Intro
Der Sound kratzt, zischt und fiept fies. Ganz tief unten knarzt ein kaputter Basslauf, ein Rumpeln mimt die Beatmaschine. Hinter absonderlichen Gerätschaften steht ein gebückter Rotschopf. Er dreht an Knöpfen, drückt auf Tasten, provoziert absichtlich Wackelkontakte, indem er die Kabel halb aus Buchsen zieht – dass es nur so brutzelt und knackt in endlosen Echoschleifen.
Der Musiker nennt sich Sendling. Seine Musik nennt er Maschinenmusik. Der Mann dreht an seinen Geräten. Man sieht nur auf seinen Kopf. Er werkelt im Kabelgewirr an einer Klangwelt, die so gar nichts mit herkömmlicher Musik zu tun haben will. Dankbar wippt der Fuss der Zuhörer bei erkennbaren, sich wiederholenden Rhytmusfragmenten mit. Nur ganz wenige Menschen haben sich an das Konzert verirrt. Es ist ein grauer Dienstagabend. Das Konzert ist einer Bar mitten in Zürich. Es gibt zahllose solche Abende an ganz vielen Orten dieser Welt. Und dennoch ist dies ein einzigartiger Moment. Was da aus den Lautsprechern brutzelt und brüllt, passiert hier und jetzt. Mich packen diese Klänge, die so gar nicht zu meinen sonstigen Hörgewohnheiten passt. Der Sound hüllt mich ein und entführt mich für zwei Stunden in eine andere Welt: Die Droge Musik funktioniert ganz ohne Betäubungsmittel. Sie berauscht auch so.
Sendling liebt Musik. Schöne ganz und gar normale Musik. Solche spielt er, der eigentlich Robert Alexander heisst, auch. Nur seine Stimme und seine Gitarre. Es ist unglaublich feingliedrige, zerbrechliche Musik. Doch Alexander kann auch Berserkern, sich und andere in ungewohnte Klangwelten hineinziehen und verzaubern. Er leidet an der gleichen Sucht, wie viele andere Menschen. Er liebt Musik und lebt sie. Und ich war mir sicher: Auch er kann sich an seine erste Schallplatte erinnern. Auf meine Frage, musste er nicht lange überlegen: «Meine erste Schallplatte hiess «High Energy», irgendeine Compilation, circa 1982, mit Sachen wie Gary Numan, Devo, Amanda Lear etc. Ein bisschen wavig, ein bisschen schwul-poppig. Na ja, meine erste eben.» Robert Alexander kauft nicht viele Schallplatten: Er macht seine Musik lieber selbst oder lässt sich von Internet-Radios beschallen. Er braucht Musik nicht zu besitzen um sie zu mögen. Oder um darüber zu reden und sich eine Meinung zu bilden.
Musik ist eben mehr als bloss Unterhaltung. Mit jedem Song verbindet sich ein Stück ganz persönliche Erinnerung. Die eigene Lebensgeschichte ist hörbar. Okay, bei einigen Menschen mag das Echo aus den alten Tagen zwar längst verklungen sein. Sie machen sich nicht viel aus Musik. Für sie ist das bloss Klangkulisse. Ab und zu tanzen sie vielleicht. Und glaubt man den Umfragen einschlägiger Lifestylepostillen, dann haben auch sie schon mal zu Lionel Richies Schmusesound Sex gehabt.
Aber für andere Menschen ist Musik wichtiger als Sex. Es ist für sie existenziell: «Ich hätte nie gedacht, dass Musik für mich mal so wichtig wird, wie Essen, Trinken und Schlafen», beschreibt beispielsweise die Baslerin Eliane Müller ihre Beziehung zur populärsten Kunstform. Sie verlor ihr Herz an den ganz harten Rock’n’roll. Schon vor Jahren. Ihre Geschichte begann wie die vieler Musikmenschen mit vergnügten Stunden vor dem Radio – mit dem Aufnehmen von Kassetten. Das ist musikalische Früherziehung.
