes: Jetzt kommt mir noch in den Sinn: Eigentlich ist es ja egal, mit welcher Musik man zum Fan wird. Das ist vielleicht das gute an Sampling, Coverversionen und Remakes. Man merkt: Hey diesen Song hats ja schon mal gegeben. Das ist die grosse Freiheit die Popmusik gegenüber der so genannten E-Musik hat: Alles ist möglich, alles ist erlaubt. Natürlich gibt es Regeln, aber die sind nicht in Stein gemeisselt, die werden immer wieder gebrochen. Sonst könnte man ja nicht nach 50 Jahren mit den gleichen zwölf Oktaven immer noch neue Variationen von dem Thema finden, die eine Begeistern.
Daniela: Ich habe auf deinem Spickzettel gerade das Stichwort Electric Light Orchestra entdeckt.
Hannes: Ja, da gibt es also Leute, die nicht mehr mit mir sprechen, weil ich mal ELO-Fan war. Aber das bombastische, dieses symphonische hat mich gepackt. Und bei dem Doppelalbum «Out of The Blue» gabs einen Bastelbogen, mit dem man so eine Raumschiff bauen konnte. Weißt du, wie das Schloss Chillon auf den Cornflakes-Packungen. Das habe ich dann gebaut und mein Büchergestell mit Alufolie ausgekleidet. Dort stand das ELO-Raumschiff beleuchtet mit einer roten Glühbirne als eine Art Altar. Dazu habe ich dann die Musik gehört und einfach vor mich hin geträumt.
Eliane: Da muss ich gerade an Musik denken, die ich nicht mag. Zum Beispiel Mundart-Rock. Da suchst du vergebens CDs bei mir. Habe zwar schon Schweizer-Interpreten wie Sens Unik, Mich Gerber, Minus 8, Maozhina und diverse Metalbands. Aber die Hauptsache ist, dass sie nicht auf Schweizerdeutsch singen! An einem Festival finde ich ja Patent Ochsner oder Züri West ganz angenehm. Stiller Haas finde ich sogar super, aber nicht daheim. Mit Trance/Rave kann man mich auch nicht locken, das geht mir auf den Geist und für die Leute mit den lustigen Drogen-Augen konnte ich mich noch nie begeistern. Was mich ebenfalls auf die Palme bringen kann, ist R&B, respektive dieser gepimpte Hip Hop. Langweiliges Gedudel, gepaart mit Jammer-Stimme, die rauf und runter geht, schrecklich!
Ansonsten bin ich offen für Country, Klassik, Blues, Jazz und so weiter. Da taste ich mich langsam vor.

Kassetten-Könige

Daniela: Hannes, du hast sicher auch mit Kassetten angegangen, wie wir alle. Warum hast du Kassetten aufgenommen?
Hannes: Zuerst sicher, weil man es konnte. Also ich meine rein technisch. Denn das hat mich enorm fasziniert.
Daniela: Das man Play und Record gleichzeitig drücken muss?
Hannes: Nein, mehr, dass man etwas festhalten konnte. Aber das blöde war natürlich mit dem eingebauten Mikrofon. Bis man endlich ein Kabel hatte, um direkt zwischen Quelle und Aufnahmegerät zu verbinden hatte ich sicher auf fast jeder Kassette einmal meinen Vater, der ins Zimmer stürzte und sagte: «Stell die Musik leiser.» Und ich zischte: «Psst, ich bin am Aufnehmen.»
Eliane: Das kenne ich: Sonntags ab 17 Uhr herrschte in meinem Zimmer strengstes Eintrittsverbot. Dann lief die Hitparade auf SWR 3, moderiert von Elmar Hörig. Die Aufnahmen der Songs sollten ohne störende Hintergrundgeräusche entstehen. Zudem erforderte es schon ohne Störung höchste Konzentration, im richtigen Moment den Stop-Knopf zu betätigen, damit der Song ohne den folgenden Kommentar des Moderators auf Band war. Was sich oftmals als unmöglich erweis, da Herr Hörig schon vor dem Ende des Songs reinredete. So stellte ich etliche Kassetten her, welche dann noch mit einem tollen Titel wie «Skilager ´89» und so weiter.
Zulu: Das Radio war auch mein «Musiklehrer». Da ich immer häufiger die Stereoanlage meiner Eltern besetzte, erhielt ich bald ein eigenes Gerät mit Kopfhörer – denn ich hörte aus Sicht des Vaters die «Yeah-Yeah-Musik» viel zu laut. Doch das ungestörte Hörerlebnis war pädagogisch un¬geschickt. Denn nun konnte ich Nächtens stundenlang die Sender nach Rockmusik absuchen, ohne dass dies bemerkt wurde. Zu dieser Zeit war das Radio noch von öffentlich-rechtlichen Sendern besetzt und DRS3 gabs erst ab 1983. Vor allem das private RTL aus Luxemburg oder SWR3 waren meine Lieblingssender. Dort schnitt ich stundenlang auf Kassetten mit. Immer wieder landeten Schnipsel von An¬moderation oder schlimmer noch Verkehrs¬durchsagen auf dem Tape. Doch das war egal: Die Kassetten waren ein wichtiger Begleiter in meiner Jugend. Aber irgendwann landeten die Dinger auf dem Estrich, bis ich sie mal entnervt beim x-ten Umzug innerhalb von wenigen Jahren entsorgte. Schade, da habe ich ein Stück Lebensgeschichte entsorgt.
Joël: Die Hitparade habe ich auch aufgenommen. Oder dann liess ich mir von Freunden Musik überspielen.
Hannes: Ich habe sicher Musik aufgenommen um sie zu besitzen. Und um sie dann zu hören, wann ich will. Und es ging ja auch darum einen eigenen Geschmack zu finden, mehr zu besitzen und eine Auswahl treffen zu können. Am Anfang ist ja alles eher zufällig: Man bekommt von irgendwoher Musik vorgespielt, von älteren Geschwistern oder so. Ich hatte vier ältere Geschwister. Somit war musikalisch alles abgedeckt, ich musste also etwas finden, das sie noch nicht hatten. Ich hatte es nicht mehr «nötig» Hippie-Musik zu hören, oder irgendwelchen Bombast-Rock und Fusion-Jazz. Und ich befand es nicht für nötig Singer-Songwriter zu hören oder Italo-Disco. Ich würde es so formulieren: Die Kassette war ein Befreiungsschlag aus dem Korsett des Verfügbaren.
Daniela: Ich habe eine ganze Schublade voll Kassetten. Und wenn ich eine raus nehme und abspiele, kommt mir alles aus der Zeit wieder in den Sinn.
Eliane: Genau, als ich für dieses Gespräch meine musikalische Vergangenheit ausleuchtete, kamen auch all die Kassetten wieder mal zum Einsatz. Herrlich, was sich da für längst vergessene Songs tummeln. Und das Beste daran: Es war als befände ich mich gerade wieder in dieser Zeit. Es braucht keine Fotos, die Musik ist Erinnerung genug.
Hannes: Die Kassetten hatten natürlich noch einen anderen, ganz simplen Zweck: Eine Single kostete damals rund 5 Franken. Und als Kind hast du ganz einfach das Geld nicht dafür. Ich erinnere mich noch an meine erste Depeche-Mode-LP. Die wurde in einem Schallplattengeschäft gespielt und ich fragte was das ist. Das war «Speak an Spell», das erste Album von Depeche Mode. Das habe ich mir 1981 gekauft. Und dafür ging dann mein ganzes Taschengeld drauf, da war ich 13 Jahre alt. Danach konnte ich sechs oder acht Wochen lang keine LP mehr kaufen.
Eliane: Stimmt, als ich in der Schule – vor allem von den Jungs – immer mehr Kassetten mit den angesagten Bands zu hören bekam, musste eine neue Erwerbsmöglichkeit her. Ich konnte ja nicht bis Weihnachten warten, um die neusten Platten meiner Lieblingsbands zu kaufen. Also setzte ich mich vor den Radio.
Daniela: Ich bin in dieser Beziehung verwöhnt worden. Meine Eltern haben mir das Zeug gekauft.
Zulu: Da kann ich auch nicht klagen. Ich erhielt genügend Taschengeld um meine Leidenschaft zu befriedigen. Und mit 16 war ich bereits DJ im Poseidon, einer so genannten Wanderdisco. Als Gage durfte ich mich beim lokalen Fachhändler mit LPs und Singles eindecken. Ich war im Paradies, holte mir die neusten Singles und LPs und legte mir einen ganzen Back-Katalog zu: Queen, Rolling Stones, Santana aber auch Oldies wie Ram Jams «Black Betty» oder «Nutbush City Limits» von Ike & Tina Turner. Dummerweise musste ich später einen Teil der Gage, also der Schallplatten, wieder abgeben, als mir die pöbelnden Hobby¬rocker im Poseidon zu dumm wurden. Meine Aufgabe wäre nämlich gewesen, die Jeans¬kutten auf Michael Jackson und Co. zu trimmen; halt die aktuelle Disco-Welle in der Wanderdisco einzuführen. Doch die Besucher wollten lieber zu Queens «We will Rock you» mitgrölen oder zu Foreigner oder AC/DC Luftgitarre spielen. Trotzdem habe ich weiterhin Kassetten aufgenommen. Damit habe ich erst aufgehört, als ich Anfang der 90er Jahre nach Zürich zog. Hier ging ich abends aus und konnte erst noch die Musik, die auf DRS3 im Sounds lief, oftmals live in der Roten Fabrik anhören.
Daniela: Ich bin dann direkt von der Kassette auf den iPod umgestiegen. Jetzt mache ich halt Playlists: Die heissen dann Daniela fröhlich, Daniela badet, Daniela spitz. Aber diese tagebuchartigen Zusammenstellungen, wo ich einen Moment festhalte, mache ich nicht mehr. Nur Mixtapes als Geschenke, das gibt's immer noch. Kassetten macht man nur für Menschen gemacht, die man gerne hat. Eine CD brennt man noch schnell mal. Aber eine Kassette macht man nicht für irgendeinen Idioten. Jemandem Musik zu schenken hatte durch die Kassetten einen grösseren Wert.
Zulu: Also ich mache schon ab und zu CDs für Freunde. Aber die sind dann halt beschränkt auf ein paar Songs. Aber es hat nicht mehr die Magie von früher, das stimmt. Denn jetzt schiebe ich einfach Datenfiles auf dem Computer umher und fertig ist die CD. Bei der Kassette musste man sich ja wenigstens 90 Minuten lang hinsetzen und konnte die Dramaturgie nicht einfach mit der Maus verändern. Dramaturgie ist ein gutes Stichwort: Die hat sich ja gewaltig verändert. Beim Vinyl hörte man sich in der Regel die ganze Seite einer LP an. 20 bis 25 Minuten Musik am Stück. In der Reihenfolge, die Band oder Produzenten bestimmt haben. Mit der Einführung der CD und der Erfindung von Skip-Taste und Shuffle-Mode ist das Schnee von gestern. Jeder ist nun selbst Produzent und stellt sich eine Playlist nach seinem ganz persönlichen Gutdünken zusammen. Stellt euch mal vor, das würden die Leute im Kino oder im Theater machen. Sie würden rufen: «Hey, spielt die dritte Szene und dann den Schlussakt, danach den lustigen Teil in der Mitte.» Das käme einer Revolution gleich. Für mich macht die Songreihenfolge Sinn. Da hat sich jemand etwas überlegt, eben eine Dramaturgie geschaffen. Mit MP3-Playern tragen die Leute 15'000 Songs im Hosensack spazieren. Das ist eigentlich eine grauenhafte Vorstellung. Aber natürlich habe auch ich einen iPod. Den verwende ich allerdings quasi als Backup und als mein persönliches Radio – das nur gute Musik spielt. Allerdings stresst mich dies oft, weil ich weiss, welcher Song auf einem Album nach dem gerade laufenden kommt. Im Zufallsmodus kommt dann natürlich was anderes und das reisst mich aus der Stimmung.
Eliane: Die Compact Disc hat vieles verändert. Ich erhielt zur Konfirmation eine Stereoanlage. Damit hatte ich plötzlich zwei Kassettendecks, einen Plattenspieler, exzellenten Radioempfang plus einen CD-Player zur Verfügung. Nur CDs hatte ich noch nicht. Die erste CD meiner mittlerweile grösseren Sammlung (ca. 600 Stück) war von De La Soul «3 Feet High And Rising».
Zulu: Meine erste beiden CDs erhielt ich geschenkt, bevor ich ein Abspielgerät hatte: «Stop The Army – Volume One», eine Benefiz-CD zur Armeeabschaffungs-Initiative 1989 und Screaming Blue Messias.
Joël: Meine erste CD war von den Talking Heads.
Eliane: Meine zweite Disc war von INXS. Der Song «Suicide Blonde» schlug bei mir ein wie eine Bombe und machte mich zum grossen Fan. Es folgten Scheiben von Simple Minds, U2 und Depeche Mode. Zu dieser Zeit passierte noch was anderes, ich ging das erste Mal aus! In Basel fand in der St. Jakobshalle eine grosse Disco statt, meine Freundinnen planten dorthin zu gehen. Da ich Discos doof fand (obwohl ich noch nie in einer war), brauchte es etliche Überredungskünste, um mich zum Mitkommen zu überreden. Ein bisschen gestylt und mit Riesenohrringen ging's dann an meinen ersten Tanz-Event. Und zu meinem Erstaunen war's total lässig. Ich tanzte bis zur letzter Sekunde, und hängte noch einen allerletzten Song dran, eine Eigenschaft, die sich bis heute hält: «No dr nägschti Song abwarte». So war auch der Grundstein für den Besuch von Partys gelegt. Die weiteren Anlässe wurden plötzlich von mir ausfindig gemacht, die Freunde von mir zum Mitkommen bewegt. Die Wochenenden bekamen hier ihre neue Bedeutung. Freitagabend in die Disco. Samstagmorgen Schule und am Abend wichen «Wetten, dass...» und Co. wilden Feten im Sommercasino oder im Schlotterbeck.
Zulu: Ende 80er scheint viel passiert zu sein: Ich zog damals nach Zürich und erlebte dank der Roten Fabrik und zahllosen Konzerten einen Rock’n’roll-Frühling.
Joël: Stimmt. Damals war ich auch an meinem ersten Konzert an den Winterthurer Musikfestwochen. Der eben wieder auferstandene Iggy Pop hinterliess im Herbst 1988 einen prägenden Eindruck. Nach der Show des sehnigen Punk-Derwischs war mir klar: Die Musikwelt ist weit grösser und gefährlicher, als bisher vermutet. Das hat viel ausglöst.
Hannes: Ah, jetzt komme ich drauf, warum ich Kassetten aufgenommen habe: Die Kassette war einerseits der Zugang zu mehr Auswahl und sie hat mich befreit vom Bestehenden. Denn ganz früher mussten meine Geschwister mit einem Ball auf eine Wand schiessen, wo alle Covers der Platten hingen, dich ich hatte. Und das Bild, das am meisten getroffen wurde, war Platz eins. Das war meine Hitparade. Und eine der ersten Singles die ich hatte war Gerry Rafferty «Baker Street». Das habe ich gehört auf SWR3 und danach gleich gekauft. Da hat die Musikmarketingmaschine voll funktioniert.
Daniela: Meine Erinnerung an diesen Song ist nicht schön. Eine füllige Arbeitskollegin wollte mal, dass ich ihr den Song aufnehme. Die Frau hat immer so streng gerochen. Das ist meine Erinnerung an «Baker Street».



Hannes: Das mit dem Mix-Tapes für andere, das hat ja aber schon was so Medium-Mässiges. Wenn man für andere Menschen Musik aussucht und diese wiedergibt.
Daniela: Nein, das mache ich nicht. Ich suche die Musik für die Leute aus.
Hannes: Die meisten Leute, die Platten auflegen sind entweder eitel oder auf einer Mission. Das ist doch bei einem Mix-Tape nicht anders.
Zulu: Für mich stimmt das total: Ich will Leuten zwar mit meinen CDs Freude bereiten. Aber in erster Linie will ich auch Sound, der mir wichtig ist, weiterverbreiten.
Hannes: Wenn ich auflege, will ich dass die Leute tanzen. Das führt aber oft dazu, dass ich nicht die beste Zeit dabei habe. Die beste Zeit habe ich dann, wenn ich die Musik spiele, die ich gerade selber gerne hören würde.
Daniela: Warum machst du das dann nicht?
Hannes: Weil ich diese Musik nicht dabei habe, sondern nur die, von der ich denke, dass die Leute dazu tanzen. Ich finde das ein bisschen langweilig, weil ich ja weiss, welche Songs funktionieren.
Daniela: Ich habe mir noch nie so etwas überlegt.
Hannes: Das ist natürlich ein komplett anderer Ansatz.
Daniela: Das ist natürlich auch egoistisch, denn ich spiele nur das, was mir gefällt.
Hannes: Es ist nicht so, dass es mir meine Musik dann nicht gefällt. Aber es ist ein bisschen langweilig. Denn ich weiss ja, welche Songs funktionieren.
Daniela: Wenn ich tagsüber einen Song höre, mache ich mir manchmal schon Notizen. Und vielleicht gebe ich auch nur einen Song vor. Danach gibt es eine Kettenreaktion, dann sehe ich wie die Leute drauf reagieren.
Hannes: Aber was ist denn deine Motivation? Willst du deine Musik einfach laut hören oder willst du sie im Beisein von Leuten so laut hören, dass die merken: Aha, das ist ihre Musik?
Daniela: Natürlich spielt das Egoistische mit. Und es würde mich stressen, wenn das Publikum keinen Spass daran hat. Aber ich verstelle mich nicht. Bei Musikwünschen – das ist ja leider unumgänglich – gebe ich nur nach, wenn es wirklich passt. Sonst sage ich: Leider Nein.
Hannes: Ich bin nicht weniger egoistisch. Im Gegenteil, ich stehe extrem auf das Gefühl: Jetzt fressen sie mir aus der Hand. Das dünkt mich so manipulatorisch. Gleichzeitig habe ich den Anspruch, dass die Leute eine Party haben, die sie nicht vergessen.
Daniela: Ich reize das auch aus, wenn ich merke, jetzt habe ich sie soweit. Ich mache die Musik für mich und auch ein bisschen für die Gesichter, die ich kenne. Aber ich habe im Moment auch das Glück, dass ich dort auflege, wo das funktioniert. Dadurch, dass ich kein DJ bin, ich kann weder scratchen noch einen sauberen Übergang zu machen, glaubt man mir jeden Song.
Hannes: Dein Weg ist sympathischer. Wenn du eine gewisse Schnoddrigkeit hast und sagst: Nein, das spiele ich jetzt nicht.
Daniela: Ich habe im Moment das Glück, dass ich dort auflege, wo es funktioniert.
Hannes: Da wären wir aber wider beim Thema: Hören Frauen anders Musik als Männer.
Daniela: Ich habe natürlich auch schlechtere oder bessere Sets. Manchmal denke ich, das war jetzt gar kein schöner Abend, das war jetzt gar nicht toll. Und trotzdem finden die Leute danach, dass es lässig war. Aber wenn es beim Publikum nicht ankommen würde, würde ich sofort aufhören.
Hannes: Wir haben ja zusammen an einer Geburtstags-Party aufgelegt.
Daniela: Das war nicht so lässig.
Hannes: Darum finde ich es interessant. Du hast angefangen mit romantischen Schnulzen.
Daniela: Das war ja auch klar der Auftrag. Das war ja der Wunsch der Gastgeber.
Hannes: Natürlich. Es hat sich ja auch niemand für die Musik interessiert, was bei meinem Set nicht anders war. Doch ich wollte, dass das fest den Rahmen erhält, den es meiner Meinung nach musste. Und da gibt es ja die Regel: Wenn die Frauen tanzen, folgen die Männer automatisch. Dadurch habe ich aber andere Musik gespielt, als ich es sonst getan hätte. Damit sank ich aber im Ansehen der anwesenden Jungs, so Musik-Nerds, ganz klar. Aber in diesem Moment war mir das egal.
Daniela: Ich kann, glaube ich, bei niemandem in der Achtung sinken.
Hannes: Das ist doch eine blosse Selbsteinschätzung, die wieder auf dieser Nerd-Haltung basiert. In der Männer quasi ein Verwaltungs- und Rangordnungs-Punktesystem vergeben. Wenn ich zum Beispiel sagen würde, Mariah Carey ist super, dann würde ich bei ganz vielen Leuten im Ansehen sinken.
Daniela: Das ist ein Anspruch, den ich nicht habe. Das ist genau das Szenenvolk, das ich nicht bedienen will. Ich mache Musik für einfachen Menschen, Menschen wie mich. Es würde mir ganz schlecht gehen, wenn ich den Szenis gefallen möchte.
Hannes: Das interessiert mich eigentlich auch nicht. Aber in dem Moment wo ich dort bin, habe ich plötzlich eine Unsicherheit.
Zulu: Das kenne ich bestens. Ich war mal zufälligerweise in einer Bar, wo so ein Musikquiz lief. Der DJ spielte Songs und die Gäste mussten erraten vom wem der Song ist. Eigentlich wollte ich da gar nicht mitmachen. Doch den ersten Song kannte ich gleich – es war Red Hot Chili Peppers – und da war ich angefixt. Ich machte weiter und es fuchste mich ungemein, wenn ich etwas nicht wusste. Denn insgeheim bin ich doch stolz auf meine Ansammlung an sinnlosem Musikwissen. Mein Ego wurde allerdings befriedigt. Dass ich dann einen Monat später nochmals antrat und dabei entthront wurde, hat mich schon ein bisschen gefuchst.
Daniela: Die Unsicherheit habe ich, wenn ich italienische Musik auflege. Da gibt es ein paar ganz tolle Künstler, die ich dem Publikum gerne näher bringen will. Das liegt mir dann am Herzen, das schlage ich den Leuten dann um die Ohren, weil ich will, dass sie das kennen. Und am liebsten würde ich dann auch erzählen, was mich mit diesen Liedern verbindet.
Hannes: Ich finde den Ansatz sympathisch. Das spielen, wonach es einem ist. Aber sobald ein Franken Geld im Spiel ist, erfülle ich einen Auftrag. Dann muss ich meine Vorlieben zurückstellen.
Daniela: Ich spiele zum Teil todsichere Nummern. Aber es gibt Musik, die absolute No-Gos sind.
Hannes: Wir sind uns einig: Wir könnten gar nicht soviel Schnaps trinken, dass wir irgendwann «Anton aus Tirol» auflegen würden.
Daniela: Das regt mich beispielsweise bei «Time of my Life» auf. Ala sich diesen Song aus Dirty Dancing zum ersten Mal spielte, dachten sich wohl viele: Die spinnt. Doch mittlerweile grölen alle mit. Und sogar in Szene-Bars wird der Song gespielt, aber mit der Haltung: Wir haben das entdeckt, das ist cool.
Hannes: Dann dürftest du das aber nicht mehr spielen.
Daniela: Nein, das ist mir egal. Da denke ich halt: Ich war zuerst.
Eliane: Ich habe noch nie irgendwo Musik aufgelegt. Obwohl der Gedanke verlockend ist, stehe ich lieber auf der Tanzfläche und geniesse den Sound.
Joël: Doch, doch. Dj-ing hat schon seinen Reiz. Als DJ beschäftigst du dich mit Musik, da sehe ich mich als Unterhalter. Bei mir hat das lustigerweise in Andalusien angefangen. Die Zeit dort war Abwechslung gegen die Zürcher Eintönigkeit. Bald wurde mir aber klar, dass Schweizer Klima und Flamenco nur bedingt zusammengehen. Nicht nur deshalb bieb die Gitarre nach meinem Uniabschluss immer öfter in der Ecke stehen: Techno klang plötzlich verheissungsvoll – Maschinenbeats traten an die Stelle akustischer Saitenklänge. Gemeinsames Abfeiern im Club wurde mir immer wichtiger als einsames Üben zu Hause. Die persönliche musikalische Welt war von da an digital und hiess Zürcher Partyszene. Der Rhythmus hiess «From Disco to Disco». MK II-Turntables ersetzten die Klampfe, weder zeitgenössische Klassik noch Reggae konnten noch auf Aufmerksamkeit zählen. Plattenlegen war – wie zuvor die Gitarre – mehr als ein Hobby. Doch je weiter das neue Jahrtausend voranschritt, desto stärker verlor elektronische Tanzmusik an Reiz. Immer ausgefeiltere Technologie konnte den Ideenmangel im 4/4-Raster nicht ersetzen. «Stagnation auf hohem Niveau» urteilten die Kritker und hatten wohl meist Recht. Mittlerweile arbeitete ich als Journalist und Parties verkamen zu kulturmanagement betreuten Events, unverzichtbar für das Zürcher Standortmarketing.
Zulu: Obwohl ich schon als Schüler an Partys aufgelegt habe und später in dieser Wanderdisco DJ war, möchte ich es heute nicht mehr machen. Mir ist meine Musik zu wichtig und zu persönlich. Ich wäre beleidigt, wenn es den Leuten nicht gefällt. Und ich mag es nicht, wenn doofe Leute meine Musik mögen. Dann gefällt mir auch die Musik nicht mehr. Das hatte ich schon in der Schule so. Was ich entdeckt hatte, war auf eine ganz bestimmte Art und Weise meins.
Hannes: Das sind doch auch die Momente an Konzerten. Die Band spielt «deine» Lieder und alles anderen singen auch mit. Dabei sind das stille, intime Momente. Die will ich dann gar nicht teilen.
Joël: Alle die Typen, die betonen wie wichtig und gut Johnny Cash oder Nick Cave sind? Das hat für mich so was Klischiertes. Da habe ich eine grosse Hemmschwlle vor. Ich denke immer, man gesteht denen vielleicht mehr zu, weil sie so alt sind und schon lange Musik machen.
Zulu: Mir ist das immer wieder bei diesen Trio-from-Hell-Gigs aufgefallen: Da spielen Mäner um die Vierzig Musik, die rund 60 Jahrte alt ist und im Publikum hat es Zwanzigjährige, die «Ring of Fire» mitgrölen, als wäre es ihre Teenager-Hymne. Also ich hätte das mit zwanzig Scheisse gefunden. Alles. Ich mochte dieses Retrozeug nicht, und ich hab noch heute ein bisschen die «Trau keinem über 30»-Haltung. Obwohl ich selbst ein Hoffnungslos alter Sack bin. Heute stört es mich vielleicht, weil Country ein bisschen «meine» Musik ist und ich es dann nicht mit so jungen Leuten teilen mag.
Daniela: Ich war als Mädchen so besitzergreifend, ich mochte es nicht, dass meine älteste und liebste Freundin alle Musik gut fand, die ich gut fand. Ich dachte immer: Das ist meins. Aber sie hatte keine Schallplatten, keine Bravo. Aber es stimmt schon: Man will ja nicht etwas teilen, das man selbst «entdeckt» hat.
Hannes: Das war früher bei mir auch der Fall. Heute bin ich um jeden froh, der überhaupt Musik hört. Das diente ja zur Abgrenzung oder zur Gruppenbildung. Das ist heute ja nicht mehr so. Ich finde es eigentlich noch schön, dass Leute jetzt plötzlich Musik hören, die sie sich früher nicht angehört hätten. Sie können zu etwas stehen, zu dem sie damals nicht gestanden wären. Das ist doch cool.
Zulu: Das ging mir so mit Heavymetal: Lange Zeit wäre das nie, auf gar keinen Fall an meine Ohren gedrungen. Meiner Meinung nach hörten wirklich nur komische Typen die Kreischgitarren langhaariger Legginsträger. Ich arbeitete mit einem jungen Typen zusammen, der extrem auf Celtic Frost stand. Ich fand das damals scheisse. Im Gegensatz zu jetzt: Die neuste Celtic Frost «Monotheist» halte ich für eine verdammt gute Scheibe. Wir waren Punks, Solos in Songs waren verpönt. Schnoddrig hingerotzt musste es klingen. Auch der aufkommende Skaterpunk oder als was auch immer die Teeanger Suicidal Tendencies und Konsorten bezeichneten, liess mich vorerst kalt. Die Begeisterung für Slayer oder Metallica kam erst viel später. Damals mochte ich The Clash, die sich wunder¬bar in meine politische Phase einfügten, oder Angelic Upstarts, UK Subs, Three Jons, The Fall und ich liebte Sex Pistols und PIL über alles. Eine Zeit lang habe ich jeden Schnipsel über John Lydon alias Johnny Rotten gesammelt. Ich habe mir jeden Bootleg und sogar Radiointerviews auf Vinyl besorgt. Mindestens zwei Mal im Jahr zog ich durch London auf der Suche nach neuen Sounds. Zu dieser Zeit entdeckte ich für mich immer wieder neue Bands. Zum Beispiel Black Flag oder Hüsker Dü. Und natürlich die radikalen Dead Kennedys mit dem nach wie vor äusserst engagierten Jello Biafra. Lange Zeit hielt ich auch nicht viel von US-Punk. Ich weiss, das ist ziemlich dumm. Aber für mich haben die Pistols und somit die Engländer Punkrock erfunden. Inzwischen ist es auch mir klar, dass es nicht so gewesen ist. Ich habe meinen musikalischen Anti-Amerikanismus überwunden.
Hannes: Heute bin ich eher anders rum: Zum Beispiel die Band Scissor Sisters, das ist arrogant von mir, der gebe ich keine Chance. Es hat genau dieses eine Album gereicht. Ich muss das nicht hören. Die sollen sich auflösen und Ruhe geben.
Zulu: Das geht mir so mit all den vielen dieser neuen britischen Bands. Franz Ferdinand und Konsorten. Mich interessiert das nicht. Das gab’s schon mal, und erst noch besser. Das einzig gute daran: Die Leute hören wieder Gitarrenmusik.
Joël: Gerade die hörbaren Einflüsse machen doch Spass. Wenn man feststellt, dass ist durch dies und das beeinflusst.