Eigentlich illegal, aber als Kind der einzige Weg alles aus der grossen, bunten Popwelt aufzusaugen. Später machte Eliane die Kassetten nicht mehr nur für sich selbst. Sie produzierte Mix-Tapes. Ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zum Musikmenschen. DJ’ette Diva D, wie sich Daniela Mitidieri nennt, wenn sie hinter den Plattentellern steht, fing so an. Auch der Medienschaffende Hannes Hug blickt auf die solche Geschichten zurück. Oder der Musiker und Journalist Joël Bisang. Ihre Erzählungen waren mir bestens bekannt. Die Gespräche mit diesen mehr oder weniger zufällig ausgewählten Hörern habe ich aufgezeichnet und zu einem Dialog zusammen geschnitten.
Seit mehreren Jahren unterhalte ich mich intensiv mit sehr vielen Menschen über ihre Beziehung zu Musik. Dabei geht es mir nicht primär um das Imponiergehabe des Sammlers und Kenners, sondern darum, was der ganze Popkram den Menschen bedeutet. Wie sie damit in Berühurng gekommen sind, was sie damit tun. Die Geschichten sind spannend, sie gleichen sich, sie geben immer wieder zu langen, lustigen und freundlichen Gesprächen Anlass. Interessanterweise bin ich immer wieder auf Parallelen zu meiner eigenen Musikgeschichte gestossen. Dabei ist der soziale Hintergrund der Gesprächspartner egal. Auch ihr Alter ist sekundär. Die Erinnerungen an die ersten Berührungen mit Rock oder Pop sind auffallend ähnlich. Es ist ein Suchen und Finden. Es ist der Soundtrack der Entwicklung: Irgendwann wird man vom Musikvirus befallen. Es beginnt mit dem Sammeln von Eindrücken und dem Suchen nach «seiner» Musik. Mangels Geld und Auswahl bediente man sich zuerst der billigen Kompaktkassette um sich Jahre später mit mehreren hundert LPs, CDs und Kassetten seinen Lebensraum zu teilen. Das wird die Musikindustrie gar nicht gerne hören. Doch selbst der deutsche Chef des BMG-Musik¬verlags, Hartwig Masuch, hat 2001 ein¬geräumt: «Kopiert wurde schon immer. Früher auf Kassetten, heute auf Festplatte.» Er selbst habe viel Musik auf Kassetten aufgenommen. Das schade nicht der Musikindustrie, das fördere das Interesse an Musik. Ins gleiche Horn stösst Steve Albini, Produzent und Musiker: «Jede Band sollte sich geschmeichelt fühlen, wenn jemand ihre Musik hören will.» Filesharing sei nur die Erweiterung der Mix-Tapes, er fühle sich dadurch nicht betrogen, sagte Albini der «Fabrikzeitung» . «Ich glaube sogar, dadurch werden mehr Leute zu Musikfans.»
In den Augen der Musikindustrie ist dieses Treiben Diebstahl. «Hometaping Is Killing Music» heisst ein alter Slogan gegen Piraterie. Es hat nicht viel genützt und eigentlich wusste auch die Branche, dass aus den Kassettenfreaks später die besten Kunden wurden. Dennoch ist die Jagd nach Musikpiraten bis heute im Gang. Mit immensem Aufwand versuchen Unterhaltungskonzerne den Kampf gegen illegale Downloads zu gewinnen. Dabei geht einmal mehr vergessen, dass die Jagd gegen die bösen Diebe eigentlich auch eine Hetzkampagne gegen die eigene Kundschaft ist. Und das der Kampf aussichtslos ist.
So wird also die schöne Stimmung von der schlingernden Musikindustrie ein bisschen gestört. Sie klagt seit einigen Jahren dauernd. Und sie klagt, weil sie nur noch reagiert, anstatt zu agieren. Sie müllt uns mit unsäglichem Popkram zu und macht aus dem Konsumenten plötzlich den Dieb. Der Fan wird zum Feind. Dabei sind Hörer und Industrie aufeinander angewiesen. Es braucht eine Distribution, es braucht Sender und Empfänger, um es im medienwissenschaftlichen Slang auszudrücken. Deswegen soll und darf die Rolle der mächtigen Unterhaltungsbranche hier nicht ganz ausgelassen werden. Denn in der Musikindustrie läuft einiges falsch.