Daniela: Läck, solche Gedanken mache ich mir gar nicht. Ich denke einfach, ich merke das gar nicht, ich sehe nicht dahinter, darum gefällt mir das nicht.
Hannes: Man muss sich das ja auch gar nicht überlegen. Entweder es gefällt einem oder nicht. Aber dann ist ja die Frage interessant: Warum gefällt einem etwas oder warum eben nicht. Für mich soll neue Musik weitergehen, etwas Neues beinhalten. Es gibt ja immer von der Produktion, vom Klang oder so neues, das in der Zeit liegt.
Joël: Musik hat meiner Meinung nach viel mit Intensität zu tun, aber nicht mit Lautstärke und Tempo. Das klingt jetzt vielleicht hochnäsig: Aber ich höre es, ob es gute Musik ist oder nicht. Das passt ja auch zum DJ-ing. Da muss man ja wissen, was gut ist. Als ich noch auflegte, hatte ich den Ruf, dass ich die Leute gut abholen kann. Ich machte auch gerne den Anfang einer Party, ich brachte sie zum Tanzen. Dann übergab ich dem Hauptact.
Do it yourself

Zulu: Habt ihr immer nur Musik gehört oder habt ihr auch mal selbst Musik gemacht, ein Instrument gespielt?
Daniela: Ich habe von zirka acht bis zwölf Jahren Hammondorgel gespielt. So richtig mit Unterricht und so. Das würde mich jetzt wieder reizen. Damals habe ich das meinem Vater zuliebe gemacht. Aber mein Musiklehrer liess mich immer so Schlagerzeug spielen.
Hannes: Hammondorgel ist für mich extrem 70er-Jahre. Aber das ist jetzt wieder total in.
Daniela: Das war auch zu meiner Zeit total Trend, vor allem bei italienischen Familien.
Hannes: Ich war Tambour. Das heisst ich habe es probiert. Meine Mutter ist ausgebildete Sängerin und meine Geschwister spielten bis auf einen Bruder auch Musik. Und wegen meinem Schlagzeug spielenden Bruder wollte ich Trommeln lernen. Aber ich habe nie geübt und irgendwann hat sich das verlaufen.
Zulu: Mit etwa zwölf nahm ich Gitarrenunterricht. Leider sind meine musikalischen Gehversuche an meinen perfektionistischen Ansprüchen gescheitert. Ich kam für meinen Geschmack zuwenig schnell zum Ziel. Zudem bestand mein Gitarrenlehrer auf dem Erlernen klassischer Gitarrenstücke. Ich wollte aber eigentlich so schnell als Möglich Hardrock spielen. Damals fand ich grade AC/DC geil und ich tapezierte mein Notenbuch mit Stickern der Band. Da spielte aber der gute Mann nicht mit, also landete die Klampfe bald einmal in der Ecke. Dabei hatte ich schon im frühen Kindesalter meine ersten «Konzerte» gegeben: Zusammen mit zwei Freunden, Andi und Peter, spielten wir im Hobbyraum von Peters Vater auf Waschmitteltrommeln, einer Kindergitarre und einem selbstgebauten Bass für andere Kinder. Es war natürlich mehr ein Rumgebrülle und Gepose. Aber es war eben schon Rock’n’roll.
Eliane: Wie wohl fast jeder, habe ich mal Blockflöte gespielt. Die Auftritte in der Kirche und daheim am Heiligabend neben dem Weihnachtsbaum fehlten natürlich auch nicht. Das war's dann. Ansonsten spielte ich leider nix, ich komme aus einer sehr unmusikalischen Familie.
Joël: Mit Klavier hat es angefangen, dann kamen Gitarre und Schlagzeug dazu. Später habe ich dann mit Freuden Versuche unternommen HipHop à la Beastie Boys und nervösen Hardcore im Stil von Victims Family zu imitieren. Mit Anfang zwanzig kamm ich dann zur Einsicht, dass ich die Gitarre am liebsten akustisch und solo spiele. Das habe ich über längere Zeit und fast ausschliesslich getan, was sogar in einem halbwegs lancierten Musikstudium endete. Jetzt mache ich immer noch Musik, aber nicht mehr so intensiv. Ich mag vor allem so jazzige Folksachen, Zigeunermusik. Als ich damals Zeitlang so richtig viel Gitarre spielte, habe ich den Bezug zu Popmusik völlig verloren.
Hannes: Ich glaube, jeder kann Popmusik machen. Das ist das geile: Man kann das einfach. Auch wenn man kein Instrument beherrscht. Man muss nicht einmal die Technik beherrschen, man braucht einfach ein Gefühl, eine Idee. Aber bisher hatte ich nicht wirklich den Drang gehabt, auch noch an eine Casting-Show zu gehen.
Daniela: Das wäre witzig. Aber ich habe nur einmal «MusicStar» geschaut und dachte: hört einfach auf. Es war so peinlich. Und ich fand den Roman Kilchsperger in der Jury so peinlich. Der versteht ja noch weniger von Musik als ich.
Zulu: Du musst ja nichts von Musik verstehen. 80 Prozent aller Musikkonsumenten verstehen wahrscheinlich nichts von Musik. Das ist auch gut so.
Joël: Richtig. Mich hat zum Beispiel der Gegensatz von Rock und Techno gereizt. Die Leute, die einem DJ-Set die musikalische Eigenständigkeit absprechen, kann ich nicht verstehen. Das hat etwas ungluablich artrogantes. Ein guter Techno-DJ ist kreativ, der legt Schicht über Schicht.
Zulu: Letztlich ist Pop einfach Emotion. Das unterscheidet ja unsere geliebte Kunst von der bildenden Kunst. Dort besteht ja der Anspruch, dass man etwas davon verstehen muss. Dieser Kunstdünkel ist grauenvoll. Im Jazz habe ich ähnliches beobachtet. Bei einem John-Zorn-Konzert habe ich mich aber auch mal gefragt, ob diese Leute wirklich etwas davon verstehen, oder ob es sich in gewissen Kreisen einfach gut macht, solchen Sound zu hören. Ich bin überzeugt, das hat den Leuten dort nicht gefallen. Es war eine pure Noise-Orgie. Brachial und viel besser als manches Konzert einer Hardcore-Band. Aber dazu muss ich mich nicht spastisch schütteln. Dazu kann ich auch einfach dasitzen und es geniessen.
Hannes: Bei meinem ersten grossen Konzert mit Supertramp im St. Jakobstadion in Basel wusste ich nicht, wie man sich verhält. Es gab Leute, die gewusst haben, wie man sich an einem Konzert verhält. Ich war wahnsinnig beeindruckt von einer grossen blonden Frau, die sehr laut schrie als die Band die Bühne betrat. Ich habe nicht ganz verstanden warum. Für mich hat die Tatsache, dass die da vorne sind, gereicht. Ich hätte wieder gehen können. Denn in dem Moment wusste ich, die gibt es wirklich. Ich habe nicht mehr erwartet. Ich musste mich nur überzeugen, dass es die gibt. Ich finde Konzerte sind extrem ritualisiert. Daniela: Ich gehe nicht gerne an Konzerte. Ich habe immer wahnsinnig stress an Konzerten, weil ich mich frage: Spielt er jetzt mein Lieblingslied noch. Und da ich so klein bin, müsste ich ganz vorne hin stehen, aber da ist der Sound scheisse. Also am liebsten habe ich bestuhlte Konzerte oder Show-Cases. Trotzdem gehe ich immer wieder an Konzerte.
Zulu: Ich liebe Konzerte wahnsinnig. Ich habe nur Stress bis ich das Ticket habe und dann wieder am Tag wo es stattfindet, bis ich im Konzertlokal bin. Dort suche ich mir einen guten Platz, wo möglichst wenige Leute herumstehen, die die ganze Zeit reden. Das macht mich fertig.
Joël: Konzerte sind super. Ich habe mal Slayer im Volkshaus gesehen. Das hat mich weggehauen. Ich finde es extrem geil an einem Ort zu sein, wo Musik das Wichtigste ist, wo Musik ganz unmittelbar ist. Es ist ein Stückweit auch Zusammengehörigkeit.
Zulu: Das gibt’s doch nur noch bei Jazz-Gigs. Bei den meisten Shows dominieren heute diese Diese Event-Besucher, die vor allem dort sind, um zu sehen und gesehen zu werden. Um ein bisschen zu networken und den coolen Kenner zu mimen. Bleibt doch zuhause ihr Arschlöcher. Ein Konzert ist eine einmalige Momentaufnahme. Da hat es keinen Platz für Dummschwätzer und Geltungssüchtige. Es geht um die Künstler vorne auf der Bühne und um ihre Kunst. Die dürfen dummschwätzen, die dürfen Idioten sein. Dafür zahle ich. Aber nicht für die Leute rund um mich herum.
Joël: Aber was dennoch für ein Gemeinschaftserlebnis spricht.
Zulu: Okay ich gebe es zu: Ich mag trotz den Störenfrieden Konzerte extrem gern. Auch wenn ich von meinen Tourneen her weiss, dass das mit der Momentaufnahme nur bedingt stimmt. Denn vieles bleibt sich gleich.
Eliane: Livegigs sind herrlich: In der einen Hand ein Bierchen, in der anderen eine Zigi, das Licht geht aus, die Show beginnt. Ich finde das toll. Die vielen Fans, welche eine Atmosphäre hinzaubern – die kann gut oder schlecht sein - die verschiedenen Gerüche, super!
Daniela: Mich nerven manchmal mehr die Künstler: Ich war am Sting-Konzert und der hat weder guten Abend noch gute Nacht gesagt. Das einzige was er sagte, war «Safe the Rainforest», das geht doch nicht. Gibt es Bands, die ihr extrem gerne mal live sehen würdet?
Hannes: Mir fällt gerade niemand ein, die meisten sind leider schon tot.
Joël: Tot sind meine verpassten Gigs nicht gerade, Aber es gibt einige Musiker, die ich gerne vor einiger Zeit mal gesehen hätte. Aber den Gitarristen Marc Ribot würde ich auch jetzt gerne endlich mal live hören. Oder Fugazi möchte ich wieder mal sehen, die fand ich immer extrem geil. Und die höre ich auch immer noch regelmässig.
Zulu: Tom Waits und The Clash hätte ich extrem gerne mal gesehen.
Daniela: Cindy Lauper und Adriano Celentano würde ich ganz gerne mal live hören.
Hannes: Ja, den Celentano würde ich mir auch noch anschauen. Und jetzt kommt mir noch jemand in den Sinn: Frankie goes to Hollywood, die hätten mich interessiert. Und ein Elecrtric Light Orchestra Konzert wäre wahrscheinlich auch noch lustig. Der Tod von James Brown hat mich übrigens sehr berührt. Obwohl ich ihn vor Jahren mal in Bern gesehen habe. Das war superpeinlich. Das wer sein Comeback mit den Rappern von Full Force. Der Typ war völlig fertig. Schon bis es endlich anfing dauerte es eine Ewigkeit. Dann kam irgendwann seine Band und spielte 20 Minuten lang ohne ihn. Dann kam James Brown auf die Bühne und er war unglaublich abgedreht, auf Drogen, was weiss ich. Er nahm ein Girl auf die Bühne, hat die fast ausgezogen, schob den Keyboarder beiseite und spielte irgendwas. Dabei konntest du beobachten wie eine Background-Sängerin zu weinen begann, wohl weil es so schlecht war. Irgendwann sagte Brown «Fuck You» und das Konzert war fertig. Das hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert. Später sah ich ihn nochmals am Open Air St. Gallen. Dort war ich Backstage und konnte den verblassenden Glamour der Soullegende aus der Nähe sehen. Das hatte etwas von einem Provinz-Zirkus, der Lack war ab. Aber im Rampenlicht fällt das natürlich nicht mehr auf.
Zulu: Das mit dem verblassten Glamour ging mir bei der letzten Stooges-Tour so: Lieber Iggy Pop, du machst zwar auch mit 60 Jahren noch tolle Musik. Aber deine Show ist einfach nur noch peinlich. Oder wie ein guter Freund von mir das ausdrückte: «Das ist einfach verdammt würdeloses Altern.»

Verzierung der Zeit

«Popmusik kann man in Listen fassen. Vielleicht ist das der einzige Beitrag den man leisten kann, wenn man nicht selber Musik macht», sagte Hannes Hug vorher. Vielleicht ist dies auch der Grund wieso wir hier über Musik reden, anstatt Musik hören oder eben selbst in die Saiten langen, auf die Felle klopfen, singen. Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, wieso mich Musik auch dann beschäftigt, wenn ich die Ohren voller Klänge habe: Auch wenn ich einfach die Stille geniesse, dröht es oft im Kopf. Mein Hirn tanzt, auch wenn gar keine Kapelle spielt. Das ist vielleicht die Nebenwirkung von über 30 Jahren Musik Hören und Sammeln. Eigentlich müsste ich keine Worte mehr über Musik verlieren – ich bin selbst schon verloren. Ich lebe für den Rock’n’roll. Wobei man dies keinesfalls in engen Stilschubladen verstehen darf. In den Begriff passt alles rein, was Spass macht. Und das ist bei mir eine ganze Menge, hat aber fast immer mit Musik zu tun. Aber wie bei jeder Liebe, muss ich auch meiner innigen Beziheung zur Musik viel Platz lassen. Es gibt Wochen, wo kein Ton an mein Ohr dringt. Darauf folgen Phasen, in denen ich viel Sound höre, neue Platten kaufe, Bücher über Musik lese und mich immer wieder darüber ärgere den Überblick über die Flut von Neuerscheinungen verloren zu haben. Doch es ist ein aussichtsloser Kampf. Regelmässig entdecke ich Neues, das schon recht alt ist. Mir fehlen Zeit, Geld und Geduld um all die Musik zu hören, die es verdient hätte, gehört zu werden.

Angefangen hat meine Fan-Entwicklung in der musikalisch blödesten Zeit: Einen Tick zu spät geboren für Punk, ein paar Jahre zu früh für Techno oder Hip-Hop – 1980er-Jahre halt. Doofe Klamotten und doofe Musik. Dennoch hat der Schwung von Punk auch noch für mich gerade gereicht. Die neue Musik aus England hat sich ja in Deutschland verspätet und in der Form der Neuen Deutschen Welle niedergeschlagen und schwappte aus dem Norden auch in die Schweiz. Und zwischen den schon fast schlagerhaften Fräulein Menke, Spider Murphy Gang und Hubert Kah, war noch eine ganze Ladung dieser rohen, wilden Punkbewegung drin. Der Grundgedanke des «Do it Yourself» schwang mit. Das reichte. Aus dem Buben einer Schweizer Durchschnitts¬familie, ge¬boren in der durchschnittlichsten Schweizer Kleinstadt Langenthal im Berner Mittel¬land, wurde ein musikalischer Fein¬schmecker, der sich sein Menu lieber selbst zusammenstellte als vom Charts-Buffet zu naschen. Von den wundersamen Klängen verführt, wurde ich letztlich ein Ab¬hängiger.
Dieser Aufsatz könnte auch mit «Sex, Drugs & Rock’n’roll» überschrieben sein. Obwohl nur Rock’n’roll zutrifft, Sex besten¬falls Triebfeder für einzelne Handlungsweisen war, respektive ist und Drogen nicht einmal eine Neben¬rolle ein¬nehmen, war der gleichnamige Song von Ian Dury & The Blockheads Auslöser für meine Musikmenschwerdung. Es war dieser Song, der meine Rockrakete ge¬zündet hat. Der Fanatiker in mir hob ab – und die Begeisterung trägt mich bis heute. Die Musik und die Punkattitüde haben mich nicht nur charkterliche geprägt, sie machten aich auch äusserlich bemerkbar. Davon habe ich einiges gelernt. Vor allem aber dies: Offen sein für alles. Die Neugier treibt mich nicht nur die die verschiedenen Musikstiel. Sie steuert mich auch sonst durchs Leben. Insofern kann ich die Intoleranz vieler Mitmenschen nicht verstehen, Und um bei der Musik zu bleiben: Wieso haben auch nach mehreren Jahrzehnten Rock’n’roll immer noch Leute Angst vor der angeblich «teuflischen» Musik?
Ihnen dreht sich bei einer Textzeile wie «I hate myself and want to die» der Magen um. Das war einer der letzten Songs von Nirvana. Sänger Kurt Cobain hat es wörtlich genommen und sich erschossen. Brachte sich deswegen auch ein Fan um? Hoffent¬lich nicht. Es gibt besorgte Bürger, die sich genau das Ausmalen. In der Schweiz haben fundamentale Christen sogar 50'000 Unterschriften gegen den Eurovisions-Beitrag «Vampires are Alive» von DJ Bobo gesammelt. Dies, weil der Text angeblich junge Menschen irreführen und lebensmüde machen könnte. Wie weltfremd sind diese Menschen? Sie stören sich am Text eines lächerlichen Popsongs. Zu einer Zeit, in der täglich von hunderten Toten in aller Welt berichtet. In einer Zeit, in der man mit Sex alles verkaufen will. Besonders lächerliche wurde es dann, als der federführende Politiker hinter dieser Unterschriftensammlung – ein überzeugter Abtreibungsgegner – gestehen musste, in einem Sex-Chat mit einer Frau verkehrt zu haben.
Der Versuch der Zensur von Rockmusik begann 1985. Konservative US-Amerikaner um die Politikergattinnen Tipper Gore und Susan Baker gründeten das «Parents Music Resource Center» (PMRC). Auslöser war unter anderem der Song «Darling Nikki» von Prince. Darin kommt die Textzeile: «I knew a Girl named Nikki. I met her in a Hotel Lobby, Masturbating with a Magazine» (Ich kannte ein Mädchen namens Nikki. Ich traf sie in einer Hotellobby, masturbierend mit einem Magazin) vor. Dieser Sex-Szene verdanken wir nun den «Parental Advisory: Explicit Lyrics» -Hinweis auf Schallplatten. Auch bekannt als «Tipper-Sticker».
Der Sticker soll die Käufer auf suggestive Inhalte aufmerksam machen: Geht es um Sex, Gewalt, Drogen kommt der Hinweis aufs Cover. Doch der Schuss ging nach hinten los. Die Warnung ist für viele Käufer ein Qualitätszeichen. Kein Teenager will einen politisch korrekt rappenden Eminem hören und wer NoMeansNo’s Aufruf im Song «Kill everyone now» ernst nimmt, versteht alles falsch. Und daran ist nicht die Musik Schuld! Insofern ist es bezeichnend, dass immer noch Politiker jeglicher Couleur einen Zusammenhang zwischen angeblich gewalt¬verherrlichenden Songtexten und Verbrechen schaffen. Nach einem Amoklauf eines durchgeknallten Psychopaten in Torontoer Schule hiess es sofort, der Täter habe Megadeath gehört. Na und? Auch Metallica und Judas Priest wurden wiederholt wegen ihrer angeblich bösen Musik beschuldigt, junge Menschen zu verwirren. Es gibt ja genügend Leute, die davon fest überzeugt sind. Immerhin waren Judas Priest 1990 sogar deswegen vor Gericht. Angeblich hat sich ein Teenager das Leben genommen, weil er in im Song «Better By You, Better By Me» der Heavy-Metaller explizit dazu aufgefordert wurde. Rückwärts abgespielt sei die Botschaft «Do It» zu hören, klagten die Eltern. Sogar die Richter im konservativen US-Bundesstaat Nevada befanden dies als Schwachsinn und sprachen die Band frei.

Mittlerweile kommt die Musik ein bisschen aus dem Schussfeld spiessiger Schützer der Gesellschaft. Sie vermuten nun das Böse in den Computerspielen. Der Musiker Frank Zappa kämpfte von Beginn an gegen jede Form der Zensur bei Musik. Allerdings liessen sich die Politiker («wir müssen Familien schützen») nicht von Zappas Argument («es geht doch nur um Worte») beeindrucken. Die Konservativen setzten sich durch und zensierten die Popkultur, so weit es eben ging.
Seit über 30 Jahren höre ich Musik und deren Texte sind alles andere als harmlos. Aber ich habs bisher ohne schlimmere Folgen überstanden. Dennoch kann man natürlich in Songtexten alles Mögliche heraushören, wenn man will. Ssofern man auf den Text hört. Ich halte es wie Hannes Hug, der sagte: «Mir ist die Musik zu wichtig, als dass ich mit dem Text alles andere entschuldigen könnte.» Nicht mal bei so wortwitzigen Liedern eines Jan Delay denke ich an den Inhalt. Wenn der Hamburger «Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt», nölt, erinnere ich mich automatisch an den Sound. Sogar Carla Bruni, Ex-Model und Musikerin, hat in einem Interview gesagt, dass sich doch niemand für die Songtexte interessiere, es gehe bloss um Musik. Das kann ich nur unterschreiben. Auch wenn es die textfixierte Daniela Mitidieri erschüttert. «Das zeigt mir, dass es verschiedene Arten gibt, Musik zu konsumieren», sagte sie darauf. Jawoll, die gibt es zum Glück. Sonst wäre die Musikwelt wohl sehr öde.
Nicht nur die Geschmäcker sind verschieden, auch die Art und Weise, wann und wo man Musik hört. Immer mehr Menschen kapseln sich von der Umwelt ab und tragen dauernd Kopfhörer. Sie sind also sozusagen immer auf Empfang. Ich könnte das nie. Mir würde die Dauerberieselung irgendwann zuviel. Zudem höre ich heute gerne bewusst Musik. Das war natürlich nicht immer so. Lange Zeit lief einfach bei allem was ich tat Musik. Dennoch war ich nie der Walk¬man-Typ. Dennoch besitze ich mittlerweile einen iPod, der aber meist nur als «Radio» zum Einsatz kommt. Und auch wenn die kleine Jukebox sehr bequem und praktisch ist, mag ich nach wie vor das umständliche Handling mit einer Schallplatte oder Compact Disc. Das Dauergedudel mag ich nicht. Musik kann mich durchaus stören: Dann wenn sie nicht passt, wenn sie schlecht ist, wenn einfach Sound läuft, um Geräusch zu simulieren. Beim Lesen etwa, irritiert mich Musik sehr. Das geht gar nicht zusammen. Daniela Mitidieri hat das auch. «Das verstehe ich nicht, wie andere das können», sagt sie und geht noch weiter: «Wenn ich etwas mache, gebe ich mich dem ganz hin.»

Um sich etwas ganz hingeben zu können, muss man sich damit auseinandersetzen, Interessanterweise hat sich die Wissenschaft mit der Popmusik noch nicht sehr eingehend beschäftigt. Es gibt wohl mehr Studien zum Einfluss von TV-Werbung auf Jugendliche, als zu den Zusammenhängen zwischen musikalischen Vorlieben und dem Verhalten der Hörer. Obwohl hier die Menschen durchschnittlich täglich 150 Minuten Musik hören, was auch ungefähr dem täglichen Fernsehkonsum entspricht. Eine Ausnahme bilden Untersuchungen von Marketing-Experten. Die haben schon lange entdeckt, wie man mit Musik, respektive der damit erzeugten Stimmung, die Konsumenten steuern kann. Dass im Einkaufscenter sorg¬fältig aus¬gewählter Muzak läuft, ist mittlerweile bekannt. Dass Mozart in der Weinhandlung zum Kauf der besseren Flaschen verführt auch. Inzwischen lassen sich Bars, Restaurants, Läden Musik¬konzepte erarbeiten, die Dauerberieselung verkörpert Lebensgefühl und soll eine bestimmte Stimmung schaffen. Es wurde auch schon versucht auf öffentlichen Plätzen mittels Musik eine friedliche Stimmung herzustellen. Die Erkenntnisse über den Einfluss von Musik werden in jüngster Zeit verstärkt in der Werbung eingesetzt. Der zweitgrösste Schweizer Handelskonzern Coop hat sich nicht zuletzt über den Soundtrack in seinen Werbespots ein frischeres, jüngeres und urbanes Image verpasst. Es hat prima geklappt und nebenbei den Bands zum Erfolg verholfen.


Im Bereich der Unterhaltungsmusik ist die Arbeit der beiden US-Psychologen Peter J. Rentfrow und Samual D. Gosling erwähnenswert. In ihrer Studie «The Do Re Mi’s of Everyday Life: The Structure and Personality Correlates of Music Pre¬ferences» gingen die Wissenschaftler der Universität Texas der Frage nach, ob Musik den Charakter beeinflusst. Ihre These war, dass etwas, das die Menschen als soziales Phänomen durch das ganze Leben begleitet, Spuren hinterlässt. Eine gute Frage. Immerhin be¬suchenb wir Konzerte, gehen Tanzen, bilden dadurch für kurze Zeit eine verschworene Gemeinschaft, die ein gemeinsames Interesse verfolgt. Trotzdem wurde der Einfluss der Musik nur selten näher untersucht. Dabei sprechen Menschen über Musik und definieren sich teilweise äusserlich erkennbar über ihre Vorlieben. Steckt da nicht doch mehr dahinter, als das ober¬flächliche Verlangen nach Unterhaltung?
Der Musiker Frank Zappa würde hier wider¬sprechen. Er meinte einmal knapp: «90 Prozent der Lieder sind Liebeslieder. Wenn Musik etwas bewirken würde, würden wir uns alle lieben.» Das mochten Rentfrow und Gosling nicht glauben. In ihrer Arbeit untersuchten sie den Zusammenhang zwischen Musikstil und Persönlichkeits¬merkmalen. Eine Frage, mit der sich bereits andere wissenschaftliche Untersuchungen auseinander¬gesetzt haben. Allerdings konzentrierten sich dort die Forscher jeweils nur auf Teilaspekte.
Rentfrow und Gosling legten ihre Studie da¬gegen sehr breit an und wollten mit einer ganzen Fülle an Daten ihre Ausgangsthese überprüfen. Die Psychologen stellten sich und insgesamt 3500 Testpersonen folgende Fragen:

• Wie wichtig ist Musik für die Menschen?

• Was sagt die musikalische Vorliebe aus Sicht der Hörer über sie selbst aus?

• Was sind die Hintergründe für die Aus¬wahl der musikalischen Vorlieben?

• Wie kann der Lieblingssound charakterisiert werden (Beispiel: Heavy Metal ist eher aggressiv, Country eher harmonisch).

• Wie verhält sich die Lieblingsmusik eines Menschen zu seinem Charakter wirklich? Gibt es erkennbare Muster?


Von der sorgfältig ausgesuchten Stichproben¬gruppe – sie bestand aus Männern und Frauen, aus weissen US-Amerikanern, Afroamerikanern, Asiaten und Hispanos – wurde zuerst ein exaktes Profil angelegt. Dabei ging es um allgemeine Dinge, die den Probanden im Leben wichtig oder unwichtig sind. Unter anderem wurde auch direkt nach der Bedeutung von Musik gefragt: Es stellte sich heraus, dass Musik für alle mindestens ebenso wichtig ist, wie Sport oder ein anderes Hobby und auf jeden Fall wichtiger als Kinofilme, Lesen oder Fernsehen. Im Weiteren wollten die Wissenschaftler wissen, wann und wo die Versuchsteilnehmer Musik hören. Beispielsweise ob sie Musik alleine oder mit anderen Personen hören. Ob Musik bei der Arbeit, auf dem Arbeitsweg, morgens oder abends gehört wird.

Ganz wichtig war die Frage nach dem bevorzugten Musikstil. Um zu einem möglichst genauen Resulat zu kommen, haben die Forscher vorher mit Hilfe von Experten die Musikstile sehr fein differenziert. Es war klar, dass gängige Schubladen wie Blues, Rock, Hardrock, Hip-Hop nicht ausreichen würden, um zu einem ein¬deutigen Resultat zu kommen. Es resultierte eine Liste mit 80 Sub-Genres. Die Studienleiter ver¬kleinerten dann unter Mithilfe anderer Probanden in zwei Schritten die Skala auf 14 Stile, die letztlich den Teilnehmern vorgelegt wurde:

1. Klassik
2. Jazz
3. Blues
4. Folk
5. Alternative
6. Rock
7. Heavy Metal
8. Country
9. Pop
10. Religiöse Musik
11. Sound Tracks
12. Rap/Hip-Hop
13. Soul/Funk
14. Electronica/Dance

Den verschiedenen Stilen wurden dann wieder¬um vier Eigenschaften zugeordnet und die Versuchpersonen mussten angeben, wie die Musik auf sie wirkt. Ob sie anregend, beruhigend, schwierig odewr einfach empfunden wird. Die Pallette der Eigenschaften umfasste 25 verschiedene Stichworte, die bezogen auf Musik und Text separat angegeben werden mussten. Daraus schlossen Rentfrow und Gosling auf die vier Hauptgruppen, denen sie jeweils auch die Charaktereigenschaften der Probanden zuordneten:

Reflektierte, komplexe Musik:
Klassik, Jazz, Blues, Folk
Charaktereigenschaften: Hörer sind einfallsreich, lehnen konservative Ideale ab, sind tolerant, schätzen sich selbst als intelligent, legen Wert auf Ästhetik.


Intensive, rebellische Musik:
Alternativ, Punk, Rock, Heavy Metal Hardcore Charaktereigenschaften: Hörer sind offen für Neues, sind risikofreudig, beurteilen sich selbst als intelligent, sind oftmals sportlich. Die Studie bemerkt bei diesen Musikrichtunmgen extra: «Entgegen frühren Aussagen und den gängigen Vorurteilen, konnte kein Zusammenhang zwischen aggressiver Musik und aggressiven oder gewaltbereiten Verhalten der Hörer festgestellt werden.» Demnach kann Tipper Gore ihre «Parental Advisory»-Warn¬aufkleber wieder einstampfen.


Fröhliche, konventionelle Musik:
Country, Pop, Religiöse Musik, Soundtrack Charaktereigenschaften: Hörer sind sozial, hilfsbereit, sie gehen gerne aus, schätzen sich selbst als attraktiv ein, sind tendenziell konservativ. Sie respektieren


Rhythmische, dynamische Musik:
Rap/Hip-Hop, Soul&Funk, Elektronica/Dance
Charakter¬eigenschaften: Hörer sind kontaktfreudig, empfinden sich selbst als attraktiv, lehnen konservative Ideale eher ab.


Aufgrund der breit abgestützten Grund¬lagen ihrer Fragen und Auswahlmöglichkeiten konnten die beiden Psychologen tatsächlich einen feststellbaren Zusammenhang zwischen Musikstil und Persönlichkeit der Hörer nachweisen: «Die Intensität und Rebellion eines Musikstils, bei¬spielsweise Punk oder Hardcore, steht in positivem Bezug zu Offenheit, Intelligenz, verbalen Fähigkeiten. Leute die solche Musik hören sind neugierig, interessiert und lehnen konservative Lebensformen ab», folgern Rentfrow und Gosling. Wer hingegen radio¬taugliche Popmusik liebt, neige eher zu konserva¬tiven Werten, sei aber hilfsbereit und sozial enga¬giert.
Die Erkenntnisse sind interessant. Vor allem, weil die meisten Studienteilnehmer überzeugt sind, dass ihre Lieblingsmusik sehr viel über ihre Persönlichkeit aussagt. Auch wenn offenbar nicht die Musik den Charakter beeinflusst, sondern das Gegenteil der Fall ist. Unwissenschaftlich könnte man nun den Spruch «Zeig mir deine Plattensammlung und ich sage dir wer du bist» anbringen. Ganz falsch wäre es offensichtlich nicht.
Bemerkenswert: Rentfrow und Gosling stellten in der Auswertung aller Antworten keinen Zusammen¬hang zwischen Musikstil und chronischen Gemütszuständen, beispielsweise Depression oder dem Grad des Selbstvertrauens fest. Sie vermuten, dass die Persönlichkeit der Hörer zwar die generelle Wahl der Lieblings¬musik beeinflusst. Die beiden Psychologen schliessen daraus, dass der jeweilige Gemüts¬zustand bestimmt, was die Leute hören wollen. Weitere Studien zu diesem Thema sollen folgen. So wollen die Forscher wissen, wie der Gemütszustand die Musikauswahl beeinflusst.


Schon bevor ich auf die wissenschaftliche Untersuchung der beiden Psychologen stiess, macht eich mir Gedanken über die Zusammenhänge von Musikstilen und Hörern nach. Bisher bin ich mit meiner unpräzisen Feldforschung noch zu keinem eindeutigen Resultat gekommen – im Gegensatz zu Rentfrow und Gosling. In der Regel mag ich generell Leute, die Musik mögen. Aber mir ist aufgefallen, dass meine intensiveren Freundschaften sich durch auffallend viele Gemeinsam¬keiten in Sachen Musikgeschmack auszeichnen. Und die Parallelen reichen weit über den Sound hinaus. Natürlich kann man sagen, dass dies auch mit der Zeit und der jeweils aktuellen Musik zusammenhängt. Doch die Ähnlichkeiten gibt es auch bei älteren oder jüngeren Bekannten. Das geht weit über eine gemeinsame Erinnerung an eine von Punkrock beeinflusste Jugend hinaus.
Bei Beziehungen zu Frauen, spielte die Musik für mich lustigerweise noch nie eine grosse Rolle. Hier widerspricht Hannes Hug: «Musikalische Anspruchslosigkeit finde ich extrem schwierig.» Natürlich hätte ich auch Mühe, mit einer Musik-Abstinenzlerin zusammen zu leben. Aber eine Expertin wäre mir dann auch zu viel. Irgendwo will ich ja der Chef sein.
Ob letztlich der Musikstil den Charakter eines Menschen oder die soziale Herkunft der Menschen ihren bevorzugten Musikstil beeinflusst, konnte auch die Wissenschaft nicht schlüssig beantworten. Ich für meinen Teil höre von Jazz über Country bis zu Death-Metal alles und schätze mich als einigermassen normal und vielleicht sogar ein bisschen wertkonservativ ein. Und meine Herkunft ist absoluter Durchschnitt. Sicher ist, dass jede Zeit von einem bestimmten Musikstil begleitet wurde und letztlich dieser be¬stimmte Sound zusammen mit der Mode in Erinne¬rung bleibt: Rock’n’roll war der Sound¬track der Halbstarken und ist mit James Deans re¬bellischen Posen oder Elvis’ Hüftschwung eng verknüpft. Dazu gehörten adrett gekleidete Mädchen in Petticoats und Jungs in Jeans und Leder¬kutten. Die zügellose Begeisterung für Beatmusik wurde als unanständig empfunden und läutete mit den psychedelischen Anleihen der Beatles bereits so was wie die sexuelle Revolution ein, die dann mit den Hippies, deren freier Liebe und den Protestsängern in Woodstock ihrem Höhe¬punkt zusteuerte. Der grobe und fraglos aggressive wirkende Punkrock schockte die Gesellschaft noch stärker, New Wave nahm mit den andro¬gyn gestylten Künstlern und Fans den metro¬sexuellen Marketingwahn der Jahrtausend¬wende zwanzig Jahre vorweg und die Techno¬welle der 1990er-Jahre passte hervorragend zu den selbst¬verliebten, konsumgeilen New-Economy-Menschen. Logisch, dass nach dem Platzen der Internet-Blase wieder härtere Töne angesagt sind. Die Marketingmenschen haben gleichzeitig die Rückkehr des Machos propagiert. Sie nennen das den «Männer-Mann», ein Kerl mit Dreitagebart oder sogar Schnauzer. Da passt ja Josh Homme von den Eagles of Death Metal bestens ins Bild – und ich hab mit eigenen Augen gesehen, wie junge Girls auf den Typen fliegen.

Soundtrack der Geschichte

Musik hören, fängt nicht erst mit der ersten eigenen LP oder CD an. Der Mensch nimmt bereits im Mutterbauch Geräusche und Rhythmen wahr. Übers Hören lernt er sprechen. Über Musik lernt er Tanzen – und noch viel mehr, wie ich glaube. Der Mensch wird zwangsläufig von seiner Geburt an mit Musik konfrontiert. Die einen sprechen sehr gut und rasch darauf an. Die anderen nehmen es eher nebenbei wahr. Ich mochte Musik schon immer, habe als Kind auch gerne getanzt oder gesungen (was ich heute nicht mehr mache). Und Musik war bei uns zu Hause immer präsent. Zwar spielte niemand selbst ein Instrument, doch es dudelte immer irgendwas. Zudem standen viele Schallplatten und noch viel mehr Singles herum. So wurde ich von Klein auf zum Zuhörer erzogen. Noch als Knirps begann ich meine Lieblingssänger aus Vaters Plattenkiste heraus¬zusuchen. Er war schon ein ziemlicher Musik¬freak mit einer Kollektion an frühen Rock-Platten, leider hat sich sein Geschmack weg vom Rock’n’roll – er war glühender Bill-Haley-Fan – hin zu Oberkrainer und Schlagermusik gewandelt. So wurde ich neben «Rock Around the Clock» auch mit Roy Blacks «Schön ist es auf der Welt zu sein» oder Slavko Avseniks Balkanländlern konfrontiert. Zeug, dass ich dann jeweils auch lautstark mitgekräht habe. Die ganze Beatmusik und natürlich insbesondere die Beatles scheinen meinen Vater dagegen überhaupt nicht interessiert zu haben. Dabei war er zur Blüte¬zeit dieser Bands Mitte zwanzig und somit im perfekten Fan-Alter. Auch meine Mutter konnte nichts mit Rolling Stones und Konsorten anfangen. Das sei Musik aus der Stadt gewesen, auf dem Land hätte man so was nicht gehört, erklärte sie mir einmal. Aus der heutigen Perspektive stelle ich mir das schräg vor. Beatles und Rolling Stones zu ignorieren, ist ein bisschen wie heute achtlos an Robbie Williams oder Britney Spears vorbeizuschauen. Man muss das ja nicht mögen, aber man muss es kennen. Andererseits erleichterte mir die elterliche Gleichgültigkeit gegen¬über der frühen Popkultur meine eigene Abgrenzung mittels Bands und Kleidung.