Im Jahr 2000 startete die deutsche Phonoindustrie eine weitere Offensive im Kampf gegen Raubkopien: «Copy kills Music». Damit sollten vor allem Jugendliche, die CDs brannten, für die Probleme der Industrie sensibilisiert werden. Eine Schlagzeile hiess: «10'000 schwarzgebrannte CDs zerstören eine Nachwuchsband.» Für die Kampagne wurden be¬kannte Stars eingespannt. Etwa Smudo von Fantastischen Vier, der nicht nur als Künstler vom Schwarz¬brennen betroffen ist, sondern auch als Betreiber seines Labels Four Music. In einem Interview mit der deutschen «Zeit» im Februar 2000 sagte Smudo: «Tatsache ist, dass heute weniger CDs verkauft werden, als früher. Und Tatsache ist auch, dass diese Entwicklung mit dem Brennen von CDs zusammenhängt. Da¬durch werden Plattenfirmen investitions¬müder.» Soll dies, lieber Smudo, wirklich eine Ent¬schuldigung sein? Die bösen Kunden klauen, also streiken wir Plattenfirmen, respektive werden investitions¬müder, wie du das so schön formuliert hast. Vielleicht liegt der Grund von Raubkopien auch in dieser Investionsarmut: Es gibt zwar eine Unmenge neuer Produktionen. Aber diese kosten den Kunden viel Geld und oftmals ist das Zeug recht lieblos gemacht – zum Beispiel der Schrott aus all den Casting-Shows. Anderseits ist es für Musikkonsumenten immer unübersichtlicher, was es da alles gibt. Früher beschränkte sich das Angebot auf einige wenige Radiostationen die sich durch einen bestimmten Stil profilierten und den lokalen Fachhändler. Heute kann fast alles fast überall gehört und im besten Fall gekauft oder eben geklaut werden. Vielleicht muss ich hier mal anfügen, dass ich es nicht toll finde, wenn sich Leute gratis im Internet mit Musik bedienen. Wer Kunst mag, mag auch dafür bezahlen. Denn künstlerische Arbeit gehört auf jeden Fall entlöhnt. Trotzdem kann ich es verstehen, dass es gemacht wird. Gründe dafür gibt es viele; ich werde später darauaf zurückkommen. Einer ist sicher der: Die Kids würden auch heute noch vor dem Radio sitzen, Kassetten aufnehmen und sich eine musikalische Identität suchen. Aber das Format hat sich geändert, Kassetten sind nicht mehr verbreitet. Auf 98 Prozent aller empfangbaren Radiostationen läuft der gleiche, von wenigen darauf spezialisierten Firmen zusammengestellte, Einheitsbrei. Und die Musikindustrie hat dies gefördert. Nicht gerade das, was sich ein Heranwachsender zur Abgrenzung und zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit als Soundtrack wünscht.
Zudem kann man sich schnell und sehr bequem dank Computer und Internet ein Soundfile suchen und per Mausklick auf den Rechner oder das Mobiltelefon laden. Zudem schreit die halbe Gesellschaft den Slogan «Geiz ist geil». Nicht erstaunlich, dass sich gerade Teenager dies zu Herzen nehmen und Musik dort holen, wo sie nichts kostet. Dieselben Teenager geben dafür mehrere hundert Franken für Gamekonsolen und Markenklamotten aus. Und viele Hörer, die Musik kopieren oder gratis herunterladen, spielen die Songs auf teuren MP3-Playern oder aufwändigen Stereoanlagen ab. Wenn es den Kunden ihr Geld wert ist, geben sie es auch aus. Bestes Beispiel dafür sind die immer teurer werdenden Live-Konzerte: Auch wenn die Tickets 100 Franken oder mehr kosten, die Shows sind ausverkauft. Die gestiegenen Kosten für Konzerte sind übrigens die Folge der darbenden Musikbranche, Fürher verdienten etablierte Künstler ihr Geld vor allem durch den Verkauf von Tonträgern. Heute werden die rückläufigen Verkaufszahlen mit Einnahmen aus Tourneen und Merchandising kompensiert.
Aber in erster Linie will ich über die Musikmenschwerdung sprechen. Wie wird jemand mehr als blosser Zuhörer, was passierte da in der Vergangenheit?