Diese Abgrenzung, das finden einer eigenen Identität, dürfte heute viel schwieriger sein. Die Eltern heutiger Teenager haben bereits Rock’n’roll erlebt. Gingen zu Konzerten in besetzten Häusern. Haben selbst schon mit Drogen experimentiert. Wie sollen sich da junge Menschen noch von der älteren Generation abgrenzen? Denn nach wie vor wird mit Musik ein Lebensgefühl verkauft. Heute ist das nicht nur das Lebensgefühl der jüngsten Käufer. Dem Jugendwahn sei Dank, sprechen die Produzenten heute auch die älteren Menschen mit ihren coolen, trendigen, jungen Produkten an. Es gilt mehr denn je: Egal was in der Gesellschaft geschieht, die Musik klopft munter den passenden Takt dazu. Damit ist Pop zum unverzichtbaren Medium geworden: Es gibt keinen Ort, der nicht beschallt wird. Sei es, um eine besondere Stimmung zu er¬zeugen, um eine akustische Identität herzustellen oder um das Kaufverhalten der Kunden zu beeinflussen. Musik hat sich von einer emotional geprägten Kunstform zum Massenprodukt gewandelt. Und trotz der dauernden Klagen der Musikindustrie über sinkende Verkaufszahlen: Mit Pop wird immer noch verdammt viel Geld verdient – obwohl der Wirtschaftszweig unverkennbar krank ist. Wie ein Krebsgeschwür befällt Geldgier immer neue Teile der Popkultur und höhlt die Kunstform von innen her aus. Es gibt deutliche Anzeichen, die vom Untergang der schönen, leicht zugänglichen Kunst traurige Lieder singen. Die zwei folgenden Beispiele sind nur weitere verzweifelte Versuche, einen lukrativen Wirtschafts¬zweig um jeden Preis zu retten: Der Musiksender MTV vergab 2006 erstmals einen Award für Klingeltöne! Überraschend war’s nicht. Schliesslich tummelte sich der lustige «Crazy Frog» 2005 wochenlang in den europäischen Single-Charts. Ebenfalls ein Klingel¬ton für Mobiltelefone! Insofern nicht erstaunlich, dass zahlreiche Stars inzwischen ihre Singles zuerst als fiepsige Downloads für die Handys der jüngsten Fans veröffentlichen.
Zweites Beispiel: Im Dezember 2006 kündigten die Musikverlage Universal, EMI und Warner an, dass demnächst ihr ganzes Repertoire gratis erhältlich sei. Darunter sind veritable Geld¬maschinen wie U2, Gwen Stefani, James Blunt, Madonna oder Luciano Pavarotti. Der Haken dabei: Die Kunden müssen sich gedulden und pro Song (sprich, pro Download) 90 Sekunden lange Werbespots über sich ergehen lassen, bevor sie ihn herunterladen können. Mit den Werbeeinnahmen werden Labels und Künstler bezahlt. Ausserdem können die heruntergeladenen Songs dank Digital Rights Management DRM weder kopiert noch auf CD gebrannt werden. Und wer sich nicht mindestens einmal monatlich auf der Website des Anbieters einloggt, verliert seine kostenlose Jukebox. Mit dem Gratisangebot will die Branche den illegalen Tauschbörsen entgegenwirken – wo sich Tausende potenzieller Kunden mit Musik versorgen. Ob es gelingt, scheint mehr als fraglich. Immerhin werden sich trotz drohender Millioneklagen im Internet weiterhin Ange¬bote finden, die schneller und erst noch werbefrei die gewünschten Sounds auf die Festplatte spielen. Kaum ein halbes Jahr später stellte EMI den Kopierschutz für Soundfiles in Frage – auf Druck von Marktleader Apple, der im iTunes-Store am meisten Songs im Internet verkauft und mit dem Verzicht auf DRM drohenden Klagen von Konsumentenschützern zuvorkommen will.
Dass sich auch das Mobilfunkunternehmen Vodafone auf das grosse Musikbusiness vorbereitet und von einem «geräteübergreifenden Entertainment-Ökosystem» spricht, zeigt auf wo es künftig langgeht: Musik wird den potentiellen Kunden über ein automatisiertes Empfehlungssystem angeboten, per Knopfdruck lädt es den Song auf den MP3-Player, der im Mobiltelefon steckt. Ganz schön bequem – und enorm unpersönlich. Das kommt mir ein bisschen vor, wie das in ungelenkem Englisch verfasste Schild eines billigen Schneiders in Bangkok: «Recommended by Everybody». Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Als Musikbesessener kann ich diese Ent¬wicklungen nur mit Kopfschütteln quittieren. Aber vielleicht sollte ich für diese Veränderungen auch dankbar sein. Falls es weoweit kommt, besteht die Chance, dass es wieder um die Musik geht und nicht in erster Linie um die Profite grosser Unterhaltungskonzerne. Diese verdienen derzeit an der Herstellung, am Vetrieb und am Verkauf einer CD. Die Künstler erhalten in der Regel einen Fixbetrag pro verkauftes Album und – wenn sie beim Vetrag das Kleingedruckte nicht übersehen haben, auch an den Rechten der Songs.
Inzwischen prophezeien immer mehr Experten die Flatrate für Musik. Der Konsument zahlt einen fixen Betrag pro Monat und kann sich dafür am schier unerschöpflichen Fundus bedienen. Mittels Messungen und Erhebungen sollen dann Vewertungsgesellschaften berechnen, welche Künstler wie oft gekauft wurden – so kämen die Bands zu ihrem Geld. Peter Jenner, Manager von Pink Floyd und langjähriger Kenner der Musikindustrie, ist fest von diesem Modell überzeugt. Das Überleben der Plattenfirmen sei unwichtig, sagt er. Viel wichtiger sei es, dass Bands «ein Album aufnehmen und sich der Welt stellen können».

Auch die Zukunftsforscher und Musikindustrie-Kenner Georg Leonhard und David Kusek haben in ihrem Buch «Die Zukunft der Musik» ein Szenario beschrieben, das sehr wahrscheinlich scheint: Musik wird künftig nicht mehr in einzelnen Titeln gekauft, sondern per Flatrate abonniert. Das heisst, man hört den ganzen Tag Musik, die einem gefällt. Dafür zahlt man, so Leohrad, rund fünf bis sechs Franken monatlich. «Nur wer blöd genug ist zu zahlen, der bezahlt auch den Preis, der aktuell für Musik auf CD verlangt wird», sagt Leonhard. Musik soll, wie Wasser, für einen günstigen Preis einfach fliessen. Das Programm passt sich nach den Modellen von Pandora.com oder last.fm den Vorlieben des Abonnenten an. Dieser löst zusammen mit seinem Vetrag für Mobiltelefon und Internet eben auch gleich sein Unterhaltungsprogramm.
Dass dies nicht bloss Zukunftsmusik ist, sondern vor allem von der Kommunikationsbranche mit aller Kraft vorangetrieben wird, beweisen die Anstrungen von Vodafone, Nokia oder etwa Apple mit seinem iPhone. Nur die Musikindustrie, als Inhaberin der meisten Songrechte enorm wichtig, mag sich mit den neuen Nutzungsmodellen gar nicht anfreunden. Dabei hätte sie dadruch die Chance, wesentlich mehr Künstler erheblich billiger auf den Markt zu werfen. Denn vor allem unbekannte Bands hätten so die Chance ihre Musik zu verkaufen. Social-Media-Plattformen wie MySpace machen es vor. Für Georg Leonhard ist klar: «Musik muss als Dienstleistung verstanden werden, mit mehr Präsenz des Künstlers durch Auftritte, digitale Performances, weniger standardisierten Angeboten.»

Das ist nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte der rasanten Entwicklung im Musikgeschäft. Nachdem sich die Industrie seit Einführung der Compact Disc mit den Folgen der Digitalisierung schwer tat und vor allem jeden Schritt abblockte, geht’s nun Schlag auf Schlag. Irgendwann werden auch die Labelbosse erkennen, dass sie den Kampf gegen Raubkopierer, Tauschbörsen und branchenfremde Musikanbieter nicht mehr gewinnen können. Derzeit reagieren sie noch panisch und versuchen mit verlockenden Angeboten die Kunden zum Kaufen zu animieren. Dass EMI auf Druck von Apple-Chef Steve Jobs den kopierschutz auf digitalen Soundfiles fallen lässt, ist für den Kunden toll. Für die Musik ist es nicht gut. Sie verkommt dadurch noch mehr zur reinen Handelsware.
Aus der Sicht des wertkonservativen Fans, klingt das grauenhaft. Ich mag es Musik im Laden zu kaufen, Bands in verrauchten Clubs zu hören, eine Schallplatte und ein Cover in den Händen zu halten. Aber die Entwicklung ist auch nicht für Menschen wie mich gedacht. Ich finde ja schon die Empfehlungen von Pandora oder last.fm befremdend.

Früher orientierte man sich über neue Bands in der Bravo (zumindest solange wie das Jugendmagazin über Bands berichtete, die einem gefielen) oder via Kollegen. Eliane Müller erinert sich: «Was die Musik anbelangte, so bewegten wir uns an den Schülerpartys in einem neuen Territorium. Aktueller Hitparaden-Sound wurde dort nicht gespielt, stattdessen hüpfte man zu AC/DC und Van Halen im Kreis oder tanzte zu The Cure, Bob Geldof, Police, U2, Billy Idol und so weiter. Die Palette reichte von alten Hits aus den 70ern und 80ern sowie Neuheiten, welche aber in der Hitparade nicht anzutreffen waren. Alles wunderbar, nur wie kam man zu all dieser ‹neuen› Musik? Hilfreich war hier die Schwester einer Freundin, die in einem grossen Musikladen arbeitete und stapelweise CDs heimbrachte.»
Das Problem kennen wohl alle, die sich eine musikalische Heimat suchten. Woher weiss man, was cool ist? Was gibt es alles? Hannes, Daniela, Eliane, Joël und ich haben mit sehr vielen Leuten etwas gemeinsam: Wir hörten viel Radio und nahmen unzählige Kassetten auf. Das war neben Zeitschriften, die beste Möglichkeit um etwas über neue Sounds zu kommen. Vielleicht würden die Kids auch heute noch Bänder füllen, wenn es nicht so hoffnunglos altmodisch und kompliziert wäre, im Vergleich mit dem bequemen downloaden.
Wenn ich heute meine Singles und LPs durch¬schaue, scheint es mir, als ob ich früher gekauft habe, was ich kriegen konnte. Dabei leistete mir die Bravo nützliche Orientierungshilfe: Man hasste Bay City Rollers, man liebte Sweet, oder andersrum. Es ist ein bisschen wie die Beatles- oder -Stones-Frage. Und ich steh schon eher auf Mick Jagger und Keith Richards. Damals gab’s ja kein MTV oder Viva, die einen 24 Stunden lang mit Musik und Bildern zumüllten. Wobei diese Sender wohl auch heute nicht allzu gute Wegweiser im Musik-Dschungel sein dürften. Vor allem, wenn man an die eher be¬knackten visuellen Umsetzungen der Songs denkt. Entweder hüpfen grossbusige Mädchen in knappen Höschen um muskulöse Idioten herum oder es stehen schlaksige Bubis mit komischen Frisuren an ihren Instrumenten und mimen den Rocker. Dass eine eigentliche Geschichte erzählt wird, ist inzwischen selten. Da hatte ich es ein¬facher: Halbnackte Mädchen spielten höchstens in der Bravo-Foto-Lovestory, in meiner Fantasie oder Dr. Sommers Sexratgeber eine Rolle. Aber sie hatten garantiert nichts mit Musik zu tun. Erst später zeigten mir andere Musikzeitschriften neue Wege auf: Der New Musical Express oder die Spex waren exzellente Ratgeber. Inzwischen lese ich nur noch ganz selten Musikzeitschriften. Zwischen¬durch kauf ich mal das OX-Fanzine, um in Sachen Punk auf dem Laufenden zu sein oder ich schnapp mir in einer Bar die sorgfältig ge¬machte Schweizer Musikzeitung Loop. Dabei bin ich in erster Linie an Interviews oder Hinter¬grundberichten interessiert. Plattentipps hole ich mir dort nicht.
Richtig schlecht sind die Artikel in Tages- und Wochenzeitungen. Sie besprechen brav die Neu¬erscheinungen und oftmals finden sich identische Textpassagen in den verschiedenen Titeln. Die Werbeabteilung des Labels wird erfreut registrieren, wie widerstandslos ihre PR-Texte 1:1 über¬nommen werden. Selten wagt mal ein Autor einen Kontrapunkt zu setzen. Es scheint fast, dass sich schlechte Kritiken nicht geziemen. Als Ent¬schuldigung könnte man vermuten, dass die arg geschrumpften Geld- und Platzbudgets der Kultur¬redaktionen der Grund für die unkritische Haltung sind: Was schlecht ist, wird gar nicht erst besprochen. Doch leider machen auch reine Musik¬zeitschriften keine Ausnahme. Überall wird das gleiche gelobt. Besonders auffällig kam mir die Gleichschalterei bei Jack White (White Stripes) vor. Egal was er machte. Es wurde über den grünen Klee gelobt. Dabei ist das weder neu noch besonders originell. Die Geschichte wieder¬holte sich bei seiner neuen Band The Raconteurs, die angeblich nicht seine Band ist, sich aber wohl vor allem dank dem Etikett Jack White blendend vermarkten lassen. Wenigstens bin ich diesmal nicht darauf reingefallen. Im Gegensatz zu den White Stripes, deren erste drei CDs mein Regal, aber nicht mehr meine Ohren füllen.
Ein verlässlicher Ratgeber ist dafür mein Musik¬händler. Er schätzt meinen Geschmack recht gut ein und berät mich dementsprechend. Und er sagt auch, wenn er etwas besonders schlecht findet. Dies ist ein Grund mehr, nicht bei irgendwelchen Discountern einzukaufen. Ich will einen Freak hinter der Ladentheke mit dem ich Fachsimpeln kann, der mich mit Tipps versorgt. Dann bin ich auch gerne bereit einen Musikliebhaber zu unter¬stützen. Denn die paar Franken, die ich beim Grossisten sparen kann, schaden dem Fachmann und füttern die Kasse eines anonymen Unter¬nehmens. Das mache ich schon bei andern Ein¬käufen oft genug. Aber wenigstens geht es dort nicht um Kunst. Allerdings mache ich niemadem einem Vorwurf, der sich beim Discounter bedient. Musik ist nach wie vor viel zu teuer. Was als Jugendlicher arge Löcher ins Taschengeld frass, ist eigentlich auch heute noch ein Luxusgut. Immerhin kostet eine reguläre CD 30 Franken. Ein Preis der sich seit Einführung der Compact Disc eisern hält. Damals wurde mit einem Schlag für das exakt gleiche Produkt fünfzig Prozent mehr Geld verlangt: Kostete 1982 eine LP 20 Franken, war die CD im gleichen Jahr bei Markteinführung für 30 Franken zu haben. Ganz zu Beginn konnte man sich allenfalls noch mit der neuen, besseren Technologie rechtfertigen. Mittlerweile ist es eine Frechheit. Die Mehreinnahmen kommen weder dem Händler noch dem Künstler zugute. Die Preise für Soundfiles in Download-Shops sind noch viel überrissener: 1.50 Franken für eine Song. Ohne irgendwas dazu. Da verdient sich jemand dumm und dämlich! Bei der CD kommt dazu, dass der Plastik extrem schnell altert. Das kann im schlimmsten Fall zu Datenverlusten führen.

Am billigsten sind die Scheiben im Supermarkt, dort wird aber mit den Lockvogelangeboten oftmals sogar der Einstandspreis für den Fachhändler unterboten. Was wie¬der¬um dazu führte, dass manches gutsortierte Fachgeschäft schliessen musste, weil sich die Konsumenten beim «Geiz ist geil»-Anbieter auf die Füsse traten. Dass aufgrund des riesigen Absatzes letztendlich die Discounter bei den Labels den Einstandspreis drückten, mag als Retour¬kutsche beim Kunden Schadenfreude aus¬lösen. Für die Sache ist es nicht gut.
Insofern ist das illegale Herunterladen von Musik verständlich. Aber der Preis ist nur ein Grund für den Diebstahl. Zahlreiche der aktuellen Produktion bieten viel zu wenig fürs Geld. Erfolgsproduzent Rick Rubin meinte in einem Interview: Die Austauschbarekeit moderner Produktionen sei ein Grund dafür, dass das Downloaden einzelner Songs Sinn mache. «Viel Musik, die heute veröffentlicht wird, ist das Geld nicht wert.»

Traurig aber wahr. Denn eigentlich macht Musik viel Spass und hat einen hohen Erinnerungswert. Sie verbindet Menschen und ist gleichzeitig sehr kontrovers. Aber mittlerweile wird aus dem Soundtrack ganzer Generationen ein uniformes Lifestyle-Produkt gemacht. Die Verwertbarkeit entscheidet über die Verbreitung von Musik. Und weil dies auch jene Leute betrifft, die sich eigentlich gar nicht für den ganzen Mainstream interessieren, muss hier auch einwenig über die Machenschaften der Unterhaltungsbranche gesprochen werden. Denn die Marktmechanismen betreffen auch Liebhaber sogenannter Alternativ-Music. Sie glauben das nicht? Dann sehen Sie sich bitte mal in einem herkömmlichen Fachgeschäft um, hören Sie Radio oder lesen Sie eine Musikzeitschrift. Das Resultat wird sprichwörtlich recht eintönig ausfallen.

Krach und Kreischen

Angesichts der uniformen Populärmusik stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Musik? «Es gibt nur gute und schlechte Musik. Es gibt nicht mal gute und schlechte Musikstile», stellte Hannes Hug fest. Damit spricht er wohl für viele. Allenfalls kann man Musik in improvisierte und interpretierte Musik unterscheiden. Wertkonservative Menschen unter¬scheiden zudem U- und E-Musik. Für mich ist Musik dann gut, wenn sie lebt. Bei 80 Prozent aller Songs im Radio oder in den Hitparaden höre ich bestenfalls das Bemühen, Gefühle zu trans¬portieren. Oftmals sind es lieblos hingewürgte Tonfolgen, die den gerade angesagten Trends folgen. Die Lieder klingen seelenlos. Der Grund dazu lässt sich bestens in den zahlreichen Casting-Shows beobach¬ten. Da singen teilweise erstaunlich talentierte Menschen be¬kannte Songs recht gut nach. Trotzdem merkt man, dass sie oftmals keinen Schimmer davon haben, was den Song ausmacht. Sie setzen eine einstudierte Mimik auf, sie spulen die geübten Tanzschritte ab und drücken zur Not sogar noch ein paar Tränen hervor. «Ich habe eine Sendung lang durchgelitten und fand nur: Hört auf!», meinte Daniela Mitidierei treffend zur dritten Staffel der Talentsuche «MuscStar» im Schweizer Fernsehen. Ich habe mich beruflich mit dieser Sendung auseinander gesetzt und teilweise ganz schön gelitten. Da wird den Zuschauern einiges zugemutet: Mit einer grauenvollen Songauswahl sollen sich die Finalteilnehmer dem Publikum als kommender Star präsentieren. Einzig und allein das Publikum bestimmt, wer am Ende siegen wird. Dennoch sitzt eine Jury im Saal, die diesen Namen nicht verdient. Oder was zum Teufel haben ein Choreograf, ein Radio- und TV-Moderator mit Musik zu tun. Und wenn dann die einzige Fachfrau ausgerechnet eine ausgebildete Sopranistin ist, die Kandidaten und Publikum gleichwermassen mit Fachsausdrücken verwirrt, hat sich eigentlich die Sendung selbst disqualifiziert.

Dennoch will natürlich das Fernsehen am Quotenknüller festhalten und die Show weiterhin produzieren. Sie wird auch für die vierte Staffel ein Plattenlabel finden, das den Gewinner oder die Gewinnerin unter Vertrag nimmt. Auch wenn das Album der letzten Siegerin Fabienne Louves ein Flop ist. Das Format reicht nicht einmal merh für einen schnellen Erfolg. Wieso man es trotzdem macht, ist nicht nachvollziehbar. Schön war in dem Zusammenhang auch die E-Mail einer Promo-Frau von Sony BMG: Sie schaffte es tatsächlich, die auf sachweizerdeutsch gesunge CD «Schwarz auf Weiss» von Fabienne Louves wie folgt anzukünden: «Hot, Hot, Hot! Its the real thing. Das neue Album von...» Englisch ist halt die Sprache für ausdrucksarme Menschen. Und wenns schon nichts zu sagen gibt, sagt man es lieber in einer Fremdsprache.

Doch auch für die Teilnehmer muss so eine Casting-Show grausam sein. Da werden junge Menschen über Nacht berühmt, sind täglich in den Medien. Sie werden gelobt und zerrissen. Sie werden in einer Villa untergebracht, mit Limousinen herumgekarrt. Sie fühlen sich ein bisschen wie Stars. Doch der Promifaktor hält nicht mal bei den zweit- und drittplatzierten länger als ein paar Wochen an. Kaum weg vom Fenster landen sie wieder dort, wo sie vorher waren: In der Normalität. In der medialen Bedeutungslosigkeit.

Ich bin fest überzeugt, dass nur wer eigene Texte und Töne im Kopf hat, Musik zum Leben bringen kann. Und das ist dann gute Musik. Un¬abhängig vom Stil. Nicht nur Gitarrensound lebt, auch hundskommune Pop¬musik. Soft Cell haben das beispielsweise mit «Tainted Love» bewiesen. Die Pet Shop Boys machen bis heute sehr starken Synthie-Pop. Mit immensem Aufwand werden den Stars Eigenschaften zugeschrieben. Sie werden charkterisiert und entsprechend verkauft. Sogar der unpersönlichen Technomusik versuchte man Charaktereigenschaften zuzuschreiben: Sie galt schnell als Soundtrack des urbanen, erfolgreichen, zukunftsorientierten Menschen. Die Wirtschaft sprang auf den hedonistischen Kurs auf. Schliesslich wurden House und andere Stilarten von jungen, gesunden, schönen und vor allem jungen Männern und Frauen gehört. Das klang nach Geld und passte wunderbar zur Wirtschaftblase des ausgehenden 20 Jahrhunderts.
Gleichzeitig ist die Branche bemüht, immer neue Stilschubladen zu zimmern und sie mit Inhalten zu füllen. Die Labels über¬lassen es nicht dem Zufall, wie ein Produkt beim Käufer ankommen soll. Erscheint beispielsweise ein neues Album der Neopunker Green Day , wird nicht bloss Punkrock verkauft. Dazu wird eine ganze Ladung Lebensgefühl (neudeutsch: «Life¬style») in Form von Interviews, Videos, Kleidung und Gadgets mitgeliefert. Passt alles zusammen wird es nicht nur ein Hitparadenerfolg, sondern ein wahrhafter Kassenschlager für die Mischkonzerne.
Nicht, dass das falsch wäre. Hits sind etwas Tolles. Wellness für die Ohren der breiten Masse. Den Konsumenten wird so vermittelt: «Du hörst das Richtige. Was alle gut finden, kann nicht schlecht sein.» Der Band wird durch einen Charts-Erfolg bestätigt: «Was ihr macht, ist super!» Als angenehmen Nebeneffekt verdienen Band und Labels einen schönen Batzen Geld. Wobei die Verteilung der Einnahmen deutlich zugunsten der Labels ausfallen, wie Steve Albini in seinem berühmten Aufsatz «The problem with Music» im Fanzine Maximum Rock’n’roll vorrechnete. Dabei sprechen wir von einem Markt, der derzeit weltweit einen Umsatz von rund 31 Milliarden Dollar generiert (in der Schweiz waren es 2005 rund 224 Millionen Franken). Gut 80 Prozent davon er¬zielen alleine die vier grossen Mitspieler Universal-Music, Sony-BMG, EMI, und Warner. Über 50 Prozent ihrer Einnahmen erzielt die Branche mit Rock und Pop. Davon machen wieder¬um Topseller einen guten Teil des Um¬satzes aus.
Aber wie wird ein Song zum Hit? Diese Frage interessiert Musikindustrie und Künstler logischer¬weise gleichermassen. Eigentlich wäre es ganz einfach: Man wählt ein mittleres Tempo, spielt im Vier-Viertel-Takt, schreibt eine einfache Melodie und einen eingängigen Refrain und stattet die Band mit schönen Menschen aus und macht ein gutes Video. Fertig ist der Hit. Dummerweise reicht das eben nicht mehr, weil es Hunderte solcher Gruppen gibt, die Tausende solcher Songs spielen. Zudem sind die Käufer in gweisser Weise unberechenbar. Darum wird mit riesigen Werbebudgets dem Charterfolg nachgeholfen. Denn gerade heute ist, dank Inter¬net, das Angebot enorm gross. Des¬wegen muss jedes Produkt um die Aufmerksam¬keit der potentiellen Käufer kämpfen. Doch wenn man auf die letzten Jahre zurückblickt, scheint es fast, als ob die Musikbranche etwas ratlos oder un¬glücklich agiert hat. Zwar gibt es immer wieder neue Stars und Sternchen. Doch viele ver¬schwinden nach kurzer Zeit wieder aus dem Rampen¬licht. Wurden früher Künstler über einen längeren Zeit¬raum als verlässliche Zugpferde auf¬gebaut, müssen sie heute sofort rentable Produkte liefern. Andernfalls sind sie schnell wieder weg vom Markt.
Bereits Sam Phillips, der legendär¬e und begnadete Toningenieur und Label¬betreiber der Sun-Studios , arbeitete so. Denn neben Elvis, Johnny Cash, Roy Orbison, B. B. King oder Jerry Lee Lewis veröffentlichte Phillips eine ganze Reihe weiterer Aufnahmen, die nicht annähernd so erfolgreich waren, wie diese grossen Namen. Was damals zählte, war möglichst rasch den wachsenden Markt mit der noch weitgehend unbekannten, wilden und schwarz gefärbten Rock’n’roll-Musik zu bedienen. Tatsächlich konzentrierte sich Phillips bei seiner Arbeit zuerst ausschliesslich auf Musik von Afro-Amerikanern, was ihm zu dieser Zeit in den Südstaaten der USA nicht nur Freunde verschaffte. Später, als auch andere Labels schwarze Musiker unter Vertrag nahmen, produzierte er weisse Interpreten, die sich im Fundus des vom Blues beeinflussten Rock’n’roll bedienten und die jungen weissen Käufer begeisterten. Was konservative Kräfte auf den Plan rief, die vor der unsittlichen «Neger-Musik» warnten.
Diese Methode – innerhalb kürzester Zeit dutzende ähnlich klingender Bands auf den Markt zu werfen – wird von der Branche bis heute immer wieder angewendet. Schliesslich lässt sich mit Trends viel Geld verdienen. Auch während der Punkwelle wurde alles, was sich unter der Bezeichnung Punk verkaufen liess, auf Vinyl gepresst. Damals profitierten aber erstmals nicht nur die grossen Labels vom Boom, sondern es schossen kleine und kleinste Verlage aus dem Boden. Der Grundstein für unabhängige Labels war gelegt. Auch wenn viele von ihnen inzwischen von grossen Konzernen geschluckt wurden. Gegen aussen hin operieren sie immer noch als «Independent-Labels». Was sie aber natürlich längst nicht mehr sind. Was bei Fans dazu geführt hat, dass «Independent» (un¬abhängig) mittlerweile nicht mehr als Begriff für sperrige Musikstile verwendet wird. Man nennt diese nun «Alternativ». Doch einige konnten sich bis heute behaupten. Sie spielen bei der Suche nach neuer Musik und neuen Bands noch immer eine Pionierrolle. Auch, weil bei ihnen nicht der schnelle Profit an erster Stelle steht, sondern die Kunst.
Zwar gibt es nach wie vor noch eine lebhafte und sehr experimentierfreudige Independentszene, die neue Künstler entdeckt und aufbaut. Doch viele werden, kaum haben sie Erfolg, an die grossen Verlage weitergereicht. Dadurch müssen sich Major-Labels nicht selbst um Nachwuchs kümmern.