Einige Antworten gibt das nachfolgende Gespräch von fünf sehr aktiven Hörern. Die Antworten sind sehr persönlich. Trotzdem kann ich aufgrund meiner vielen Gespräche behaupten, dass sie stellvertretend für die grosse Masse von Musikfans stehen. Wenn Daniela Mitidieri sagt: «Ich habe lange gedacht, ich sei eine musikalische Aussenseiterin mit einem recht beschränkten Musikgeschmack», dann spricht sie für viele Popfans. Vor allem, wenn sie anfügt, dass sie sich nur deshalb als Exotin betrachtete, weil sie damals nicht Marillion hörte, sondern die Neue Deutsche Welle geil fand. Daniela füllt übrigens mit ihrer Minidisko derzeit regelmässig ganze Clubs. «Heutzutage ist es ein Glück, dass ich nicht auf dieser Mainstream-Schiene gefahren bin», sagt sie deshalb rückblickend. Auch Eliane Müller suchte sich einen eigenen musikalischen Weg: «In der Realschule erhielt ich von den Jungs Public Enemy oder Run DMC überspielt, andere steckten einem Songs von Bon Jovi zu oder gaben sich den neuen tanzbaren Beats hin wie Technotronic oder Snap mit der dazugehörenden kurzen Acid-House-Phase hin. Komischerweise überraschte mich aber niemand mit Metallica, Slayer oder Sepultura. Dabei waren die doch während der 80er voll angesagt. Entweder waren meine Klassenkameraden alles Warmduscher oder die Zeit für mich noch nicht reif für härtere Klänge. Egal, die Welle brach ja später mehr als genug über mich herein!»
So beginnen die Geschichten der Musikmenschen. Ich selbst bin süchtig nach Musik. Seit langer Zeit. Und ich teile diese Sucht mit meinem Umfeld: Meine besten Freunde und auch viele Kumpels sind allesamt Musikfreaks. Sie haben ähnliche Biografien, sie haben ähnliche Wertvorstellungen. Es ist sicher nicht der Sound allein, der verbindet. Die Sympathien basieren kaum darauf. Doch die speziellen musikalischen Vorlieben sind auffällig. Das geht soweit, dass ich soagr an den Zusammenhang zwischen musikalischen Vorlieben und Charaktereigenschaften glaube. Diese Annahme wird übrigens durch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen bestärkt. Auf diese werde ich noch zu sprechen kommen.
Der Musiker nennt sich Sendling. Seine Musik nennt er Maschinenmusik. Der Mann dreht an seinen Geräten. Man sieht nur auf seinen Kopf. Er werkelt im Kabelgewirr an einer Klangwelt, die so gar nichts mit herkömmlicher Musik zu tun haben will. Dankbar wippt der Fuss der Zuhörer bei erkennbaren, sich wiederholenden Rhytmusfragmenten mit. Nur ganz wenige Menschen haben sich an das Konzert verirrt. Es ist ein grauer Dienstagabend. Das Konzert ist einer Bar mitten in Zürich. Es gibt zahllose solche Abende an ganz vielen Orten dieser Welt. Und dennoch ist dies ein einzigartiger Moment. Was da aus den Lautsprechern brutzelt und brüllt, passiert hier und jetzt. Mich packen diese Klänge, die so gar nicht zu meinen sonstigen Hörgewohnheiten passt. Der Sound hüllt mich ein und entführt mich für zwei Stunden in eine andere Welt: Die Droge Musik funktioniert ganz ohne Betäubungsmittel. Sie berauscht auch so.
Sendling liebt Musik. Schöne ganz und gar normale Musik. Solche spielt er, der eigentlich Robert Alexander heisst, auch. Nur seine Stimme und seine Gitarre. Es ist unglaublich feingliedrige, zerbrechliche Musik. Doch Alexander kann auch Berserkern, sich und andere in ungewohnte Klangwelten hineinziehen und verzaubern. Er leidet an der gleichen Sucht, wie viele andere Menschen. Er liebt Musik und lebt sie. Und ich war mir sicher: Auch er kann sich an seine erste Schallplatte erinnern. Auf meine Frage, musste er nicht lange überlegen: «Meine erste Schallplatte hiess «High Energy», irgendeine Compilation, circa 1982, mit Sachen wie Gary Numan, Devo, Amanda Lear etc. Ein bisschen wavig, ein bisschen schwul-poppig. Na ja, meine erste eben.» Robert Alexander kauft nicht viele Schallplatten: Er macht seine Musik lieber selbst oder lässt sich von Internet-Radios beschallen. Er braucht Musik nicht zu besitzen um sie zu mögen. Oder um darüber zu reden und sich eine Meinung zu bilden.
Musik ist eben mehr als bloss Unterhaltung. Mit jedem Song verbindet sich ein Stück ganz persönliche Erinnerung. Die eigene Lebensgeschichte ist hörbar. Okay, bei einigen Menschen mag das Echo aus den alten Tagen zwar längst verklungen sein. Sie machen sich nicht viel aus Musik. Für sie ist das bloss Klangkulisse. Ab und zu tanzen sie vielleicht. Und glaubt man den Umfragen einschlägiger Lifestylepostillen, dann haben auch sie schon mal zu Lionel Richies Schmusesound Sex gehabt.
Aber für andere Menschen ist Musik wichtiger als Sex. Es ist für sie existenziell: «Ich hätte nie gedacht, dass Musik für mich mal so wichtig wird, wie Essen, Trinken und Schlafen», beschreibt beispielsweise die Baslerin Eliane Müller ihre Beziehung zur populärsten Kunstform. Sie verlor ihr Herz an den ganz harten Rock’n’roll. Schon vor Jahren. Ihre Geschichte begann wie die vieler Musikmenschen mit vergnügten Stunden vor dem Radio – mit dem Aufnehmen von Kassetten. Das ist musikalische Früherziehung.
Eigentlich illegal, aber als Kind der einzige Weg alles aus der grossen, bunten Popwelt aufzusaugen. Später machte Eliane die Kassetten nicht mehr nur für sich selbst. Sie produzierte Mix-Tapes. Ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zum Musikmenschen. DJ’ette Diva D, wie sich Daniela Mitidieri nennt, wenn sie hinter den Plattentellern steht, fing so an. Auch der Medienschaffende Hannes Hug blickt auf die solche Geschichten zurück. Oder der Musiker und Journalist Joël Bisang. Ihre Erzählungen waren mir bestens bekannt. Die Gespräche mit diesen mehr oder weniger zufällig ausgewählten Hörern habe ich aufgezeichnet und zu einem Dialog zusammen geschnitten.
Seit mehreren Jahren unterhalte ich mich intensiv mit sehr vielen Menschen über ihre Beziehung zu Musik. Dabei geht es mir nicht primär um das Imponiergehabe des Sammlers und Kenners, sondern darum, was der ganze Popkram den Menschen bedeutet. Wie sie damit in Berühurng gekommen sind, was sie damit tun. Die Geschichten sind spannend, sie gleichen sich, sie geben immer wieder zu langen, lustigen und freundlichen Gesprächen Anlass. Interessanterweise bin ich immer wieder auf Parallelen zu meiner eigenen Musikgeschichte gestossen. Dabei ist der soziale Hintergrund der Gesprächspartner egal. Auch ihr Alter ist sekundär. Die Erinnerungen an die ersten Berührungen mit Rock oder Pop sind auffallend ähnlich. Es ist ein Suchen und Finden. Es ist der Soundtrack der Entwicklung: Irgendwann wird man vom Musikvirus befallen. Es beginnt mit dem Sammeln von Eindrücken und dem Suchen nach «seiner» Musik. Mangels Geld und Auswahl bediente man sich zuerst der billigen Kompaktkassette um sich Jahre später mit mehreren hundert LPs, CDs und Kassetten seinen Lebensraum zu teilen. Das wird die Musikindustrie gar nicht gerne hören. Doch selbst der deutsche Chef des BMG-Musik¬verlags, Hartwig Masuch, hat 2001 ein¬geräumt: «Kopiert wurde schon immer. Früher auf Kassetten, heute auf Festplatte.» Er selbst habe viel Musik auf Kassetten aufgenommen. Das schade nicht der Musikindustrie, das fördere das Interesse an Musik. Ins gleiche Horn stösst Steve Albini, Produzent und Musiker: «Jede Band sollte sich geschmeichelt fühlen, wenn jemand ihre Musik hören will.» Filesharing sei nur die Erweiterung der Mix-Tapes, er fühle sich dadurch nicht betrogen, sagte Albini der «Fabrikzeitung» . «Ich glaube sogar, dadurch werden mehr Leute zu Musikfans.»