Zur Blütezeit des Punkrock wurden hunderte grottenschlechter Platten gepresst. Zum Teil war die Aufnahmen fast nicht an¬zuhören. Auch die Sex Pistols verwendeten für ihren Erstling nur eine Vierspurmaschine im Probe¬raum. «Wir nahmen jeden Song vier oder fünfmal auf, dann kamen die Overdubs auf einer Achtspurmaschine dazu», blickt der Tontechniker Dave Goodmann zurück. Er hatte die ersten Auf¬nahmen von Knallern wie «Anarchy in the UK» gemacht, die auch auf der ersten Sex-Pistols-Platte drauf waren. Als die Pistols bei EMI unter¬schrieben, wollte das Label aber eine bessere Klangqualität. Über Umwege landete die Band beim Produzenten Chris Thomas, der beim «White Album» der Beatles und mit Roxy Music gearbeitet und Pink Floyds «Dark Side of the Moon» abgemischt hatte. Die bessere Klang¬qualität tat dann doch nichts zur Sache. EMI stampfte die Pressung wieder ein, weil die Label¬bosse plötzlich Schiss hatten, sich mit dem rüpel¬haften Image der Sex Pistols den guten Ruf zu verderben. Virgin sprang in die Lücke und der mittlerweile schwerreiche Exzentriker Richard Branson machte damit viel Geld.

Die miese Qualität von Punkplatten und Punk¬bands kam bei der Neuen Deutschen Welle (NDW) zur vollen Blüte: Sinnloses Gebrabbel wurde vom Bontempi-Örgeli begleitet und fertig war der Hit. Man mag Trios «Da Da Da» ja noch witzig finden oder nachträglich gar als avantgardistisch verklären. Doch es blieb letztlich sehr simpel gestrickte Musik. Und als dann noch so furchtbare Festzelt-Gaudi-Idioten wie Geier Sturzflug unter dem Etikett NDW angepriesen und auch prompt gekauft wurden, hörte der Spass eigentlich auf. Derzeit wird gerade wieder ein neuer Trend gehypt: Gitarrenbands läuten die Rückkehr der Rockmusik ein und plötzlich ent¬deckt man Dutzende solcher Bands. Dass sie sich oftmals anhören wie The Who vor 40 Jahren, ist egal. Dass aber einige der heuteigen Aufnahmen schlechter klingen, als die Schallplatten vor 40 Jahren ist wohl die Rache des technologischen Fortschritts. Mit billiger Technik und Computern kann heute jeder in kurzer Zeit seine Musik aufnehmen und sie sehr einfach vervielfältigen. Es braucht keine speziellen Geräte mehr und auch keine Spezialisten, die diese bedienen. Man hört es den Produktionen leider allzuoft an. Den Hörern scheint es egal zu sein. Wie vielen Fans auch ein miserabler Livesound egal ist. Nach einem Clubkonzert von Celtic Frost schwärmte ein Musikjournalist von der Show. Dabei fiel während dem Konzert immer wieder die eine Seite der PA-Anlage aus. Und den einen Gitarristen hörte man während dem ganzen Gig nie! Der Journalist störte sich nicht daran. So ist es auch nicht erstaunlich, dass sich Millionen Menschen mit dem schlechten MP3-Format zufrieden geben.

Mit dem von der Musikindustrie geforderten Soundformat MP3 ist es ja sowieso eine spezielle Sache. Wieso will eine Branche ein datenreduziertes Format, wenn sie sich danach vor allem dafür einsetzt, dass es nicht verwendet wird? Denn spätestens seit der Verbeitung von MP3 wurde Musik nicht nur verlustfrei kopierbar: Sie lässt sich auch ganz simpel versenden und speichern. Die Musikindustrie ist selbst schuld, dass ihr Produkt nun plötzlich als Gratisware verscherbelt wird – und gleichzeitig massiv an Bedeutung verloren hat.
Früher hörte man Radio oder man musste sich die Single oder gar die LP einer Band kaufen. Man musste sie auflegen und bei den LPs hörte man in der Regel eine ganze Seite durch. 20 Minuten Sound der gleichen Band am Stück. Mit der CD erhielt plötzlich die Skip-Taste eine wichtige Funktion. Man konnte die Songs einfach wegdrücken. Mit der Programmierfunktion durfte der Hörer sogar die Dramaturgie eines Albums umstellen. Er musste sich nicht mehr an die von den Künstlern festgelegte Reihenfolge halten. Im Theater oder im Kino käme dies einer Revolution gleich!
Mit den Online-Music-Stores oder Tauschbörsen im Internet hat der Musikkonsum nochmals ein neues Verhalten ermöglicht: Ich kann mir einzelne Songs holen und stelle meine eigene Playlist zusammen. Das Album hat definitiv aus¬gedient. Ich bin Herr meiner Popwelt, gestalte meinen Soundtrack und trage 15'000 Songs in einem Apparat spazieren, der kleiner ist als eine Brieftasche – mein ganz persönliches Radio mit dem Vorteil, dass es nur gute Musik spielt. Das Hör¬verhalten und die Bedeutung von Musik haben sich grundlegend verändert. Die Musikwirtschaft hinkt dem Wandel hinterher. Erst allmählich hat sie sich mit dem veränderten Konsumverhalten angefreundet und ihre Produkte in legalen Online-Shops angeboten. Einzig bei der schnellen Lancierung von Bands und Interpreten hat sie nicht geschlafen. Die Folge ist eine immer grössere Gleichschaltung der Musik und eine gesichtlose Masse an Eintages¬stars.

Bastelbogen für Stars

Ein Problem haben alle Labels unabhängig von ihrer Grösse: Sie müssen eine Band bekannt machen. Die einen können mit Werbebudgets helfen. Die anderen bedienen sich mit geschickten Spielen der Hilfe der Medien. Und neuerdings der Hilfe des Internets. Trent Reznor hat für die Promotion des Nine Inch Nails-Albums «Year Zero» USB-Speichersticks an Journalisten und Blogger verschickt und prompt die nötige Aufmerksamkeit erhalten. Noch besser machten es die englischen Shootingstars Arctic Monkeys. Sie sollen angeblich nur dank Blogs eine grosse Fangemeinde aufgebaut haben und so in ausverkauften Clubs gespielt haben. Lange bevor sie einen Plattenvetrag in den Händen hielten. Soweit die Legende. Allerdings hat sich das Inter¬net-Märchen später als dreister PR-Coup ent¬puppt. Journalisten haben aufgedeckt, dass das Label der Arctic Monkeys selbst etliche Blogs und Fanforen voll geschrieben hat. Das ganze hinter¬lässt einen mehr als schalen Nachgeschmack. Tobi Müller fragte dazu im «Tages-Anzeiger» vom 23. Mai 2006: «Ist eine im Netz promotete Band die bessere und ehrlichere Band als eine von der Plattenfirma promotete Band, die wiederum promotet, dass sie eine nur im Netz promotete Band verpflichtet?» Die Ant¬wort lautet Nein. Der Sound der Arctic Monkeys, das soll fairerweise erwähnt werden, ist übrigens verdammt gut. Die schreiben sehr gelungene Rocksongs.

Die Geschichte vom Internet als Hitmacher bestritt der Labelbetreiber und Musiker Smudo (Die Fantastischen Vier) im Februar 2000. In einem Interview mit der «Zeit» auf den Werbe¬effekt des Internets für neue Bands angesprochen, sagte er: «Du vergisst dabei das Marketing. Wie soll ein potentieller Käufer einer Band wissen, dass es diese Musik überhaupt gibt? Nur Marketing informiert ihn darüber.» Dabei könnte auch die Mund-zu-Mund-Propaganda, gerade durch die rasche Verbreitung im Internet, beste Werbung für ein neues Produkt machen. Doch das geht mit einem Kontrollverlust für die Labels einher. Das ist offenbar nicht erwünscht. Die Wirkung des Marketings soll messbar sein.
Eine geballte Ladung Marketing lässt die Unter¬haltungs¬industrie in den so genannten Casting-Shows auf die Konsumenten los. Was in den USA mit Kelly Clarkson wunderbar funktionierte, nämlich einen internationalen Topseller aus der Masse herauszupicken, ist im deutschsprachigen Raum immer wieder gescheitert. Clarkson hat den Sprung vom One-Hit-Wonder aus American Idol zum Star geschafft: Sie erreichte mehrere Top-Ten-Platzierungen und wurde sogar mit zwei Grammys ausgezeichnet. In der Schweiz ist da¬ge¬gen der Versuch mit den – notabene vom Publikum gewählten – MusicStar-Gewinnerinnen Carmen Fenk und Salome Clausen bös missraten. Zwar hatten die beiden Sängerinnen mit ihren je¬weils ersten Alben Achtungserfolge, kamen an die Spitze der Charts und auf über 20'000 verkaufte Einheiten. Nur blieb dennoch das ganz grosse Geschäft aus. Nicht erstaunlich, zogen sich beide bald wieder aus dem Showbusiness zurück. Bei Carmen Fenk hiess es in der Medienmitteilung, sie habe sich von ihrer Plattenfirma Universal getrennt. Als ob die Rheintaler Wuchtbrumme von sich aus, aus dem Vertrag mit dem grössten Player im Business aus¬steigen könnte. Die Walliser Friseuse Salome zog sich aus Frustration und Enttäuschung aus dem Geschäft zurück. Nicht einmal ein Auftritt am Open Air Gampel, ihrem Wohnort, wurde ihr zu¬gestanden. Die Band habe zuwenig Erfahrung für eine grosse Bühne, begründeten die Veranstalter erstaunlich ehrlich die Absage.
Das Label dürfte in beiden Fällen froh gewesen sein über das vorzeitige Ende. Denn trotz Charts¬er¬folgen ihrer Debuts war die Halbwertszeit der Sängerinnen schon abgelaufen. Für ein zweites Album hätte man nicht mehr auf die gratis Werbetrommel einer erfolgreichen TV-Sendung zählen können. Der finanzielle Aufwand wäre be¬trächtlich grösser geworden, der Break-Even wesent¬lich höher gelegen. Dagegen erzielt Baschi bis heute beachtliche Erfolge. Und auch Daniel Kandlbauer ist immer noch im Showgeschäft. Sie waren beide bei der ersten Folge von MusicStar im Schweizer Fernsehen dabei. Aber beide backen kleinere Brötchen. Be¬zeichnend, dass diese beiden vom Publikum aus der Sendung gewählt wurden, nun aber offenbar bei den gleichen Leuten Erfolg haben. Dessen un¬geachtet setzte das Schweizer Fernsehen – diesmal unter Mithilfe von Sony BMG – die Casting-Show fort. Die dritte Gewinnerin, Fabienne Louves, wird wohl nicht einmal den kurzen Erfolg ihrer Vorgängerinnen erreichen. Ihr Album erweist sich als Flop, die Radiostationen spielen ihre Musik nicht.

Selbst im Millionmarkt Deutschland funktio¬nierte das Modell nur bei der ersten Band. Die No Angels, im Jahr 2000 vom Privatsender RTL2 ge¬formt, verkauften in den drei Jahren ihres Be¬stehens rund fünf Millionen Platten. Doch für die von Publikum und Jury gecasteten Nachfolger ging die Rechnung nicht mehr auf. Das scheinbar sichere Erfolgsrezept zahlte sich mit Deutschland sucht den Superstar nicht mehr in solchen Dimen¬sionen aus. Obwohl in Deutschland der Markt we¬sent¬lich grösser ist und man auch in der Schweiz und Österreich auf den Schwachsinn reinfällt – was in der Gegenrichtung eigentlich fast nie der Fall ist. Doch auch die deutschen Ge¬winner ver¬schwanden schnell wieder aus dem Blickfeld – oder kann sich jemand an Alexander oder Martin Kesici erinnern? Dabei ist das Konzept der Sendungen MusicStar (Schweiz), Superstar, Popstars (Deutschland) oder Starmania (Öster¬reich) genial: Die Käufer wählen in zahlreichen, emotional hochspannenden Sendungen, ihre Stars aus. Sie bestimmen mittels kostenpflichtigem Tele¬fon-Voting, wer gewinnen soll. Im Fall der No Angels durfte das Publikum sogar noch aus drei Band¬namen aussuchen; was im Nachhinein als Beschiss entblösst wurde. Der Name stand schon fest, das Voting war Fake. Es war letztlich auch egal. Die Fans erhielten ihre Lieblingsband. Das Label einen bestens bekannten Hit-Liefe¬ranten. Dass sich das Konzept später nicht mehr be¬währte, überrascht mich nicht: Es wurden zwar durchaus Leute zum Sieger gekürt, die mindestens ein bisschen Talent haben. Doch kaum stand die erste Solo-Platte an, mussten sich die Instantstars durch ein gefälliges 0815-Set singen. Für Jeden etwas, schienen sich die Produzenten zu sagen: Balladen, Rockiges, Blues, Uptempo und so weiter. So konnten sich Salome, Alexander oder wie die Gewinner der Casting-Shows auch immer hiessen, nicht durch Eigenständigkeit profilieren. Ihnen wurden Soundtrack, Image und Look auf¬gepfropft, die sich vor allem durch charakterlose Mittelmässigkeit auszeichneten. Gerade diese Mittelmässigkeit wurde in einer Untersuchung der US-Musikzeitschrift Rolling Stone im Februar 2006 von 49 Prozent aller Befragten kritisiert. Die Leser fühlten sich von der Musikbranche für dumm verkauft, weil ihnen «wenig talentierte Leute» vorgesetzt werden, mit denen nur das schnelle Geld gemacht werden soll. Ähnlich argumentier¬te BMG-Chef Hartwig Masuch 2001: Nicht die Raubkopierer hätten die Branche in die Krise geführt. Sondern die Ideenlosigkeit und Missmanagement der Industrie.
Das Fazit dieser Aussagen lautet kurz und schlecht: Der Kunde fühlt sich verarscht. Dieses Gefühl dürfte mit¬schuldig sein, dass viele Leute ihre Musik auf du¬biosen Kanälen im Internet besorgen, anstatt dafür ihr hart verdientes Geld auszugeben. Nicht dass man mich falsch versteht: Ich finde Musik soll etwas kosten. Ich liebe Musik, mag die Künstler und respektiere ihre Arbeit. Ich habe noch nie Songs von Tauschbörsen auf meinen Computer laden. Ich brenne noch nicht mal eine CD für je¬manden, wenn es um ein kleines Label oder eine noch unbekannte Band handelt. Ich mag den Leuten den Lohn für ihre Arbeit gönnen. Trotz¬dem kann ich die seit Jahren andauernden Klagen der Musikindustrie über die bösen Downloader und schwindenden Umsätze nicht mehr hören. Denn die Krise ist hausgemacht!

Hometaping

Neben dem «Entdecken» neuer Acts machte die Musikindustrie in den vergangenen Jahren vor allem mit mahnenden Worten an die Adresse ihrer Kunden von sich Reden. Dass die Umsätze so stark zurückgingen, lag an die Machenschaften der Fans, die nicht mehr brav die Kassen, sondern Kassetten, CD-Rs und Harddiscs füllten. «Stehlen ist böse», hiess deshalb die Botschaft der Verlage. Schon vor Jahren sollten mit dem Slogan «Home¬taping is killing music» die Kassetten-Kopierer verängstigt werden. Was nicht gelang. Und was auch damals schon die eigentlichen Kunden in den Graubereich der Illegalität rückte. Denn es scheint unbestritten, dass die meisten Leute, die 90 Minuten vor dem Kassettenrekorder sassen und ihre Lieblingsmusik aus dem Radio oder von LPs zusammenkopierten, letztlich ins Fach¬geschäft marschierten und sich mit Musik ein¬deckten. Selbst der deutsche Chef des BMG-Musik¬verlags, Hartwig Masuch, hat 2001 ein¬geräumt: «Kopiert wurde schon immer. Früher auf Kassetten, heute auf Festplatte.» Er selbst habe viel Musik auf Kassetten aufgenommen. Das schade nicht der Musikindustrie, das fördere das Interesse an Musik. Was wiederum zu erhöhten Verkäufen führe. Denn seine Lieblingsmusik wolle man als Original besitzen. Doch die Worte des Profis verhallten ungehört. Im Jahr 2000 startete die deutsche Phonoindustrie eine weitere Offensive im Kampf gegen Raubkopien: «Copy kills Music». Eine Schlagzeile hiess: «10'000 schwarzgebrannte CDs zerstören eine Nachwuchsband.» Für die Kampagne wurden be¬kannte Stars eingespannt. Etwa Smudo, der nicht nur als Künstler vom Schwarz¬brennen betroffen ist, sondern auch als Betreiber seines Labels Four Music. Im Zeit-Interview vom Februar 2000 sagte er: «Tatsache ist, dass heute weniger CDs verkauft werden, als früher. Und Tatsache ist auch, dass diese Entwicklung mit dem Brennen von CDs zusammenhängt. Da¬durch werden Plattenfirmen investitions¬müder.»

Seit 2005 führt die International Federation of the Phonographic Industry, (IFPI) weltweit einen heftigen Kampf gegen Musikpiraterie. Diesmal ging es nicht um Raubkopien im eigentlichen Sinn, sondern um Tauschbörsen. Die meisten funktionieren so, dass man selbst Songs anbieten muss, um andere Songs herunter laden zu können. Die Branche erleidet dadurch zweifellos einen grossen finanziellen Schaden. Denn es steht ausser Frage, dass es sich bei der illegalen Beschaffung von Musik nicht um ein Kavaliersdelikt handelt. Wer Musik liebt, wird den Künstler nicht um seinen verdienten Lohn bringen. Der kritische Fan kann aber durch¬aus unterscheiden: Ein Madonna-Album kann man problemlos auf CD kopieren und verschenken: Der Verlust wird sich für Madonna und ihr Label in Grenzen halten. Wer allerdings die CD einer Alternativ-Band kopiert, betrügt musizieren¬de Kleinverdiener und einen kleinen Verlag und richtet echten Schaden an. Dennoch sollte man die Musikindustrie nicht nur als Opfer der unerlaubten Aktivitäten sehen. Vielmehr trägt sie mit ihrer Geschäftspolitik der letzten Jahre eine gewisse Mitschuld. Das ergab auch die schon erwähnte Rolling-Stone-Umfrage: 75 Prozent der Musikkonsumenten glauben, dass die Musik¬industrie die sinkenden Verkaufszahlen selbst ver¬schuldet. Sie finden die CDs zu teuer und sind der Ansicht, dass die künstlerische Qualität ab¬genommen hat.
Die IFPI spricht von einem Umsatzverlust in der Grössen¬ordnung von 30 Prozent, der durch das Herunterladen von Songs und ganzen Alben in Tauschbörsen entsteht. Das ist wahnsinnig viel. Vergleicht man die weltweiten Umsätze der letzten zehn Jahre wirkt die Zahl noch krasser: 1995 erzielte die Musikindustrie einen Umsatz von 39,4 Milliarden Dollar, 2005 waren es noch rund 31 Milliarden Dollar. Das zeigt also, dass die IFPI einerseits ihre Verluste mit den Zahlen aus den florierenden 1990er Jahr vergleicht. Anderer¬seits scheint es fraglich, ob sich die Nutzer solcher Tauschbörsen soviel Musik kaufen würden (wie sie downloaden), wenn sie denn bezahlt werden müsste. Das ist doch der typische Gratis-Effekt: Beim Essensbuffet laden sich die Leute auch so¬viel auf den Teller wie es geht. Auch wenn der Appetit gar nicht so gross ist. Gerne übersieht die Branche auch, dass nach Einführung der CD viele Musikliebhaber ihre Sammlung nochmals im neuen Format aufbauten und somit eigentlich für ein künstliches Wachstum sorgten. Zudem hat die Musikindustrie mit Einführung der CD für das gleiche Produkt mit einem Schlag fünfzig Prozent mehr Geld verlangt. Logisch, dass die Einnahmen anstiegen. Doch der willkürliche Preisaufschlag mag dann vielleicht ein Grund sein, warum die Kunden «investitions¬müde» wurden. Der Preisdifferenz von der Lang¬spielplatte zur Compact Disc ist bis heute geblieben. Der Konsument muss die teure Entwicklung der CD durch die Elektronik-Konzerne Sony und Philips bis heute mit einem höheren Pries bezahlen. Wobei beide Firmen dank den Patenten und dem Verkauf von Abspielgeräten schon sehr gut verdienten und Sony – mit seinem Musikverlag gleich doppelt abkassiert. Ist da so erstaunlich, dass sich viele Kunden durch die Hintertür bedienen und sich Musik gratis kopieren oder aus dem Netz beziehen?