In den Augen der Musikindustrie ist dieses Treiben Diebstahl. «Hometaping Is Killing Music» heisst ein alter Slogan gegen Piraterie. Es hat nicht viel genützt und eigentlich wusste auch die Branche, dass aus den Kassettenfreaks später die besten Kunden wurden. Dennoch ist die Jagd nach Musikpiraten bis heute im Gang. Mit immensem Aufwand versuchen Unterhaltungskonzerne den Kampf gegen illegale Downloads zu gewinnen. Dabei geht einmal mehr vergessen, dass die Jagd gegen die bösen Diebe eigentlich auch eine Hetzkampagne gegen die eigene Kundschaft ist. Und das der Kampf aussichtslos ist.
So wird also die schöne Stimmung von der schlingernden Musikindustrie ein bisschen gestört. Sie klagt seit einigen Jahren dauernd. Und sie klagt, weil sie nur noch reagiert, anstatt zu agieren. Sie müllt uns mit unsäglichem Popkram zu und macht aus dem Konsumenten plötzlich den Dieb. Der Fan wird zum Feind. Dabei sind Hörer und Industrie aufeinander angewiesen. Es braucht eine Distribution, es braucht Sender und Empfänger, um es im medienwissenschaftlichen Slang auszudrücken. Deswegen soll und darf die Rolle der mächtigen Unterhaltungsbranche hier nicht ganz ausgelassen werden. Denn in der Musikindustrie läuft einiges falsch.
Im Jahr 2000 startete die deutsche Phonoindustrie eine weitere Offensive im Kampf gegen Raubkopien: «Copy kills Music». Damit sollten vor allem Jugendliche, die CDs brannten, für die Probleme der Industrie sensibilisiert werden. Eine Schlagzeile hiess: «10'000 schwarzgebrannte CDs zerstören eine Nachwuchsband.» Für die Kampagne wurden be¬kannte Stars eingespannt. Etwa Smudo von Fantastischen Vier, der nicht nur als Künstler vom Schwarz¬brennen betroffen ist, sondern auch als Betreiber seines Labels Four Music. In einem Interview mit der deutschen «Zeit» im Februar 2000 sagte Smudo: «Tatsache ist, dass heute weniger CDs verkauft werden, als früher. Und Tatsache ist auch, dass diese Entwicklung mit dem Brennen von CDs zusammenhängt. Da¬durch werden Plattenfirmen investitions¬müder.» Soll dies, lieber Smudo, wirklich eine Ent¬schuldigung sein? Die bösen Kunden klauen, also streiken wir Plattenfirmen, respektive werden investitions¬müder, wie du das so schön formuliert hast. Vielleicht liegt der Grund von Raubkopien auch in dieser Investionsarmut: Es gibt zwar eine Unmenge neuer Produktionen. Aber diese kosten den Kunden viel Geld und oftmals ist das Zeug recht lieblos gemacht – zum Beispiel der Schrott aus all den Casting-Shows. Anderseits ist es für Musikkonsumenten immer unübersichtlicher, was es da alles gibt. Früher beschränkte sich das Angebot auf einige wenige Radiostationen die sich durch einen bestimmten Stil profilierten und den lokalen Fachhändler. Heute kann fast alles fast überall gehört und im besten Fall gekauft oder eben geklaut werden. Vielleicht muss ich hier mal anfügen, dass ich es nicht toll finde, wenn sich Leute gratis im Internet mit Musik bedienen. Wer Kunst mag, mag auch dafür bezahlen. Denn künstlerische Arbeit gehört auf jeden Fall entlöhnt. Trotzdem kann ich es verstehen, dass es gemacht wird. Gründe dafür gibt es viele; ich werde später darauaf zurückkommen. Einer ist sicher der: Die Kids würden auch heute noch vor dem Radio sitzen, Kassetten aufnehmen und sich eine musikalische Identität suchen. Aber das Format hat sich geändert, Kassetten sind nicht mehr verbreitet. Auf 98 Prozent aller empfangbaren Radiostationen läuft der gleiche, von wenigen darauf spezialisierten Firmen zusammengestellte, Einheitsbrei. Und die Musikindustrie hat dies gefördert. Nicht gerade das, was sich ein Heranwachsender zur Abgrenzung und zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit als Soundtrack wünscht.