Vor diesem Hintergrund wirkt die derzeitige Jagd auf Downloader wie eine Kompensation für verpasste Geschäfte. Dass die Branche dabei po¬tentielle Käufer verfolgt und vom juristischen Grundsatz «im Zweifel für den An¬geklagten» absieht und jeder so lange verdächtig ist, bis er das Gegenteil beweist, macht die wütige Aktion nur noch unsympathischer. Denn mit der Digitalisierung der Musik, also mit der Ein¬führung der CD, wurde Musik verlustfrei kopier¬bar. Das wussten auch die Verlage. Und dass sich mit dem Aufkommen des Internets gänzlich neue Vertriebskanäle und Möglichkeiten auftun, hat die Industrie auch mitbekommen – aber verschlafen. Zwar hat man über die neuen Möglichkeiten dis¬kutiert. Aber dann so lange über mögliche Standards und Geschäftsmodelle gestritten, dass branchenfremde Anbieter bereits erfolgreich im Markt waren. Das schönste und ausserordentlich erfolgreiche Beispiel demonstriert Apple mit i¬Tunes und dem iPod. Innerhalb kürzester Zeit etablierte sich die Computerfirma im Musik¬business. Sie ist nicht das einzige branchenfremde Unternehmen, das sich im digitalen Musikmarkt tummelt. Auch der Mobiltelefonriese Nokia will in das Geschäft einsteigen. Dazu kaufte der Konzern für 60 Millionen Dollar den US-Down¬load-Anbieter Loudeye. Nokia verspricht sich von der Verbindung zwischen Mobiltelefon und Sound eine lukrative Einnahmequelle – auch hier scheint die Idee einer monatlichen Gebühr für den Bezug von Musik dahinter zu stecken. Und mit Coca Cola ist ein weiteres globales – und branchenfremdes – Unternehmen im Musikgeschäft tätig. Dass sich an¬gesichts der Konkurrenz von aussen, die Unter¬haltungsindustrie so lange schwer tat mit eigenen bezahlbaren Download-Angeboten, ist nur schwer zu verstehen!
Denn unterdessen beschaffen sich die Kunden im Internet, was die technischen Möglichkeiten anbieten: Nämlich die Sounds ihrer Lieblings¬künstler, schnell einfach, bequem, per Mausklick. Ob gratis oder gegen Gebühr scheint dabei vielen egal. Sie wollen einfach Musik hören. Dass die bösen Räuber auf der Suche nach ihrer Musik im Internet, sei es bei Napster, Kazaa, eDonkey oder wie sie alle heissen, nebenbei auch noch un¬bekannte, neue Bands entdecken, müsste der In¬dustrie eigentlich willkommen sein. Aber offen¬sichtlich will sie die Kontrolle über neue Stars im Markt nicht dem Zufall, respektive den Kunden überlassen. Das glaubt auch der Schwede Rasmus Fleischer, Betreiber des schwedischen Piratenbüros (Piratbyrån), der sich mit dem Urheberrecht im digitalen Zeitalter auseinandersetzt. Er meinte im Interview im Tages-Anzeiger vom 10. Juli 2006: «Der Krieg gegen Tauschbörsen ist ein Krieg um die Vorherrschaft über die Marketing¬mechanismen in der Kulturwirtschaft.»
Tatsächlich hat der Kampf gegen illegale Downloads teilweise groteske Züge angenommen: Der Musikkonzern BMG deckte die Napster-Betreiber mit Milliardenklagen ein. Gleichzeitig verhandelte der Konzernchef Thomas Middlehoff mit dem Napster-Gründer Shawn Fanning. Denn er erkannte in der Tauschbörse eine grosse Chance für seine Firma. Schliesslich tummelten sich hunderttausende potentieller Kunden bei Napster. Middlehoff wollte diese riesige Daten¬bank nutzen und aus der Tauschbörse einen Abonnementsdienst machen. Deswegen steckte der Konzern 80 Million US-Dollar in das Projekt. Welches aber letztendlich nicht zustande kam – da Napster aufgrund der drohenden Milliardenklagen seinen Service abschaltete. Somit waren die Kunden und vor allem die Kundendaten weg. Für die Bertelsmann-Group war aber damit der Flirt im rechtlichen Graubereich der Tauschbörsen nicht vorbei: Universal und andere Musik¬konzerne verklagten den deutschen Verlag auf 17 Milliarden Dollar Schadenersatz für illegale Downloads – viel Geld, wenn man bedenkt, dass der weltweite Umsatz zwischen 1995 und 2005 um 8,4 Milliarden Dollar zurückging. Die Hälfte der eingeklagten Summe! Inzwischen konnte sich Bertelsmann aussergerichtlich mit Branchen¬leader Universal einigen. BMG zahlt «nur» 60 Millionen Dollar für sein Napster-Engagement.
Mit Kazaa hat sich die RIAA (Recording Industry Association of America) geeinigt: Man hat aussergerichtlich einen Vergleich über 115 Millionen Dollar geschlossen. Dafür verpflichtet sich Kazaa, ihre Software nur noch gegen Gebüh¬ren zur Verfügung zu stellen und einen Filter ein¬zubauen, damit die User keine Copyright-ge¬schützten Titel mehr tauschen können. Für die Musikindustrie ist dies ein wichtiger Teilsieg. Immerhin soll die Kazaa-Software laut IFPI weltweit auf rund 239 Millionen Rechnern in¬stalliert sein.
Die plötzlichen Gratis-Angebote der grössten Musikverlage, die aussergerichtlichen Vergleiche in Sachen Tauschbörsen zeigen, dass sich die Branche wohl selbst nicht so sicher ist, dass ihnen durch die Piraterie soviel Marktanteil kaputt gemacht wurde. Napster wiederum, ver¬sucht sich mittlerweile als kostenpflichtiger Musik-Abodienst. Gegen eine Monatsgebühr von umgerechnet rund 15 Franken kann man sich aus ungefähr zwei Millionen Songs so viele Lieder wie man will auf den PC herunterladen. Wer die Musik auf einen portablen Player laden will, zahlt dafür rund 22 Franken. Die Jukebox per Abo spielt das Wunschkonzert aber nur so lange, wie man Abogebühren zahlt. Kündigt man den Service hat der Abonnent auch keinen Zugriff mehr auf die Songs – ausser man kauft sich die Lieder zum Preis von 1.50 Franken das Stück – ein Preis den Apples iTunes vorgegeben und quasi zementiert hat.
Mit den Gratis-Angeboten der grossen Labels will die Industrie den illegalen Tauschbörsen ent¬gegenwirken – und vor allem den etablierten On¬line-Shops Kunden wegschnappen. Ob die Strate¬gie erfolgreich sein wird, muss sich erst noch zei¬gen. Denn auch wenn die Verkaufszahlen von Downloads rasant steigen, machen sie nur einen minimalen Anteil am Geschäft aus. In den USA werden nicht einmal zehn Prozent aller Songs via Download-Shops verkauft. Führend ist nach wie vor die CD. Zudem sind die Lieder aus den Gratis¬shops derzeit nicht auf dem iPod abspielbar. An¬gesichts der riesigen Verbreitung des MP3-Players von Apple (bis Anfang 2007 wurden rund 100 Millionen iPods verkauft) ein massiver Nachteil. Zudem schätzen Ex¬perten den Marktanteil von Apples Inter¬net-Musikladen auf rund 80 Prozent. In den ersten drei Jahren verkaufte iTunes über eine Milliarde Songs. Diese Monopolstellung passt der Musik¬industrie und den Künstlern längst nicht mehr. Die Konzerne möchten gerne mehr am Verkauf der einzelnen Songs verdienen. Doch Apple hat den 99-Cent-Deal erst gerade verlängert. Und auch die Musiker würden gerne besser an der Erfolgs¬geschichte beteiligt werden. Sie sehen bisher in der Regel rund 4,5 Cent (rund 6 Rappen) pro Song. Die Vergütung ist unter anderem deshalb so lächerlich klein, weil die Labels noch Verpackungskosten abziehen! Ein Fall, der in den USA zu zwei Prozessen von Uralt-Bands (Cheap Trick und Allmann Brothers) gegen Sony BMG führte. Steve Albini, Produzent, Ton¬techniker und selbst Musiker bei Shellac, bringt die Download-Diskussion pragmatisch auf den Punkt: «Wenn meine Band einen Song ins Inter¬net stellen würde, würden wir kein Geld dafür verlangen. Das wäre nicht schlimmer, als die paar Cents, die es vom Online-Store dafür geben würde. Und der Vorteil für unsere Fans wäre, dass sie nicht viel dafür zahlen müssen, damit wir fast nichts erhalten.»

Doch es gibt genügend Musiker, die ihre Songs im Internet anbieten wollen. Das Geschäft mit den Online-Musikläden floriert, jährlich werden mehrere hundert Millionen Lieder verkauft und das Wachstum schreitet flott voran. Es wird sich offenbar noch einiges bewegen im Musikmarkt. Dennoch wirken all diese Bestrebungen neue Verkaufskanäle zu erschliessen, sehr hilflos und hoffnungslos spät. Die verzweifelten Versuche der Musikbranche, das Internet als Marktplatz zu nutzen, beschrieb übrigens Tim Renner, Chef von Motor Music und ehemaliger Deutschlandchef von Universal Music, in seinem Buch «Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm – über die Zu¬kunft der Musik- und Medienindustrie» sehr de¬tailliert.
Sowohl die Zerschlagung des bisher wohl grössten und bekanntesten P-2-P-Anbieters Napster wie auch der Aufbau funktionierender Angebote gegen Bezahlung hat nicht viel ge¬bracht. Allen Bemühungen zum Trotz haben sich bisher die Verkaufszahlen nur schwach verbessert. Das wird auch die neuste Jagd auf Fans nicht ändern kön¬nen: Jetzt machen die Schützer des Urheberrechts im Auftrag der Musikfirmen nicht mehr nur Jagd auf die Anbieter, die Songs zum Herunterladen anbieten, jetzt werden auch reine Konsumenten, also jene die sich Songs holen ohne selbst welche anzubieten bestraft. Ob mit diesen Methoden die illegalen Downloads abnehmen darf angezweifelt werden. Es ist ähnlich dem aussichtslosen Kampf gegen Softwarepiraterie.

Besonders tragisch aus Sicht des Musikfans ist, dass sich der Streit um das klanglich miserabelste Produkt dreht. Das datenreduzierte Format MP3 klingt schlecht und der grosse Output immer neuer, angesagter Bands und Instantstars hat auch künstlerisch nicht bessere Musik hervor¬gebracht. Bereits mit dem Formatwechsel von der Vinyl-Schallplatte zur CD ging ein Qualitäts¬verlust einher. Ich spreche nicht von der Klang¬qualität, das gehört für mich ins Reich der Audio-Esoteriker, auch wenn vor allem zu Beginn der CD-Zeit viele Aufnahmen extrem höhenbetont und somit wie klinisch tot tönten. Ich spreche vom Effekt, dass die 74 Minuten Spieldauer, Labels und wohl auch Künstler veranlasst haben, un¬fertige Füllnummern aufzunehmen. Das will eigentlich niemand hören. Genaussowenig wie Hiddentracks witzig sind. Aber es hat halt Platz und offenbar fühlen sich viele Kunden betrogen, wenn die CD nach 30 Minuten fertig ist, Schliess¬lich hat es ja noch viel mehr Platz drauf. Auf einer Langspielplatte sind 30 bis 40 Minuten Musik. Meistens schafften es die Musiker auch nicht, viel mehr gutes Material zusammenzutragen und das war durchaus gut so. Die paar Doppelalben konnten meiner Meinung nach nicht das Gegenteil beweisen.
Lustig ist in diesem Zusam¬men¬hang, dass die Musikbranche Ende der 1980er-Jahre, als sich die CD etabliert hatte, den Tod der Vinylplatte prophezeite. Jetzt wird der Untergang der CD heruafbeschworen. Aber in¬zwischen kaufen wieder sehr viele Leute die grossen schwarzen Scheiben. Und auch die ekligen Silberscheiben werden sich halten.

Hitresistent
Bei vielen der vorher beschriebenen Machen¬schaften geht es um den lukrativen Markt mit Mainstream-Musik. Mit Madonna, U2 und Robbie Williams wird viel Geld verdient. Natürlich werden auch mit so genannter Alternativ-Music Millionen gemacht. Doch ist der Werbeaufwand in diesem Bereich vergleichsweise bescheiden. Umso spannender, dass es dennoch so viele hit¬resistente Freaks gibt, die sich ausschliesslich an den Rändern des Riesengeschäfts bewegen, dabei einen sehr eigenständigen Musikgeschmack ent¬wickelt haben und sich offenbar auch sonst durch alternative Lebensweisen auszeichnen. Sie müssen sich im Gegensatz zum 50-Cent-Fan die Informationen über Neuheiten ihrer Lieblings¬bands in speziellen Magazinen oder Internetforen suchen. Es wird weder in der Tagespresse noch in der TV-Werbung gross darüber berichtet, Rundfunk und Fernsehen nehmen sich nur minimal diesen Sparten an. Trotzdem wird auch diese Musik ge¬kauft. Es liegt auf der Hand warum: Weil die Käufer Fans sind. Für sie ist Musik nicht süsse Berieselung im Hintergrund. Für sie ist Musik der Taktgeber des Alltags, der Rhythmus ihres Lebens. Vielfach schlägt nicht nur ihr Herz in einer anderen Frequenz, auch sonst ticken sie anders und lassen sich durch den Takt von Trends nicht beeinflussen. Der Begriff Fan leitet sich ja von Fanatisch ab. Tatsächlich haben viele Musik¬liebhaber etwas Fanatisches wenn es um ihren Sound geht.

Diese unterschiedlichen Arten der Kommuni¬kation und Konsumation sind auch Hintergrund einer wissenschaftlichen Untersuchung. US-Forscher wollten herausfinden, wie ein Hit entsteht. Dazu stellten sie 48 unbekannte Songs von mehr oder weniger unbekannten Bands auf einer Web¬site zum Download bereit. 14'000 junge Test¬personen konnten sich die Songs herunterladen. Rund die Hälfte der Probanden sah dabei, wie oft ein be¬stimmter Song abgeholt, respektive gehört worden war. Die anderen Teilnehmer hatten dieses Wissen nicht und mussten sich einzig auf ihren persönlichen Geschmack ver¬lassen.
Das Resultat war wenig überraschend: Die In¬formation über die Häufigkeit der Downloads be¬einflusste das «Kaufverhalten» der Testpersonen. Songs, die schon oftmals herunter geladen wurden, wurden noch populärer. Unpopuläre Songs rutschten immer weiter hinunter. Die Wissen¬schaftler kamen zum Schluss, dass nicht die Qualität eines Songs über sein Hitpotential entscheidet, sondern die Meinung der anderen. Ganz nach dem Motto: «Was andere gut finden, kann nicht schlecht sein». Damit ist nun auch wissenschaftlich erklärt, was ich schon lange vermutete: Der Konsument folgt blind dem Lauf der Masse. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass uns «Schnappi, das kleine Krokodil» und ähnlicher Müll um die Ohren gehauen wird.

How it all started

«I hope you like listening to music made for girls...», singt Jon Chapple von Shooting At Unarmed Men in «Girls Music». Ein guter Song, ein witziger Text, der sich über Mädchenmusik lustig macht. Zufällig entdeckt und nun fest in meinem Kopf. Zudem ist es eine schöne Songzeile, die beweist, dass mit gewissen Musik¬stilen, bestimmte Eigenschaften verbunden werden. Ich mag ja Mädchenmusik nicht. Doch darauf komme ich später zurück. Mag sein, dass auch «The Beat goes on» von Sonny & Cher als Mädchenmusik gilt. Das ist mir hingegen egal, denn damit landeten die beiden im meinem Geburtsjahr 1967 einen Hit und ich glaube fast, dass mich dieser Song unbewusst geprägt hat. Denn schon als ganz kleiner Junge packte mich der Musikvirus und der Beat stampft bis heute munter weiter. Deshalb mümmen nun von Arab Strap bis Frank Zappa die verschiedensten Bands aus meine alten Lautsprechern und ich stell mir wieder öfters mal vor, wie ich das spielen würde. Der schleppende, dunkle Sound lullt mich ein. Was es ist, hängt immer von meiner Stimmung ab. Es muss aber immer intensive Musik sein. Das sind die Momente, in denen der Sound auf jede Pore meines Körpers wirkt, meine Sinne vernebelt. Musik kann durchaus erotisch sein. Gute Musik ist Sex.
Schon das Beschaffen neuer Klänge ist aufregend. Obwohl die Handlung dazu längst Routine ist, stellt sich immer wieder unsicherheit ein: Finde ich, was ich suche? Entdecke ich gar eine neue Band? Ich mag Plattenläden. Ich mag die Ordnung, die Stapel und die Nerds an der Theke. Jeder laden hat eine eigene Logik, doch die guten Läden bieten dem Kunden eine ganze Fülle an akustischen und visuellen Reizen. Eine Wand voller LPs ist einfach ein geiles Bild und das sieht man nur beim kleinen Händler. In Online-Stores oder im Supermarkt geht das völlig verloren. Doch mit meiner Vorliebe für die Tante-Emma-Läden der Musikbranche gehöre ich wohl zu einer aussterbenden Spezies. Eigentlich müsste ich alleine für dieses Verhalten Fördergeld von irgendeiner Kulturstiftung erhalten; ich würde damit sofort neue CDs kaufen.
Die Jagd nach neuer Musik ist eine Sucht. Eine angenehme Sucht, leicht zu befriedigen: Es braucht ein bisschen Zeit, etwas Geduld und Geld. Habe ich eine Auswahl zusammen, packe ich den Stapel LPs oder CDs und gehe zur Abhörstation. Manchmal nehme ich einfach Alben aus dem Regal, weil mich das Cover anspricht. Dabei muss ich immer an Bo Diddleys Hit «You can’t judge a Book by looking at its cover» denken. Denn oft genug haben gute Alben potthässliche Hüllen. Egal, ich kaufe sie dann trotzdem. In die getroffene Auswahl höre ich kurz rein. Das reicht. Der erste Eindruck zählt. Gefällt es mir dann nicht, gefällt es mir in der Regel nie. Es können kleine Details sein, die mich stören: Die Stimme des Sängers, der Klang der Produktion. Es gibt natürlich auch Schallplatten, an die ich mich erst gewöhnen muss. Aber auch diese picke ich in der Regel treffsicher aus dem grossen Angebot. Und gerade sie wachsen oftmals zu ganz besonders heiss geliebten Werken heran. Finch war so eine Band. Zwar war ich beim ersten Reinhören sofort angetan, aber noch nicht Feuer und Flamme. Inzwischen gehört die Band zu meinen absoluten Topfavoriten. Dummerweise haben sie sich, kaum entdeckt, schon wieder auf¬gelöst. So muss ich mit den drei Alben der Band begnügen – wobei eigentlich nur das letzte «Say Hello To Sunshine» richtig geil ist.
Es gibt ein paar wenige Bands und Künstler, deren Aufnahmen ich ohne Anhören kaufe. Zwar landet so ab und zu eine Enttäuschung in meinem Ge¬stell. Aber dort regiert halt der Sammler in mir. Mit den Neuerwerbungen geht’s ab nach Hause. Beim ersten Durchgang laufen sie neben¬bei, zum Putzen, Kochen, Aufräumen. Trotzdem setzen sich bereits einzelne Fragmente im Gehirn fest. Später höre ich mir die neuen Platten konzentriert an: Genau hinhören, geniessen, staunen oder auch ärgern und langweilen. Es kann ein ganzer Song sein, es können auch nur einige Takte sein, die mich fesseln. Es sind diese Stellen, die sich un¬auslöschlich einprägen, sich untrennbar mit Erlebtem verschmelzen oder in mir bestimmte Gefühle wach rufen. Selbst nach langer Abstinenz reicht schon der Anblick des Plattencovers, um diesen Film wieder abzuspielen. Halte ich zum Beispiel «Wrong» von NoMeansNo in den Händen, glaube ich fast den druckvollen Sound der Band zu spüren, mit dem sie sich am Konzert der gleichnamigen Tour in der Roten Fabrik in meine ewige Bestenliste spielte. Ich kann mich sogar an den Abend vor dem Konzert erinnern, als ich der meiner Küche sass und das Interview mit Rob Wright im Sounds auf DRS3 hörte.

Genau erinnern kann ich mich auch an meine erste eigene Langspielplatte: «Folsom Prison Blues» von Johnny Cash. Es ist eine Nachpressung des 1969er Albums auf Hall¬mark Records/Pickwick mit dem stolzen Vermerk drauf, dass die Aufnahmen mit «Electronically Created Stereo» zu neuer Klangqualität auf¬gemotzt wurden. Blues lief manchmal im Radio und Gefängnis tönte gefährlich und aufregend. Nach ein¬dringlicher Zwängerei im Laden gaben die Eltern nach und ich hatte meine erste eigene LP. Dass die Johnny Cash Scheibe trotz des Titelnamens mit dem Blues, den ich zu kennen glaubte, nichts gemein hatte, stellte ich dann relativ ernüchtert fest. Dennoch gefielen mir die Lieder. Vor allem die dunkle Stimme des Sängers hatte eine auf¬regende und gleichzeitig beruhigende Wirkung. Und der Boom-Chicka-Boom-Sound swingte brutal. Auch wenn ich das zu dieser Zeit kaum so hätte ausdrücken können. Überhaupt Blues. Dieser simple Stil gefiel mir von Anfang an, gefällt mir auch heute noch. Als ich mit 16 meine Ausbildung zum Hochbauzeichner anfing, ar¬beitete dort auch Mauro Grossud. Ein Gitarrist und Musikliebhaber, der damals bei Food Shop, einer Bluesband, Gitarre spielte und mit mir immer wieder über Musik und Bands sprach. Mit Mauro hatte ich auch später öfters Kontakt. Den eingefleischten Beatles- und Elvis-Kenner schätzte ich lange Zeit als musikalisch konservativ ein. Das war grundfalsch. Jetzt ist der Zeitpunkt mich für meine stillen Ge¬danken zu schämen und ihm zu danken. Denn der Mann hat eine riesige Ahnung von Musik und ich konnte einige Male davon profitieren.

Die Johnny-Cash-Platte liebte sich so sehr, dass strenge Hausregeln aufgestellt werden mussten, wann ich sie auf Vaters geheiligte Kompaktanlage legen durfte. Mit dieser LP war der Anfang gemacht. Von da an durfte ich Papa Regelmässig in den Schallplattenladen begleiten und mir eine Single aussuchen. Die Sucht konnte also mit elterlicher Unterstützung ihren Anfang nehmen. Dabei kaufte ich wild durcheinander. Smokie, Sweet, Uriah Heep und Nazareth waren angesagt. Und natürlich Status Quo. Diese Band liebte ich, Francis Rossi und Rick Parfitt waren meine Helden und das Live-Doppelalbum, auf¬genommen im Oktober 1976 im Apollo-Theatre, Glasgow, war lange Zeit meine absolute Lieblings¬platte. Ich hatte sie so oft angehört, dass ich die Hülle später mit Klebeband flicken musste. Beim Bruder konnte ich Creedence Clearwater Revival, Bob Seeger & the Silver Bullet Band und Bruce Springsteen, bei der Schwester eher Cat Stevens oder Abba auf¬schnappen. Zu meinen Geschwistern muss ich an¬fügen, dass sie nicht im gleichen Haushalt auf¬gewachsen sind, also meine musikalische Ent¬wicklung nur sehr unwesentlich beeinflusst haben.

Mit dem steten Ausbau meiner Musiksammlung wurde den sonst sehr geduldigen Eltern die Dauer-Besetzung ihrer Stereoanlage zuviel. Der Junior erhielt ein eigenes Gerät mit Kopfhörer – denn ich hörte aus Sicht des Vaters die «Yeah-Yeah-Musik» viel zu laut. Doch das ungestörte Hörerlebnis war pädagogisch un¬geschickt. Denn ich hatte auch Radio und konnte somit Nächtens stundenlang die Sender nach Rockmusik absuchen, ohne dass dies bemerkt wurde. Zu dieser Zeit war das Radio noch von öffentlich-rechtlichen Sendern besetzt, DRS3 gab’s erst ab 1983. Vor allem das private RTL aus Luxemburg oder die dritte Kette des Südwest¬funks SWR3 erfreuten den heranwachsenden Pop¬fan mit ihren Programmen. Von den dortigen Sendungen schnitt ich stundenlang auf Kassetten mit. Immer wieder landeten Schnipsel von An¬moderation oder schlimmer noch Verkehrs¬durchsagen auf dem Tape. Doch das war egal: Die Kassetten waren ein wichtiger Begleiter in meiner Jugend. Aber irgendwann landeten die Dinger auf dem Estrich, bis ich sie mal entnervt beim x-ten Umzug innerhalb von wenigen Jahren entsorgte. Schade, da habe ich ein Stück Lebensgeschichte entsorgt. Besonders doof ist es dann, wenn man sich an einen Song erinnert und dann verzweifelt die eigene Sammlung durchsucht – bis man irgendwann entnervt feststellt, dass die LP oder die Kasette eben nicht mehr da ist.

Scheissmusik

Durch den gesteigerten Musikkonsum lernte ich schnell zwischen «guten» und «schlechten» Songs zu unterscheiden. Was aber nicht heisst, dass ich nur gute Musik besitze – ich habe etliche schlechte Alben rumstehen, die ich mir mal aus einer Laune heraus gekauft habe. Und ich mir gefällt auch Sound, den ich mir trotzdem nicht kaufen würde. Man mag beispielsweise REM für eine unmöglich blöde Band halten. Ihre Songs sind recht gut. Trotzdem besitze ich keinen Ton von davon. Dafür habe ich mir in einer komischen Laune Madonnas «Ray of Light» gekauft. Dabei steh eigentlich bloss auf ihren durchtrainierten Hintern. Ihre Musik ist mir ziemlich egal. Aber man muss ihr zugestehen, dass sie sich immer an den gerade angesagten Trends und Produzenten orientiert und darum seit 20 Jahren völlig zu Recht Hits schreibt. Denn sie macht wesentlich bessere Songs, als 90 Prozent der untalentierten One-Hit-Wonders, die den ganzen Tag im Radio gespielt werden.
Ich habe auch weder eine Beatles-Platte noch etwas von Jimi Hendrix oder was selbsternannte Musikex¬perten sonst noch als bahnbrechend, wichtig und absolutes Must-Have bezeichnen (Ganz schlimm die Rolling-Stone-Top-100). Es war und ist mir schlicht egal. Ich wurde in dem Jahr ge¬boren, als die Beatles das Konzeptalbum «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» veröffentlichten. Und wenn mir nun gleichaltrige Menschen erklären, dass diese Platte so wahnsinnig wichtig für sie ist, dann reden sie Blödsinn oder sie haben ganz einfach in ihrer Jugend zuviel zurückgeschaut. Ich bin ohne den Pop der vier Liverpooler gross ge¬worden und habe trotzdem einen einigermassen guten und breiten Musikgeschmack. Ich schau und hör mir einfach lieber das Hier und Jetzt an, als die Vergangenheit zu verklären. Wobei mir klar ist, dass es auch in der Musik ohne Vergangenheit keine Zukunft gibt. Es reicht wenn ich die Sounds von früher kenne, ich muss sie nicht auch noch sammeln.
Aber es ist nicht so, dass ich keine «alte» Musik höre. Ich stand schon sehr bald auf spezielle Klänge. Ich mochte Jazz schon als junger Mensch. Auf DRS2 wurden viele Konzerte vom Montreux Jazz Festival übertragen. Das gefiel mir immer sehr gut. Wobei dies vielleicht auch am Konzert¬erlebnis gelegen hat. Denn dies ist ein Reflex, der noch heute anhält: Sobald ich Live-Musik höre, kippt ein Schalter um. Ich bin elektrisiert, fasziniert und gefesselt. Spielt die Band schlecht oder ist der Sound scheisse, laufe ich meistens davon. Denn das Leben ist wirklich zu kurz, um schlechte Musik zu hören.
Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb mich Konzerte so faszinieren, warum ich es mag, in¬mitten von fremden Leuten zu stehen, vor mir ein Zweimetermann, nebendran ein verschwitzter Körper oder Dauerschwätzer und trotzdem macht es Spass. Die Be¬geisterung für Konzerte hat vielleicht mit meiner Faszination für Bauarbeiter zu tun. Als kleiner Junge konnte ich stundenlang an Baustellen stehen und zuschauen. Musiker, die auf der Bühne schwitzen, rennen, leiden, eben arbeiten, kann man ganz gut mit Bauarbeitern vergleichen. Es macht mir Spass, Arbeitern auf die Finger zu schauen und zu spüren, dass mit An¬strengung und Spass etwas Gewaltiges entsteht. Bei klassischen Konzerten stellt sich die Faszination des Zuschauens bei der Arbeit auch nicht ein. Ob¬schon ich durchaus weiss, mit welcher Hingabe die Musikerinnen und Musiker im Orchester¬graben zu Werke gehen. Irgendwie fehlt der Schweiss, oder der Dreck, wie der ehemalige Krokus-Bassist und jetzige Produzent Chris von Rohr sagen würde. Dieser mag zwar etwas durch¬geknallt sein. Der Job als Jury-Mitglied bei «Music¬Star» hat sicherlich auch nicht zur Ver¬besserung seines Rufs beigetragen. Dennoch attestiere ich von Rohr sehr hohe musikalische Kompetenz. Was mir ein bisschen schwer fällt, zumal ich dem Mann einmal begegnet bin: In dem Laden in Langenthal, in dem ich mit meiner damaligen Freundin Klamotten nähte und Platten verkaufte. Dorthin kam von Rohr mal mit einem bodenlangen Ledermantel und wollte Fellstücke und so Zeug drauf appliziert haben. Bei dieser Gelegenheit hat er es auch nicht versäumt, seine Erlebnisse mit Krokus sehr blumig zu schildern zu erzählen. Es war recht amüsant, aber irgendwie wirkte der Mann ziemlich blasiert. Und seine Sprache war schon damals von vielen Anglizismen durchsetzt, was ich bis heute über¬haupt nicht «cool» finde. Bei niemandem. Wenn man aber den sehr guten Film «Krokus – As long as we live» von Reto Caduff und Hannes Hug gesehen hat, versteht man auch von Rohrs ab¬gehobenen Rückblick. Denn die Band war damals wirklich extrem erfolgreich. Das darf Solothurner Jungs schon ein wenig abheben lassen.

Richtungweisend in Sachen Sounds war für mich das bereits erwähnte Album «New Boots & Panties» (1977) von Ian Dury. Ein Jugendfreund schleppte die LP mit dem geilen Song «Sex & Drugs & Rock’n’roll» an. Diese Musik hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Ian Dury vereinte alles Leidende, Spöttische, Böse. Das begeisterte mich. Sein Cockney-Akzent untermalte die Texte wunder¬bar, seine Band knallte die Songs mit Kraft und Lässigkeit hin. Kurz: Dieses Vinyl atmete Leben. Zudem war es definitiv ein Stil, den auch mein musikalisch vorbelasteter Vater nicht mehr gutheissen konnte. Ich konnte mich zu einer selbständigen Persönlichkeit entwickeln.
Insofern hatte ich Mitleid mit der Techno-Generatio¬n. Die wollte sich über abstrakte, auf den blossen Rhythmus reduzierte Sounds, Piercings und Partydrogen abgrenzen, stiess aber allzu oft auf sehr verständnisvolle Eltern, die in ihrer Hippiezeit selbst mit diversen Substanzen ex¬perimentiert und sich die Nächte zu psychedelischer Musik um die Ohren gehauen hatten. Ich hatte mal das Vergnügen, zwei Hippies kennen zu lernen, die in den 1980er-Jahren jeweils den Winter im indischen Goa verbracht und dort wilde Techno-Partys gefeiert hatten. Das war noch zu einer Zeit, als Bands wie Cabaret Voltaire, Nitzer Ebb oder Front 242 Techno spielten oder Electronic Body Music, wie man das auch nennt. Mit dem heutigen Housegedudel hat dieser Sound nur sehr wenig gemein. Die Vor¬stellung, wie Hippies mit dem kalten Industrie¬krach die Strände des Tropenparadieses be¬schallten, ist reichlich komisch. Fast so komisch wie die Idee der vergangenen Techno-Generation, mit Metall im Gesicht die Eltern erschrecken zu wollen. Doch der Schock ging in die Hose und Mama ins Piercingstudio, weil sie das irgendwie auch noch lässig fand. Die Folge sind gepiercte und tätowierte Menschen mittleren Alters, die irgendwie deplaziert wirken.
Da hatte ich es bedeutend einfacher. Mit meinem Taschengeld rannte ich ins Warenhaus und kaufte mir die Ian-Dury-LP. Eine Platte, die noch heute zu den liebsten Stücken meiner Sammlung gehört. Auch wenn ich den grossen Rest von Durys Werk nicht so toll finde. Als ich dann wenig später die Sex-Pistols-Scheibe «Never mind the Bollocks» hörte, war’s definitv um mich geschehen. Dieses rohe, un¬gehobelte, wilde Punkding packte mich voll und ganz. Es reichte nicht mehr, nur diese Musik zu hören, ich wollte dieses rohe Gefühl leben. Lustigerweise ging es vielen anderen Menschen meiner Generation genau so. Punk schien sie aus ihrer heilen Welt herauszureissen. Es war der endgültige Befreiungsschlag, um einen eigene Weg zu gehen. Schaut man zurück, ist es erstaunlich, wie nachhaltig der Einfluss von Punkrock auf zahlreiche Menschen ist. Dass es sich dabei nicht um eine kurze Modeerscheinung handelte, zeigen die Biografien dieser Leute. Punk ist eine Geisteshaltung. Bei mir wirkte der Pistols-Schock sehr rasch auf alle Beriche meines Lebens. Zuerts auf mein Äusseres: War ich vorher ein unscheinbarer Durch¬schnitts-Teenager, suchte ich nun die Provokation auch über meinen Style. Ich experimentierte mit Kleidung und Haaren und hatte aus heutiger Sicht un¬säglich beschissene Frisuren. Dies wurde zwar im Elternhaus toleriert. In der Schule und später am Arbeitsplatz eher nicht. Dort gab es teilweise ziemlichen Ärger und sehr wenig Verständnis. Im Büro durfte ich etwa keinen Kundenkontakt mehr haben. Das prägte schliesslich auch meinen Charakter.

Suchlauf

Die logische musikalische Fortsetzung auf Sex Pistols wären dann wohl The Clash, Ramones, Stooges und Co. gewesen. Doch zum Punk kam ich erst später wieder. Auf dem Land war’s einerseits schwieriger an diesen Sound zu kommen, da die lokalen Musikhändler damit nichts anfangen konnten. Dort hörten die Menschen lieber das Zeug, das in der Hitparade war oder Rock und Hardrock. Anderseits machte mir vielleicht auch die Pubertät einen Strich durch die musikalische Weiterentwicklung. Mich packte das Interesse am andern Ge¬schlecht, ich ging an die ersten Partys und mochte plötzlich auch Supertramp, Manfred Mans Earth Band, Foreigner und BAP. Politisch interessiert und ein bisschen radikaler wurde ich erst später wieder.
Es folgte eine Zeit musikalischer Verwirrung, die mir neben Pink Floyd auch Barclay James Harvest, Dire Straits, Michael Jackson und sogar Nena einbrockten, um mal die schlimmsten Aus¬rutscher zu nennen. Pink Floyd waren mit ihrem Album «The Wall» und der Schüler-Frusthymne «Another Brick in the Wall» die Kultband meiner Teenager-Zeit. Auf meiner LP kleben sogar noch Bilder und eine deutsche Übersetzung des Textes auf der Hülle (Ja, ich schäme mich). Dessen ungeachtet tat ich mich mit diesen Sounds auch als DJ hervor. Ent¬standen ist dies aus einer Idee, um Geld in die Klubkasse meines Eishockeyvereins zu be¬kommen. Wir nannten uns Disco Neonsky und machten ein paar Kellerpartys mit Coca Cola, Chips, bunten Lämpchen und eben der angesagten Musik. Dazu malten wir ein grosses Logo auf einen Karton und in der Schreinerei des Vaters eines Kollegen bastelten wir uns sogar ein richtiges DJ-Pult für zwei Platten¬spieler, Kassettendeck und Mischpult. Vom Kassettenspieler wurden dann die Mit¬schnitte von SWR3 eingespielt. Dabei musste ich immer höllisch aufpassen «Lola» von den Kinks rechtzeitig auszublenden. Sonst hätte glatt die «Achtung Falschfahrer...»-Verkehrsdurchsage die Stimmung versaut. Die paar wenigen Partys liefen recht gut. Nicht erstaunlich, denn dazumal gab es so gut wie keine Discos für pubertierende Teenager. So ein Tanz¬abend lief damals nach ziemlich fixen Regeln ab. Zuerst spielte man einen Mix aus Aktuellem und Oldies, halt schnellere Musik zum Tanzen – ganz so wie es heute die dutzendgleichen Privatsender machen. Dann wurde eine Runde Slow-Songs von Santanas «Samba Pa Ti» über Pink Floyd oder das unvermeidliche «Angie» von den Rolling Stones gespielt. Bei diesen Nummern war die Tanzfläche immer brechend voll. Teenager tasteten sich vorsichtig an das andere Geschlecht. Es wurde eng umschlungen getanzt und da und dort auch ein bisschen geschmust. Wer damals nicht zum Tanzen geholt wurde, hat es wohl noch heute schwer im Leben. Ich hatte Glück. Als DJ genoss ich gewisse Vorteile und so durfte ich die ersten zarten Versuche der Liebe erleben. Die Erinnerungen daran, sind natürlich von Musik ge¬prägt. Einmal hatte ich mich gerade vor meinem ersten Badeurlaub an der Adria in eine Mit¬schülerin verknallt. Ich kann mich zwar noch knapp erinnern, wie sie ausgehen hat, aber ich weiss noch genau, welche Musik eine Rolle spielte: Sie begleitete mich zum lokalen Schallplattenhändler, als ich mir die Bob-Dylan-Single «Heart of Mine» kaufte. Und dann hab ich mir in Italien wegen dem Song «In the Air Tonight» eine Kassette von Phil Collins gekauft und beim Anhören einen Brief an sie geschrieben. Nach dem Urlaub machte ich Schluss. Doch damit hatte die Musik nichts zu tun.

Nach meinen ersten DJ-Erfahrungen wurde ich von einer Wanderdisko – so nannte man damals auf dem Land die Diskotheken, die regel¬mässig in einem anderen Saal gastierten – engagiert. Es gab kein Geld als Gage. Es war viel besser: «DJ Zueli» (wie ich mich nannte) durfte im lokalen Plattenladen einfach die Scheiben holen, die er für seine Sets im Poseidon brauchte. Ich war im Paradies, holte mir die neusten Singles und LPs und legte mir einen ganzen Back-Katalog zu: Queen, Rolling Stones, Santana aber auch Oldies wie Ram Jams «Black Betty» oder «Nutbush City Limits» von Ike & Tina Turner. Dummerweise musste ich später einen Teil der Gage, also der LPs, wieder abgeben, als mir die pöbelnden Hobby¬rocker im Poseidon zu dumm wurden. Meine Aufgabe wäre nämlich gewesen, die Jeans¬kutten auf Michael Jackson und Co. zu trimmen; halt die aktuelle Disco-Welle in der Wanderdisko einzuführen. Doch die Besucher wollten lieber Bier saufend zu Queens «We will Rock you» mitgrölen oder Luftgitarre spielend zu Foreigner oder AC/DC feiern.
Als musikalischer Rettungsanker kam rechtzeitig die Neue Deutsche Welle auf. Dabei konnten mir Extrabreit oder Hubert Kah weniger Freude ent¬locken als etwa Ideal, Fehlfarben oder DAF. Wenn man «Tanz den Mussolini, tanz den Adolf Hitler» grölend durch die Schule rannte, fühlte man sich eben schon ziemlich cool. Auch die Schweizer Musikszene erwachte. Grauzone fand ich super, oder die ganzen Zürcher Punkbands. Und natürlich mochte ich die frühen Toten Hosen oder Die Ärzte. Damit hätte ich aber den Mob in den Landgasthöfen endgültig verärgert. Mir machte das hingegen viel Spass: Dieser Sound war ruppig, näher am Punk. Gleichzeitig spülte es von Grossbritannien den New Wave auf meinen Plattenspieler. Dieser komische Mix aus The Cure, Siouxsie & The Banshees, Alien Sex Fiend oder Andi Sex Gang, Stranglers und Damned und eigentlichen Pop-Bands wie A Flock of Seagulls, Duran Duran, die ganz frühen Simple Minds und Blancmange mischten nicht nur meinen Musikgeschmack ordentlich durcheinander. Auch das modische Erscheinungs¬bild des heranwachsenden Fans wurde einmal mehr arg geschüttelt. Trotzdem motzten die Eltern weiterhin nie, sie liessen mich machen. Jetzt war ich wieder zurück bei Punk & Co. Von diesem Moment an, blieb ich dabei.

Mit diesem erneuten Wandel in Sachen Musik erwachte auch mein politisches Bewusstsein: Vom sozialdemokratisch und gewerkschaftlich geprägten Elternhaus war ich schon links vor¬belastet. Doch nun waren mein Sound und meine Erscheinung so gegen die vorherrschende Meinung, dass ich mich in der Kleinstadt auch sonst von der Masse abheben wollte. Ich war gegen alles, was die Mehrheit gut fand und ich konnte, zumindest für mich, auch begründen weshalb. Irgendwie half es ungemein mit angelesenem Halbwissen und starker Über¬zeugungskraft, den «Normalen» entgegenzutreten. Mittlerweile war ich knapp 18 und veriente genug Geld, um endlich so viele Platten zu kaufen, wie ich wollte. Dies verschaffte mir zusätzliche Distanz zur Norm. Zudem wurde ich zunehmend mobiler und befriedigte meine Musik¬sucht in Bern und vor allem in Zürich. Zusätzlich kam mir auch zu Hilfe, dass ich zeitweise bei einem Kumpel in seinem Schallplattenladen Inside Records aushalf: Das heisst eigentlich war das Geschäft ganz einfach am gleichen Ort wie der Kleidershop, den ich mit meiner damaligen Freundin neben meiner Ausbildung betrieb. Mitte der 80er-Jahre gab es nur wenige Läden in Zürich oder Bern, wo man sich geile Klamotten kaufen konnte. Also nähten wir selbst T-Shirts und Pullis, veränderten Hosen oder pilgerten nach London, um dort kistenweise Kleider einzukaufen und in die Schweiz zu schicken.
Wirtschaftlich war das alles zwar kein Erfolg, doch musikalisch hatte ich voll gewonnen. Der Besitzer des Musikladens lag stilmässig genau auf meiner Linie. Ich konnte also ungeheuer viel Musik hören. Einzelne Aufnahmen, Bad Brains und dann die erste Young Gods, ebneten den Weg zu meiner Vorliebe für härtere Sachen. Heavy Metal war aber damals ausgeschlossen. Meiner Meinung nach hörten wirklich nur komische Typen die Kreischgitarren langhaariger Legginsträger. Ich arbeitete mit einem jungen Typen zusammen, der extrem auf Celtic Frost stand. Ich fand das damals scheisse (im Gegensatz zu jetzt: Die neuste Cetlic Frost «Monotheist» halte ich für eine verdammt gute Scheibe). Wir waren Punks, Solos in Songs waren verpönt. Schnoddrig hingerotzt musste es klingen. Auch der aufkommende Skaterpunk oder als was auch immer die Teeanger Suicidal Tendencies und Konsorten bezeichneten, liess mich vorerst kalt. Die Begeisterung für Slayer oder Metallica kam erst viel später.
Damals mochte ich The Clash, die sich wunder¬bar in meine politische Phase einfügten, oder Angelic Upstarts, UK Subs, Three Jons, The Fall und ich liebte Sex Pistols und PIL über alles. Eine Zeit lang habe ich jeden Schnipsel über John Lydon alias Johnny Rotten gesammelt. Ich habe mir jeden Bootleg und sogar Radiointerviews auf Vinyl besorgt. Mindestens zwei Mal im Jahr zog ich durch London auf der Suche nach neuen Sounds. Zu dieser Zeit entdeckte ich für mich immer wieder neue Bands. Zum Beispiel Black Flag oder Hüsker Dü. Und natürlich die radikalen Dead Kennedys mit dem nach wie vor äusserst engagierten Jello Biafra. Er liegt mit seinen ehemaligen Bandmitgliedern von Dead Kennedys in einem Rechtsstreit. Sie erwirkten 1998 vor Ge¬richt, dass Biafra alle Songrechte hergeben musste, die dann unter anderem, für Werbung von Dockers-Hosen (aus dem Hause Levis) verwendet wurden. Dies führte zu weiteren Rechtsstreiten . Die Rest-Kennedys haben sich mit einem neuen Sänger wiedervereint, geben Platten heraus und gehen auch wieder auf Tour. Was einmal mehr zeigt, dass hinter guter Musik nicht unbedingt sympatthische Typen stehen müssen. Jello Biafra be¬treibt nach wie vor sein exzellentes Label Alter¬native Tentacles und arbeitet mit verschiedenen Bands zusammen. Eine der letzten Aufnahmen machte er mit den Melvins: Jello Biafra&The Melvins «Sieg Howdy». Lange Zeit hielt ich nicht viel von US-Punk. Ich weiss, das ist ziemlich dumm. Aber für mich haben die Pistols und somit die Engländer Punkrock erfunden. Inzwischen ist es auch mir klar, dass es nicht so gewesen ist. Ich habe meinen musikalischen Anti-Amerikanismus überwunden.
An meinen Nachholbedarf in Sachen Punkrock schloss sich später Grunge an. Nirvana, Mud¬honey, Faith No More, Soundgarden haben meinen persönlichen Soundtrack angereichert. Ich fühlte und lebte das, was ich für Punk (oder so ähnlich) hielt und entwickelte mich rückblickend – als unerwünschte Nebenwirkung – teilweise zu einem richtigen Arschloch. Wobei mich einige Leute primär als arrogant in Erinnerung haben dürften. Einen Eindruck, den ich offenbar noch heute manchmal zurück lasse. Dabei bin ich eigentlich eher schüchtern, was ich schon als Kind war, wenn ich in einer ungewohnten oder un¬angenehmen Situation stecke. Die vordergründige Arroganz schien sich dabei als Schutz¬mechanismus einzuschleichen.