Zudem kann man sich schnell und sehr bequem dank Computer und Internet ein Soundfile suchen und per Mausklick auf den Rechner oder das Mobiltelefon laden. Zudem schreit die halbe Gesellschaft den Slogan «Geiz ist geil». Nicht erstaunlich, dass sich gerade Teenager dies zu Herzen nehmen und Musik dort holen, wo sie nichts kostet. Dieselben Teenager geben dafür mehrere hundert Franken für Gamekonsolen und Markenklamotten aus. Und viele Hörer, die Musik kopieren oder gratis herunterladen, spielen die Songs auf teuren MP3-Playern oder aufwändigen Stereoanlagen ab. Wenn es den Kunden ihr Geld wert ist, geben sie es auch aus. Bestes Beispiel dafür sind die immer teurer werdenden Live-Konzerte: Auch wenn die Tickets 100 Franken oder mehr kosten, die Shows sind ausverkauft. Die gestiegenen Kosten für Konzerte sind übrigens die Folge der darbenden Musikbranche, Fürher verdienten etablierte Künstler ihr Geld vor allem durch den Verkauf von Tonträgern. Heute werden die rückläufigen Verkaufszahlen mit Einnahmen aus Tourneen und Merchandising kompensiert.
Aber in erster Linie will ich über die Musikmenschwerdung sprechen. Wie wird jemand mehr als blosser Zuhörer, was passierte da in der Vergangenheit?
Einige Antworten gibt das nachfolgende Gespräch von fünf sehr aktiven Hörern. Die Antworten sind sehr persönlich. Trotzdem kann ich aufgrund meiner vielen Gespräche behaupten, dass sie stellvertretend für die grosse Masse von Musikfans stehen. Wenn Daniela Mitidieri sagt: «Ich habe lange gedacht, ich sei eine musikalische Aussenseiterin mit einem recht beschränkten Musikgeschmack», dann spricht sie für viele Popfans. Vor allem, wenn sie anfügt, dass sie sich nur deshalb als Exotin betrachtete, weil sie damals nicht Marillion hörte, sondern die Neue Deutsche Welle geil fand. Daniela füllt übrigens mit ihrer Minidisko derzeit regelmässig ganze Clubs. «Heutzutage ist es ein Glück, dass ich nicht auf dieser Mainstream-Schiene gefahren bin», sagt sie deshalb rückblickend. Auch Eliane Müller suchte sich einen eigenen musikalischen Weg: «In der Realschule erhielt ich von den Jungs Public Enemy oder Run DMC überspielt, andere steckten einem Songs von Bon Jovi zu oder gaben sich den neuen tanzbaren Beats hin wie Technotronic oder Snap mit der dazugehörenden kurzen Acid-House-Phase hin. Komischerweise überraschte mich aber niemand mit Metallica, Slayer oder Sepultura. Dabei waren die doch während der 80er voll angesagt. Entweder waren meine Klassenkameraden alles Warmduscher oder die Zeit für mich noch nicht reif für härtere Klänge. Egal, die Welle brach ja später mehr als genug über mich herein!»
So beginnen die Geschichten der Musikmenschen. Ich selbst bin süchtig nach Musik. Seit langer Zeit. Und ich teile diese Sucht mit meinem Umfeld: Meine besten Freunde und auch viele Kumpels sind allesamt Musikfreaks. Sie haben ähnliche Biografien, sie haben ähnliche Wertvorstellungen. Es ist sicher nicht der Sound allein, der verbindet. Die Sympathien basieren kaum darauf. Doch die speziellen musikalischen Vorlieben sind auffällig. Das geht soweit, dass ich soagr an den Zusammenhang zwischen musikalischen Vorlieben und Charaktereigenschaften glaube. Diese Annahme wird übrigens durch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen bestärkt. Auf diese werde ich noch zu sprechen kommen.