Ende 1988 zog ich nach Zürich. Die 80er-Jugend¬unruhen hatte ich, weil zu jung, nur am Rande mitbekommen. Dafür konnte ich von deren Ergebnissen profitieren: Vor allem von der Roten Fabrik. Diese Zeit war aus musikalischer Sicht die Beste. Wöchentlich spielten geile Bands in der Fabrik. Was in der Fabrikzeitung angepriesen wurde, spielte DRS3 im Sounds. Ich war also bestens vorbereitet, konnte aber auch blindlings nach Wollishofen gehen, denn es waren immer echte Perlen im Programm. NoMeansNo, war eine solche Entdeckung. Ihr Konzert auf der «Wrong»-Tour haute mich um: Wilder Punk, jazzig durch¬setzt, treibend und sehr kraftvoll. Die Gebrüder Wright haben sich damals in rund zwei Stunden in mein Herz gespielt und gehören bis heute zu meinen absoluten Lieblingen. Aber es gab auch Enttäuschungen: Das Pixies-Konzert – ich glaube das war 1989, könnte aber auch ein Jahr zuvor gewesen sein – war un¬gemein lieblos und schnoddrig. Dafür rissen mich andere Bands vom Hocker. Die Luzerner Hipocrisy in Spring etwa, die später als Sports¬guitar vor allem in Japan ziemlich erfolgreich und als erste Schweizer Band beim «Grunge»-Label Sub Pop unter Vertrag waren. Oder Cliff Barnes and the Fear of Winning, deren «I’m an Asshole»-T-Shirt ich noch heute trage, was manchmal zu lustigen Begegnungen mit Eingeweihten führt, die am selben Konzert im alten Theatersaal im Dach¬stock waren. Schon bevor ich in Zürich wohnte, ging ich so oft als möglich an Konzerte. Im Gegen¬satz zu den heute bestens organisierten und oftmals viel zu teuren Gigs, waren die Shows damals vielfach in wüsten Läden. Der Eintritt war billig, das Bier warm und die Bands spielten erst spät in der Nacht. Dafür erlebte ich noch wirkliche Überraschungen. Im Berner Meerhaus wollte ich einmal Baby Jail hören, als noch eine bislang unbekannte spanische Band die Bühne betrat. Sie stellten sich als Kortatu vor. Erst später sollte ich von diesen radikalen Punkern aus dem Baskenland wieder hören. Irgendwann änderten sie auch noch den Namen und rockten unter Negu Goriak weiter. Das nächtelange rumhängen be¬zahlte sich musikalisch immer wieder aus. So kam ich im legendären Totentanz in Basel an ein King-Kurt-Konzert und als die Berner Reithalle am 31. Oktober 1987 mit dem Kulturstreik wieder besetzt wurde, spielten unzählige Bands (Goldene Zitronen, Züri West, Stephan Eicher usw.) dort. Sogar die Toten Hosen fuhren nach einem Auftritt in Zürich noch nach Bern um morgens um 5 Uhr im Dachstock ein Konzert zu geben.
Anfang der 1990er-Jahre wurden mir neben all den Gitarrenbands auch immer mehr feine Töne wichtig. Etwas vom Besten aus dieser Ecke ist die wunderschöne Aufnahme «Satisfied Mind» von den Walkabouts. Die kaufte ich 1993 im Rough-Trade-Shop in London. Darauf spielen sie 13 amerikanische Folksongs und Traditionals. Das ebnete meinen Weg zur Countrymusik bereits mit 26 Jahren. Wie singen die Aeronauten im Song «Countrymusik» so treffend: «Mit dem Alter fängt man an sich für Countrymusik zu interessieren». Dies schloss dann endgültig den Bogen zu meiner ersten LP, Johnny Cashs «Folsom Prison Blues». Ich hörte zunehmend mehr Country, beschaffte mir auch weitere alte Cash-Aufnahmen und legte mir Willie Nelson und natürlich den leider viel zu früh gestorbenen Hank Williams zu.
Nicht nur in der Roten Fabrik gab es Bands zu entdecken. Auch illegale Bars zogen mich magisch an. An der Konradstrasse gab es eine Zeitlang den Kunstraum Oerlikon, wo ich zum ersten Mal die phantastischen Playboys sah. Be¬eindruckend vor allem der Sänger Thomas Ott. Er ist ein begnadeter Entertainer und eine richtige Rampensau. Den Soundtrack zur Zeit lieferte Sounds: Jeden Abend zwei Stunden lang beste Musik frei Haus. Insofern hat der heute leider mehrheitlich profillose Sender DRS3 meine Musik¬menschwerdung damals aufs wundervollste unter¬stützt. Da wurden allabendlich von «FM» Francois Mürner oder Suzanne Zahnd neue Klänge vorgestellt, «Düsi» alias Hanspeter Künzler berichtete aus London über die aktuellsten Trends. Es waren wirklich herrliche Zeiten. Und auch wenn ab Mitte der 1990er viele über die Technowelle klagten, halten die herr¬lichen Zeiten für mich bis heute an. Musikalisch und auch sonst. Es ging mir wohl noch nie besser im Leben. Derzeit stimmt sehr vieles und es macht sich eine fast beunruhigende Zufriedenheit breit.
Nach meinem berufsbedingten Umzug von Zürich nach Bern war’s vorbei mit den vielen Konzerten. Zwar gab es das wunderbare, winzig kleine ISC – nie werde ich den druckvollen Gig von Mucky Pup vor knapp 100 Leuten ver¬gessen – oder den Gig von Saint Vitus im Vor¬programm von Henry Rollins in der Reithalle. Doch irgendwie fehlten der Groove der Aktions¬halle und das Flair sowie die Leute von Zürich. Zudem wirkte Bern auf mich unglaublich isoliert. Bist du nicht Berner, wirst du in jeder der wenigen Bars gemustert. Deshalb flüchtete ich bald wieder aus dem in Sandstein gehauenen Museum und zog aufs Land.

Klangwelt

Zurück in Langenthal begann ich Konzerte zu organisieren. Etwas, das ich bereits nach meiner Zeit als Discjockey im Poseidon einige Male versuchte. Beim allerersten Konzert im Langenthaler Jugendhaus, in der alten Villa Gugelmann, mussten wir uns erst gegen sozial engagierte alternative Junghippies durchsetzen. Die wollten partout kein Punkkonzert in ihrem Haus. Vielleicht ahnten sie, dass es keinen ruhigen Abend geben würde. Tatsächlich endete der Anlass im Chaos: Kaum waren die Türen offen, rannten rund 30 Skinheads in den Saal, um alles kurz und klein zu hauen. Die Bands Monday Muffles aus Aarau, die später als Hi-Grip ein bisschen Ruhm erlangten, und eine Basler Band (ich kann mich beim besten Willen nicht an deren Namen erinnern, sie könnten aber Vorwärts geheissen haben), konnten nicht mehr auftreten. Skandalös war dafür der Auftritt der Polizei. Die liess sich solange Zeit mit ausrücken, dass sie erst auftauchte als die Glatzen weg waren. Dafür wurden wir als Veranstalter angezeigt, weil wir verbotenerweise Alkohol im Jugendhaus ver¬kauften. Das bewusste Wegschauen der Behörden hält in Langenthal bis heute an. Nicht zuletzt des¬wegen gilt das Städtchen im Oberaargau bis heute als Hochburg tumber Neonazis.
Dennoch veranstaltete ich später wieder Konzerte. Dann allerdings im Kulturzentrum Chrämerhuus. Dieser winzige Laden (es war zuvor wirklich ein Krämerladen) startete bereits 1975 als kulturelle Spielwiese einiger 68er, die sich dort verwirklichten. Allen Vorurteilen zum Trotz habe ich von diesen Leuten verdammt viel gelernt und mich musikalisch noch weiter ge¬öffnet. Vor allem Christian Röthlisberger, ein wahrer Zampano und profunder Kenner der Jazz¬szene, brachte mir viel neue Klänge näher und führte mich in das Handwerk des Veranstalters ein. Mit ihm zusammen habe ich die geilsten Konzerte durchgezogen und dabei schöne Erfolge und kleinere Katastrophen gefeiert. Als wir beispiels¬weise Züri West für ein Open Air buchten, wurden wir buchstäblich vom Publikum überrannt. Da war auch viel Glück dabei, dass nichts passierte. Für dieses Festival engagierten wir auch immer kleine Bands, die dann spät nachts im Club spielten. Einer dieser Acts war die Tom-Waits-Coverband Die nimmersatte Sau. Sie legten ein fulminantes Konzert hin. Wir waren so begeistert, dass wir sie im nächsten Jahr auf die grosse Bühne stellten. Was komplett in die Hose ging. Innert Minuten war der Platz leer und das Publikum wartete an den Bars auf bessere Musik. Teilweise hatte ich auch das Gefühl, dem zunehmend jüngeren Publi¬kum ein bisschen Nachhilfe in Sachen Musik geben zu müssen. In einem Berner Tram hört eich einmal zwei Teenager über die Neo-Punker Offspring sprechen. Der eine meinte es gebe noch eine Band Namens Sex Pistols, die würden ähnlichen Sound spielen. Ich war gleichzeitig ent¬setzt und amüsiert über das Unwissen. Als Reaktion darauf veranstaltete ich eine Konzert¬reihe, die ich grosskotzig New Music Seminar nannte und wo ich Hardcore-, Punk- und Grunge-Bands spielen liess und die Konzerte mit alten Punk- und Rockplatten einleitete. Damit sollten die Teenager die Parallelen zwischen damals und heute erkennen. Den Titel der Konzertreihe hatte ich geklaut. Ich war 1993 für einen Monat in New York um mein Englisch aufzubessern. Zu dieser Zeit gab es dort ein Festival unter diesem Namen. Da spielten innerhalb einer Woche unglaubliche viele und verdammt gute Bands. Etwa die texanischen Punkrocker Butthole Surfers. Sie spielten die völlig überschätzten Stone Temple Pilots an die Wand. Und Bad Brains traten wenig später mit Sick of it All im gleichen Club auf. Zu¬dem sah ich Pere Ubu am gleichen Tag zweimal. Am Nachmittag spielten sie mit They Might Be Giants im Central Park und am Abend in der winzig kleinen Knitting Factory, wo ich eine Woche zuvor noch John Lurie & the National Orchestra gesehen habe. Es war eine ziemlich geile Zeit.

Durch meinen Job als Tontechniker kam ich immer wieder mit guten Bands in Kontakt und holte diese nach Langenthal. Zu dieser Zeit gab es ja auch sehr viele gute Schweizer Bands: Maniacs, Jellyfish Kiss, Baby Jail, Domina and The Slaves und die ganzen Berner Bands – die frühen Züri West waren richtig wild – spielten dort. Und natürlich Stevens Nude Club, Eugen oder Patent Ochsner, mit denen ich später nochmals beruflich zu tun hatte. Dass ich Tontechniker wurde, bestätigt übrigens alle gängigen Vorurteile. Zwar hatte ich mich mit 12 Jahren an eine Gitarre ge¬klammert und auch Unterricht genommen. Doch erreichte ich nie die Klasse, die mir vorschwebte. Ich hatte wohl schon zuviel Musik gehört, um ge¬nügend Geduld aufzubringen, ebenso gut zu werden, wie meine Vorbilder. Das reine Power-Chord-Geschrammel hätte zwar vielleicht aus¬gereicht, aber auf Dauer nicht glücklich gemacht. Zudem machten meiner musikalischen Karriere die Punk-Haltung «Jeder kann es» und der Gitarren¬lehrer, der auf klassischer Gitarre bestand, einen Strich durch die Rechnung. Dabei hatte ich schon als kleiner Bubi Konzerte gegeben: Zu¬sammen mit zwei Kumpels dreschten wir in einem Hobbyraum auf Waschmitteltrommeln, Kindergitarre und selbstgebautem Bass Rock¬songs runter. Dafür verlangten wir 20 Rappen Eintritt. Die Bassgitarre hatten wir uns aus einer Sperrholzkiste und gebrauchten Saiten, die wir aus dem Abfall eines Musikgeschäfts fischten, gebastelt.
Aber eben, die Ungeduld liess mich dann irgendwann die Gitarre in die Ecke stellen. Später versuchte ich noch in einer Punkband den Bass zu bedienen. Doch die Bandproben be¬schränkten sich meistens auf Biertrinken und Musik hören. Als ich dann an einem Kurs in der Roten Fabrik die Grundlagen der Tontechnik lernte, war mein Weg klar. Denn so hatte ich mit Musik zu tun, war aktiv dabei, musste mich aber nicht mit Üben plagen. Wo ein Wille ist, ist ja be¬kanntlich auch ein Weg. Also fing ich an Boxen zu schleppen, bierverschmierte Kabel aufzurollen und durfte dann irgendwann auch selbst an die Regler. Das machte mir riesigen Spass. Ich liebte ja Musik über alles, und so konnte ich Musik erst noch richtig laut hören. Wobei ich zugeben muss, dass ich auch sehr viele, sehr schlechte Bands ge¬hört und verstärkt habe. Dank meiner Be¬harrlichkeit landete ich schliesslich im Sommer 1991 als Assistent bei einer grossen Theater¬produktion in Bern. Das wiederum führte zu einer Anstellung im Berner Stadttheater. Was mich eben von Zürich nach Bern verfrachtete.
Dass ich dann neben Rockkonzerten fast neun Jahre lang im Stadttheater Bern Opern, Schauspiel und Ballett vertonte, machte mir gar nicht soviel aus. Denn ich kam immer noch dazu, bei Gigs und Festivals zu arbeiten. Ich war regelrecht süchtig nach Musik und somit auch nach Arbeit. Zudem war ich von der Tontechnik fasziniert und konnte gar nicht genug kriegen. Wobei ich dies nie als Stress empfand. Es ist für Aussenstehende wohl schwierig nachzuvollziehen, was man empfindet, wenn man an einem Mischpult steht. Schon nur ein Lastwagen voller Flightcases, wirkt auf mich sehr anregend. Was übrigens bis heute ein wenig so ist. Bei Konzerten bin ich meist beim Misch¬pult. Nicht nur, weil es dort am Besten klingen sollte.
Bei meinem Job und meinem Engagement als Veranstalter kam mir meine Sympathie für un¬konventionelle Musik zu Hilfe. Abgedrehte Free¬jazzer auf der Bühne sind etwas vom Spannendsten: Wenn Fred Frith einen Stuhl quietschend über die Bühne schleift, ist mehr Musik drin, als in manchem Nummer-1-Hit. Wenn dazu Hans Koch in seine Bassklarinette bläst, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Zudem ist es wesentlich dankbarer, bei Vollblut¬musikern an den Reglern zu stehen, als bei u¬ntalentierten Bands. Es klingt sofort gut. Durch den Job kam ich auch immer wieder mit sehr spannenden, musikbesessenen Menschen in Kontakt. So führte ich mit ver¬schiedensten Leuten intensive Gespräche über Sounds, über Einflüsse, über Vorlieben. Gerne erinnere ich mich an eine durchzechte Nacht nach einem Stiller-Has-Konzert mit dem damaligen Bassisten Mich Gerber, der sich trotz seiner sehr feinfühligen, fast esoterischen Klangmalereien als grosser Melvins-Fan entpuppte.
Zudem brachte es der Job mit sich, dass ich plötzlich mit Leuten zusammenarbeitete, denen ich früher an Konzerte nachgereist und deren «Fan» ich war. Nun war ich plötzlich mit Stephan Ramming von Eugen im Tonstudio, hatte Oliver Maurmann aka Guz von den Aeronauten vor dem Mikrofon, war mit Höslis Stevens Nude Club unter¬wegs und traf auf den einen oder anderen internationalen Act. Der Konzertbetrieb gefiel mir immer besser, nach langer Zeit liess ich sogar den Job im Theater sausen und machte nur noch Gigs. Was aber auf Dauer recht an die Substanz ging, zumal man auch schon mal 17 Stunden am Stück auf den Beinen war und dabei eine Nacht lang südamerikanische Gute-Laune-Mucke ertragen musste. Aber sogar dem konnte ich etwas ab¬gewinnen. Ich erinnere mich an die Kubaner von Los Van Van, die im Zürcher Volkshaus ohne Soundcheck auf die Bühne kamen und nicht nur von der Show her ein Spitzenkonzert boten. Ihr Sound tönte vom ersten Takt an perfekt. Der Job hatte einen weiteren Vorteil: Ich war ganz nah an der Musik. Am liebsten machte ich den Monitor¬mix. Der Arbeitsplatz auf der Seitenbühne brachte einen ummittelbaren Kontakt mit Musikern mit sich und ich genoss es oftmals, den Leuten beim Spielen aus schon fast intimer Nähe zuzusehen und ab und zu einen Blick ins Publikum zu werfen. Der Lohn dafür war aber neben dem Dank der Musiker auch eine bleibende Erinnerung. Seit einiger Zeit summt es in meinen Ohren. Wobei ich den Tinnitus zum Glück nur wahrnehme, wenn es um mich herum absolut still ist.

Ich habe durch die Zusammenarbeit mit Bands auch viel gelernt. Einmal fragte mich eine junge Band an, ob ich nicht ihr erstes Konzert mischen möchte. Auf keinen Fall, schoss es mir durch den Kopf. Bands ohne Erfahrung sind meistens schrecklich schlecht. Deshalb nannte ich eine sehr hohe Gage und dachte damit sei's gelaufen. Ich hatte aber nicht mit dem Ehrgeiz der 20-jährigen Musiker gerechnet. Ohne zögern waren sie bereit den Lohn zu zahlen; es war der Anfang einer längeren spannenden und lustigen Zusammen¬arbeit. Good Grief entpuppten sich als ungeheuer talentierte Band. Ihr Sound war anfänglich extrem von Pearl Jam geprägt, später schrieben sie immer komplexere Songs mit vertrackten Rhythmen und geilen Riffs. Eigentlich hätte das Quartett unbedingt Erfolg haben müssen. Vor allem live waren sie extrem gut. Neben dem Spass an ihrem Sound und den schönen Konzerten brachten mir die Jungs Musik näher, die ich bisher nicht beachtetet hatte: beispielsweise Heavy Metal. Dank Good Grief und dem schwarzen Album von Metallica (dafür werden mich sicher viele «echte» Metallica-Fans hassen).
Eine weitere Anekdote begann an einem Konzert 1997 während der Starfish-Tour in Schaffhausen: Da spielten auch die Aeronauten. Mit der Tontechnikerin der Band hatte ich wohl beim Feiern nach dem Konzert ein bisschen geturtelt. Jedenfalls hatten wir danach noch kurz Brief¬kontakt – sie zog nach Hamburg – dann verlor sich das Ganze. Bis ich sie nach neun Jahren wieder getroffen habe. Respektive sie mich. Es war an einem ziemlich besoffenen Abend im Zürcher Helsinki, als sie mich angesprochen hat. Dass wir uns bereits neun Jahre zuvor kennen gelernt haben, kam uns beiden erst später wieder in den Sinn. Etwas durchmischter sind die Erinnerungen an zahlreiche Punk-Konzerte im Luzerner Sedel. Dort spielten immer wieder richtige Legenden wie U.S. Bombs, Agnostic Front, New Bomb Turks, und so weiter. Aber die Musiker waren teilweise regelrechte Arschlöcher oder derart mit Drogen voll gepumpt, dass es nicht zum Aushalten war. Rückblickend war es dennoch aufregender, als die grossen Festivals, wo sich Ringo Starr, Polo Hofer, Xavier Naidoo und weitere Stars das Mikro in die Hand gaben und sich tausende Festival¬besucher in eine gutgelaunte Lagerstimmung soffen. Insgesamt war es sicher eine spannende aber auch durchzogene Zeit. Als ich mich dann später aus dem Live-Audiobereich zurückzog, musste ich mich erst wieder daran gewöhnen als normaler Zuschauer an Konzerte zu gehen.

B-Sides

Irgendwann wurde mir der Tontechnikerjob zu wenig. Ich ging an die Uni um Medien¬wissenschaften zu studieren. Doch bereits nach einem Jahr hatte ich die Nase davon voll. Dennoch führte mich dieser Abstecher in einen neuen Job. Nun arbeite ich als Journalist bei einem Online-News-Portal und vermisse den direkten Zugang zum Rockzirkus. Es ist das erste Mal, dass ich mich soweit von der Musik entfernt habe und zum reinen Konsumenten und Beobachter wurde. Doch der neue Lebens¬abschnitt brachte mich auch zurück nach Zürich. Musikalisch passiert hier in meinen Augen mehr, als in der Rest-Schweiz. Zudem traf ich auf viele Gleichgesinnte, es gibt nette Bars mit guter Musik, gute Clubs, viele Konzerte, kompetente Musikhändler und ich habe vor allem einige der wundervollsten Menschen kennen gelernt. Die, wen wundert’s, meine Musikliebe teilen.
Die berufliche Neuorientierung wurde begleitet von privaten Veränderungen. Nach dem Motto: Neue Freundin, neue Wohnung, neuer Job trennte ich mich von der ersten grossen Liebe, hatte bald danach wieder eine Beziehung, die aber nach knapp zwei Jahren in die Brüche ging. Mit dieser Zeit verbindet sich eine spezielle musikalische Erinnerung: Es war im Piemont, als sie mir den Laufpass gab. Coldplay hatten gerade ihr erstes Album «Parachutes» draussen und liefen des¬wegen unentwegt auf MTV, das war der einzige brauchbare Sender im Hotel-TV. Dies verdarb mir die Soft-Rocker gründlich. Dabei stand ich zu dieser Zeit gerade auf die, von der Musikindustrie als «New Acoustic Movement» verkauften, Coldplay, Turin Brakes, Starsailor, Songs:Ohia, Sophia oder vor allem Howe Gelb und seinen Giant Sand. Noch kurz zu Starsailor: Das Album «Love is here» mochte ich sehr, vor allem den Song «Alcoholic», den ich erstmals im Autoradio auf Couleur 3 hörte, was mich gleich Anhalten liess, um mich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Als ich aber die Band mal live sah, war es ganz schlimm: Dort waren nur langweilige, herumknutschende Pärchen Mitte dreissig. Der Gig war sterbenslangweilig und die Band versuchte alles, ausser irgendwo anzuecken. Für so was will ich weder Geld zahlen, noch lange Herumstehen. Solche Bands kann ich mir auch bei «Wetten, dass...» angucken und wenn ich genug habe wegzappen.
Natürlich ist es nicht mit der eher ruhigen Musik getan. Daneben muss es auch mal richtig brettern. Ein Album, das ich von einem Kumpel auf Vinyl geschenkt kriegte, ist Slayers «Diabolus in Musica». Rick Rubin hatte seine Finger im Spiel und produzierte meiner Meinung nach das beste Metal-Album aller Zeiten. Düster, hart, schnell und knochentrocken. Das ist eine meiner absoluten Lieblingsplatten, die mich auch immer in sehr gute Laune versetzt und eine sehr belebende Wirkung auf mich hat. Je älter ich werde, desto mehr Speedmetal, und Hardcore-Bands schaffen es in meine Sammlung, die sich mittlerweile aus einem Mix aus stillen, feinen Tönen, Jazz und Rock’n’roll zusammensetzt. Gleichzeitig bin ich immer noch auf der Suche nach neuen Sounds – die Sucht hält an. Daneben besuche ich immer noch sehr viele Konzerte. Einige davon waren schlicht enttäuschend, wie etwa der alberne Punk-Greis Iggy Pop, andere einfach grandios. Darunter waren so verschiedene Sachen, wie die Brachial-Jazzer Koch-Schütz-Studer, die komplizierten Mars Volta oder immer wieder Motörhead. Etwas vom Besten, was ich seit langer Zeit gehört habe, war Danko Jones: Erfrischend, Lustvoll und enorm präzis.

Musik begleitete mein bisheriges Leben: Sie beeinflusste sicher viele Handlungen, schrieb Werte fest und bestärkte meine Haltung. Dennoch wurde ich wohl von meinen Eltern und deren Lebens¬einstellung geprägt. Offenheit oder En¬gagement kann mir keine Band beibringen. Das musste schon in mir stecken. Ich habe dann einfach den passenden Soundtrack dazu gewählt – zu dem ich als konservativer Mensch kaum ge¬kommen wäre. Die Kunst, und somit auch die Musikszene, bewegen sich in den Augen vieler Leute in einer Welt, die von der Norm abweicht. Auch meine Eltern konnten es nicht recht verstehen, wie ich mein Geld mit Arbeit verdienen konnte, die einen am Abend und an Wochenenden beschäftigt. Mich hat dies nie gestört. Musik machte mich zum Punk. Das hat nichts mit komischen Frisuren, Saufen und asozialem Verhalten zu tun. Punk ist für mich Unabhängigkeit, Energie, Neugier und Offenheit. Das suche und finde ich in meiner Musik. Diese Haltung öffnet mir Türen zu wunderbaren Menschen und bescherte mir bisher zahlreiche schöne Geschichten. Und ich möchte nicht wissen, wer ich heute wäre, hätte ich nur die Dire Straits gehört.

12.9.06

Voila

6.9.06



Das ist das Original-Cover der 1967er-LP «New Boots & Panties» von Ian Dury & The Blockheads. Damit hat meine Musiksucht angefangen.
  • schimpfundschande